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Jan Krüger

»Ich will mich nicht hinter der Inszenierung verstecken, sondern immer erke

Von Christian Horn Von Regisseur Jan Krüger ist kürzlich bei der Edition Salzgeber unter dem Titel »Verführung von Engeln« eine Sammlung von vier Kurzfilmen auf DVD erschienen. Im Interview mit Christian Horn erzählt Jan Krüger von seinem künstlerischen Selbstverständnis als Filmemacher.


Woher kommt bei Dir die Liebe zum Film? Gab es ein prägendes Erlebnis in der Jugendzeit?

Nicht wirklich. So das Klassische, etwa als Kind schon immer mit der Super8- oder Videokamera rumlaufen, das gab es bei mir nicht. Bei mir war es eher die Fotographie, zum Beispiel die Fotos von Larry Clark. Dann kamen zwei Sachen zusammen: zum einen das Coming Out, das natürlich immer nach Verarbeitung ruft. Und dann auch der Wunsch, bestimmte Sachen ausdrücken zu können, bei denen ich das Gefühl hatte, daß es für mich nur über Film möglich ist, weil es das konkreteste Medium ist. Konkret sollte es nämlich schon sein, nicht abstrakt. Es ging mir zunächst nicht um formale Experimente oder eine bestimmte Ästhetik, sondern tatsächlich darum, bestimmte Geschichten zu verarbeiten.

Und wie kommst Du dann zu einem Physik-, Elektrotechnik- und Soziologiestudium?

Das war ja das allererste, was ich gemacht habe vor meinem Wunsch, mich in Filmen auszudrücken. Das hing auch mit dem Elternhaus zusammen. Mein Vater ist Ingenieur und so bin ich da wohl ein bißchen reingerutscht. Es hat zwar auch immer Spaß gemacht, aber da war eine Lücke. Das Leben ist viel schwieriger als eine Gleichung mit fünf Unbekannten, obwohl so eine Gleichung schon schwierig genug ist. Mathematik reicht zwar auch ins Philosophische rein, aber es gibt eben auch Fragen, die man nicht über eine Definition beantworten kann. Soziologie war dann schon eher, was mich interessiert hat, da fand ich die Fragen spannender. Die Einsicht, daß es manchmal nie eine abschließende Antwort gibt, hat mich erst vor den Kopf gestoßen, dann aber viel mehr fasziniert.

Sag doch bitte kurz was zu Deinen beiden Kurzfilmen »In den Kreis des Lichts« und »Hochzeitsvorbereitungen«?

Die, von denen man nie wieder was gehört hat? Das sind einfach Arbeiten, die ich am Anfang meines Studiums gemacht habe. Das eine ist eine Dokumentation ["In den Kreis des Lichts"], das andere eine Gemeinschaftsarbeit mit anderen Studenten, im Rahmen einer Übung. Die kann man bestimmt noch im Archiv der Kunsthochschule finden, aber es ist nicht so, daß ich diese Filme als meine eigene Handschrift ansehen würde. Das waren mehr so Fingerübungen.

Du hast gesagt, daß »Im Kreis des Lichts« ein Dokumentarfilm gewesen ist. In Deinen Filmen gibt es, abgesehen vielleicht von »Tango Apasionado«, immer auch einen dokumentarischen Aspekt. Würdest Du auch mal einen reinen Dokumentarfilm machen?

Eigentlich habe ich vor Dokumentarfilmen bisher immer noch mehr Schiß gehabt als vor fiktiven Geschichten. Bei fiktiven Sachen gibt es relativ geklärte Charaktere, man spricht vorher mit den Beteiligten, und alle wissen, worauf sie sich einlassen. Bei Dokumentarfilmen dringt man aber in die reale Welt von jemandem ein, in das echte Leben eines Menschen. Da habe ich noch immer viel Respekt vor. Inzwischen kann ich mir aber schon vorstellen da ein oder zwei Sachen zu machen, zum Beispiel über den Fotographen Will McBride, den ich sehr bewundere.

Wie ist Deine Beziehung zu Horst Königstein [Dozent Krügers an der Kunsthochschule für Medien, Köln]. Kann man ihn als eine Art Mentor bezeichnen?

Ja, auf jeden Fall. Ich hatte die ersten zwei Jahre an der Kunsthochschule das Gefühl, daß ich kein Künstler bin, und ich fühle mich auch heute bei dem Begriff noch nicht so wohl. So habe ich lange mit mir gehadert, während manche anderen Leute da schon sehr selbstbewußt aufgetreten sind. Horst Königstein war dann der erste, bei dem ich das Gefühl hatte, daß er mich nicht nur nach meiner Leistung beurteilt, sondern sich ehrlich für das interessiert, was ich mache. Er hat mich dann auch die Jahre danach begleitet und mir immer Mut gemacht, meinen eigenen Weg zu gehen. So jemanden muß man finden, sonst wird es schwierig – jemanden, der einen komplett schätzt, unabhängig von Erfolg oder Mißerfolg.

"Verführung von Engeln« ist ja nur sehr vage geplant gewesen. Wie arbeitest Du mit Deinen Cuttern zusammen?

Der Schnitt von »Verführung von Engeln« war die erste Montagearbeit, die ich selbst miterlebt habe. Da hat Rita Schwarze, die Editorin, ziemlich eigenständig gearbeitet. Ich saß zwar daneben, aber das Material hat sie zusammengefügt und tatsächlich die Form gefunden, die dann auch die Stimmung der Musik und der Bilder getroffen hat. Bei Freunde war es dann auch noch mal so, daß Rita Schwarze sehr eigenständig aus dem Material die Geschichte gebaut hat, was dann auch ein Art magischer Moment war. Vorher hätte das Ganze auch einigermaßen belanglos werden können. Rita hat es dann aber geschafft, da die tiefere, darunter liegende Ebene herauszuarbeiten, was fast ein unheimlicher Prozeß war. Seitdem habe ich natürlich Erfahrungen gemacht und dazu gelernt, wodurch die Projekte immer konkreter geworden sind. Von Projekt zu Projekt wußte ich immer genauer, wie es aussehen soll, und habe dann entsprechend enger mit den Editoren zusammengearbeitet.

Wie war es, so früh in Deiner Laufbahn den »Silbernen Löwen« für Deinen Abschlußfilm Freunde zu gewinnen? Hat es Dir Angst gemacht? Freude bereitet? Oder beides?

Weil ich damals als Student in der Filmlandschaft noch nicht so richtig angekommen war, wußte ich gar nicht, was das beruflich bedeutet und habe das einfach genossen. Das war eine ziemlich gute Erfahrung. Und es hat mir dann den Weg zu einem langen Spielfilm geebnet, den ich fast ohne Einschränkungen von außen machen konnte. Das Drehbuch war nicht hundertprozentig ausgearbeitet, aber ich konnte sagen: Der letzte Film hat euch gefallen, jetzt laßt mich mal machen.

Wie ist der Dreh zu Deinem folgenden Film, »Unterwegs«, abgelaufen?

Wir haben das Team für einen Spielfilm sehr klein gehalten, wodurch wir sehr flexibel sein konnten und Freiräume zum Ausprobieren hatten. Weil wir auf Video gedreht haben, brauchten wir kein großes Kamerateam, und auch die Beleuchtung war sehr reduziert. Alles war sehr überschaubar und mobil. Trotzdem braucht man eine Logistik, um ein Team vier Wochen lang zusammenzuhalten. Und das bedeutet Planung, und Planung ruft immer gewisse Zwänge hervor. Ich habe dann anfangs ein paar mal morgens spontan den Drehplan geändert und was anderes probiert – da ist mir die Produktion am dritten oder vierten Tag fast explodiert. Und die Teamleute fanden das alle total willkürlich und blöd. Es war von daher erst mal eine schwierige Erfahrung, anders als bei Studentenfilmen, wo alle mit einem kurzen Schulterzucken Änderungen quittieren. Das war erst mal ein ziemlicher Schock. Und die letzten drei Wochen waren sehr anstrengend, weil wir ins Ausland mußten, weil das Wetter immer schlecht war und weil die Schauspieler immer mal ihre eigenen Widerstände hatten. Zum Glück hatte ich die Kamerafrau [Bernadette Paassen], mit der ich eng zusammengearbeitet habe. Am Ende dachte ich aber immer öfter: Laß uns das jetzt bitte einfach fertig machen.

Darauf baut ja Dein Prozeß des Filmemachens auf: das Finden von Zufälligem, von kleinen Momenten, wie etwa dem Zigarettenqualm, der ins Auge fliegt. Das sieht von außen natürlich willkürlich aus, auch wenn es zielgerichtet ist.

Genau. Das ist eine große Herausforderung an die Kommunikation. Vor allem, wenn man noch nicht so erfahren ist und nicht immer weiß, wie man die Leute clever miteinbeziehen und das Team jeden Tag auf etwas heiß machen kann, bei dem man selbst nicht genau weiß, was dabei rauskommt. Das war teilweise sehr schwer.

Der einkrachende Stuhl aus »Unterwegs«. Ist das Inszenierung oder Zufall?

Das war inszeniert und stand schon im Drehbuch. Die Idee ist allerdings nicht von mir gewesen.

"Tango Apasionado« ist ja im Rahmen für die Veranstaltung »Michael Haneke – Meet the Maestro« als Hommage entstanden. Bist Du dafür gefragt worden oder hast Du Dich selbst beworben? Und wie lief das Projekt ab?

Da bin ich gefragt worden. Ich hatte freie Wahl was das Thema angeht, durfte aber nicht länger als 15 Minuten Film abliefern und hatte ein kleines Budget. Dann habe ich mir zunächst Haneke-Filme angesehen; gleichzeitig hatte ich ein Schauspielerseminar und wollte mal ausprobieren, was ich da gelernt habe. Die Schauspieler führen, einen bestimmten Rahmen abstecken und eben mal nicht so frei zu arbeiten wie davor. Ich wollte versuchen, alles zu kalkulieren, bevor es passiert. Dann habe ich mir die Montagetechnik von Haneke angesehen und die Schwarzblenden übernommen. Und auch die Idee, sehr lange Einstellungen, die lose verknüpft werden, zu drehen, kommt aus Haneke-Filmen. Auch diese Frage, was der Zuschauer damit macht, hat mich beschäftigt, zum Beispiel die Sache mit der Schlußklappe.

Wie ist die Entscheidung gefallen, in »Hotel Paradijs« so experimentell zu arbeiten, mit Wechseln von Schwarzweiß- und Farbaufnahmen? Bei der Planung oder im Schneideraum?

Die Idee war schon vorher da, und die Schwarzweiß-Szenen sind auch auf Schwarzweiß-Material gedreht. Da haben viele Leute dem Kameramann und mir den Vogel gezeigt, weil Farbmaterial weniger kostet und man die Farbe auch in der Nachbearbeitung hätte rausnehmen können. Aber das war so eine selbstgestellte Herausforderung, um zu sehen, ob es funktioniert. Einer meiner Lieblingsfilme, »Happy Together« von Wong Kar-wai, hat auch diese Farbwechsel. Und ich gebe gerne zu, daß ich Sachen, die ich gelungen finde, auch selbst mal ausprobieren will. Und es war auch klar, daß Schwarzweiß ein bißchen das Künstliche des Films reflektiert; so bekommt die Geschichte noch stärker etwas Allegorisches, Traumhaftes.

Nach Wong Kar-wai wollte ich Dich auch fragen. Ich habe Deinen Stil aus »Verführung von Engeln« und »Hotel Paradijs« in einer Kritik mal mit dem Wong Kar-wais verglichen.

Wong Kar-wai hat eine interessante Perspektive und eine sehr risikohafte Art zu arbeiten, gerade in den früheren Filmen. Eine Art des Erzählens, bei der man vorher nicht genau weiß, wo man hinkommt. Man schlägt zwar eine Richtung ein und merkt, wo es weh tut, und wo das Herz schneller schlägt, aber kann nicht sagen, was am Ende dabei rauskommt. Im besten Fall macht man sich aber damit selber sichtbar und ermöglicht es auch dem Zuschauer, sich einzubringen. Und ich mache mich als Filmemacher gerne sichtbar.

Du hast in der Diplomarbeit zu Freunde geschrieben, daß Dein Ansatz des Filmemachens utopisch, zumindest naiv ist. Wie siehst Du das heute?

Ich glaube schon, daß ich das noch immer so sehe und wäre stolz, wenn sich ein bißchen davon bewahrt. Über »utopisch« kann man sich streiten. Auch wenn meine Filme nicht vordergründig politisch sind, glaube ich, daß in den Stoffen immer auch ein bestimmter Begriff von Freiheit steckt. Der Wunsch nach einer Befreiung von moralischen und gesellschaftlichen Konventionen, hin zu einem Leben, das man nur vor sich selber verantworten muß. Deswegen gibt es bei mir auch keine Bösewichter, die die Figuren bremsen, sondern die Schwierigkeiten kommen aus den Charakteren selbst.

"Freunde« auf der einen Seite, »Tango Apasionado« aufder anderen. Welchen Weg willst Du in Zukunft weitergehen? Improvisation oderInszenierung?

Ich hoffe ja, daß das wächst. Bei Freunde ging eineRegieübung voraus, bei der sehr klassisch gearbeitet wurde, mit einer Kameraauf einem Dolly und einer vorher festgelegten Choreographie. Das hat mir damalsgar nicht gefallen. Deswegen habe ich dann bei Freunde eine kleineKamera genommen und den Schauspielern volle Bewegungsfreiheit gelassen. Bei dersehr statischen Arbeitsweise von »Tango Apasionado« habe ich auchwieder sehr viel gelernt, wobei ich denke, daß diese Art der Inszenierungin einem längeren Spielfilm an ihre Grenzen stößt. Ich will michnicht hinter der Inszenierung verstecken, sondern immer erkennbar bleiben.

Aber man macht sich als Filmemacher doch immer sichtbar, oder?

Nein, nicht unbedingt. Man kann sich zum Beispiel ganz gut hinter großenSchauwerten oder toll gemachten Cinemascope-Bildern verstecken. Hinterher denktder Zuschauer sich dann: Okay, ich habe das alles verstanden, aber wo war derRegisseur? Da fehlt mir das Herz. Natürlich hängt es auch immer vomProjekt ab, welche Form man wählt. Jedenfalls will ich noch viel ausprobieren,vor allem im Kurzfilm. Da kann man leichter mal Sachen versuchen, weil ein Kurzfilmsich nicht unbedingt verkaufen oder kommerziell ins Kino kommen muß. Mankann diese Form gut als Spielwiese benutzen.

Du bist also noch auf der Suche und wirst es wohl auch immer bleiben.

Ja. Deswegen freue ich mich jedesmal, wenn ich wieder an einem nächstenFilm arbeiten kann. Man lernt bei jedem Dreh so unglaublich viel dazu. Ein Regisseurmacht vielleicht alle zwei, drei Jahre einen Film und trotzdem ist der Erkenntnisgewinnjedesmal unglaublich hoch, weil es immer wieder eine intensive Erfahrung ist.

Abschlußfrage: Fühlst Du Dich dem Konstrukt »Berliner Schule« verbunden,beziehungsweise siehst Du Parallelen zu Deinem eigenen Filmschaffen?

Eigentlich ist es hauptsächlich die Zusammenarbeit mit der Produktionsfirma,Schramm Film, die ein Zentrum der »Berliner Schule« bildet. Es warein guter Zufall, daß ich mit »Unterwegs« bei denen gelandetbin und daß es auch so gut funktioniert hat. Florian Koerner und MichaelWeber haben sehr klare Vorstellungen, sind sehr kompromißlos in ihrer Autorenspracheund wagen auch durchaus mal, nicht zwanghaft zu unterhalten. Von daher fühleich mich schon zugehörig, würde aber nicht versuchen, ein Manifestdraus zu machen. Ich will in meinen Filmen immer neben der intellektuellen Ebeneauch eine emotionale ansprechen. Es darf auch ruhig mal romantisch werden. Klar,als Filmemacher will man schließlich auch immer irgendwie berühren. 1970-01-01 01:00
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