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Joachim Trier

Antonioni auf Amphetamin

Von Florian Vollmers Mit seinem Debütfilm Auf Anfang hat Joachim Trier bislang 16 internationale Filmpreise gewonnen, unter anderem erhielt er den »Discovery Award« auf dem Toronto Filmfestival. Der 1974 in Kopenhagen geborene Trier hat vor Auf Anfang eine Reihe von Kurzfilmen und Werbespots inszeniert, mittlerweile wird er als größtes Nachwuchstalent des skandinavischen Kinos gehandelt. Florian Vollmers sprach mit dem jungen Regisseur.


Wurden Sie vom weltweiten Erfolg ihres Erstlingsfilms überrascht?

Absolut. Wenn man seinen ersten Film fürs Kino dreht, verschwendet man keinen Gedanken an die Zeit danach. Erst als wir die erste Handvoll Preise gewonnen hatten, wurde uns langsam klar, daß die Menschen etwas an Auf Anfang mögen.

Was?

Ich glaube, in erster Linie mögen sie die schräge Filmsprache. Wir wollten eine Mischung aus jungen, hippen Stilmitteln und klassischem Kunstfilm hinkriegen. Ein Kritiker hat Auf Anfang nicht zu unrecht als »Antonioni auf Amphetamin« bezeichnet.

Dabei wirkt der Film alles andere als schnell…

Ganz bewußt haben wir schnelle Passagen mit langsamen, ruhigen Sequenzen abgewechselt. Der Film sollte vor allem einen unfertigen, fast schon chaotischen Eindruck auf den Zuschauer machen. Ich wollte eine filmische Sprache verwenden, die der narrativen Kultur von Mittzwanzigern entspricht: voller Anekdoten und Abschweifungen, suchend und offen.

Die Figuren Ihres Films haben viele Möglichkeiten, wissen aber nichts damit anzufangen. Ist das typisch für die Jugend der heutigen Zeit?

Ich glaube ja. Viele kommen heute aus wohlhabenden Verhältnissen. Weil ihnen alles offensteht, erleben sie es als herbe Niederlage, wenn sie die hohen Erwartungen in Sachen Beruf und Karriere nicht erfüllen können. Und auch die hohen Erwartungen an das Erleben der großen Liebe, die sie an sich selbst stellen.

War es schwer, die Produzenten von Ihrem ersten Kinoprojekt zu überzeugen?

Nein, gar nicht. Unser Drehbuch war derart ausgearbeitet, die Figuren und die Story so überzeugend, daß wir überhaupt keine Schwierigkeiten hatten. Die Hälfte der Produktionskosten stammt vom norwegischen Filminstitut, der Rest von einem unabhängigen Produzenten sowie einer Reihe kleinerer Geldgeber aus Norwegen und anderen skandinavischen Ländern.

Welche Erfahrungen haben Sie auf dem Filmfestival im US-amerikanischen Sundance, der wichtigsten Kontaktbörse für Nachwuchsregisseure, im vergangenen Januar gemacht?

Das Interesse an Auf Anfang war überwältigend. Praktisch alle Agenten haben mir Angebote gemacht, einen Film in Hollywood zu realisieren. Der Schritt von einem kleinen Oslo-Film zum US-Blockbuster schien mir aber noch zu weit. Obwohl ich mir vorstellen kann, einen großen Film für ein amerikanisches Studio zu drehen, bevorzuge ich es derzeit noch, kleine, private Projekte umzusetzen.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit dem Drehbuchautor Eskil Vogt aus, mit dem Sie auch Ihren nächsten Film vorbereiten?

Seit wir uns vor sieben Jahren auf der Londoner Filmschule kennengelernt haben, sind wir sehr enge Freunde. Damals entwickelten wir die Idee für einen Thriller, der zur Zeit des Kalten Krieges spielen sollte. Weil das Projekt einfach nicht vorankam, waren wir bald der Verzweiflung nahe. In dieser Zeit der Krise tauchten immer wieder Ideen und Geschichten aus unserer Vergangenheit und unserem privaten Umfeld auf. So hatte einer unserer Freunde eine tragische Erfahrung mit seiner Geliebten gemacht, was später im Film in die Figur des Philip einfloß. Aus diesen verstreuten Stücken entstand dann in jahrelanger Sammelarbeit das Buch zu Auf Anfang.

In Auf Anfang beziehen Sie sich sehr deutlich auf die Filme der französischen Nouvelle Vague, insbesondere auf François Truffauts »Jules et Jim«. Was kann diese Bewegung jungen Filmemachern heute noch sagen?

Man wird von audiovisuellen Einflüssen und Referenzen ja geradezu überwältigt. Trotzdem hat die Nouvelle Vague Bestand und bietet unendlich viel Inspiration, weil sie die Möglichkeiten des Mediums ausgelotet hat. Mit Auf Anfang wollten wir eine Art Nouvelle Vague-Pastiche drehen. Neben »Jules et Jim« haben wir uns auch an Godards »Masculin-Féminin« und an den Filmen von Alain Resnais orientiert.

Sehen Sie sich selbst als Teil einer neuen norwegischen Welle?

Nein. Zwar gibt es derzeit tatsächlich eine Reihe junger Regisseure, die auf individuelle Weise ihre ganz persönlichen Geschichten erzählen. Aber ich begreife mich eher als Außenseiter der norwegischen Filmlandschaft. Ich kenne kaum jemanden aus der hiesigen Szene, und viele aus der Crew von Auf Anfang kommen aus anderen europäischen Ländern. So haben wir beispielsweise einige Schauspieler aus Schweden für den Film engagiert.

In der Schlußszene beobachtet Philip seinen Freund Erik, der einen glücklichen Moment mit seiner Freundin Kari erlebt. Ob es Realität oder Einbildung ist, wird nicht ganz klar. Ist die Harmonie am Ende von Auf Anfang nur eine Fantasie?

Danach werde ich immer wieder gefragt, und ich bleibe dabei: Ich möchte darüber nicht sprechen. Aus meiner Sicht ergibt sich die Antwort auf diese Frage ganz logisch aus dem Handlungsverlauf. Aber das soll jeder Zuschauer für sich selbst herausfinden. 1970-01-01 01:00
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