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Marek Harloff

Kultivierter Kick

Von Oliver Baumgarten, Nikolaj Nikitin Marek Harloff zählt zu den versiertesten Jungdarstellern Deutschlands, wurde u.a. mit dem Goldenen Löwen für Der Skorpion ausgezeichnet und als nicht klassisch ausgebildeter Schauspieler mit einem Gast-Engagement am Thalia Theater geadelt. Zum Gespräch traf er sich im Frühjahr 2000 mit Oliver Baumgarten und Nikolaj Nikitin.


Du stammst aus einer Künstlerfamilie, Dein Großvater war Intendant von Wolfgang Borchert, mit dem er im Krieg Fronttheater machte, und Dein Vater ist Regisseur und Cutter. Stand Dein Beruf für Dich deshalb früh wie selbstverständlich fest?

Als mein Bruder Fabian – ich war 13 oder 14 – Teeniestar wurde [TKKG, 1986-87], stand für mich zunächst fest, ich würde diesen Beruf nie und nimmer ergreifen und auf jeden Fall etwas anderes machen. Wir sind ein Jahr auseinander, so daß eine Konkurrenz immer da war, selbst beim Tischtennis oder Fußballspielen. In der Pubertät warf mich das in eine Krise, ich fand alles doof, speziell diesen Starrummel. Ich konnte es mir nicht eingestehen, aber ich war neidisch und mußte einfach etwas machen, das keinen Vergleich zwischen uns mehr zuließ. Mit 16 bin ich als Austauschschüler nach Amerika gegangen und habe durch Zufall bei einer Schauspiellehrerin gewohnt. Plötzlich besuchte ich dort viele Improvisations-Workshops und spielte einige Stücke auf semiprofessionellem Level – unbelastet von jeglicher familiärer Bindung. Wieder in Deutschland, habe ich Musik gemacht – Punk, Rock, Pop, Jazz. Irgendwann dachte ich, ich verbinde Theater und Musik, und begann, einige Jahre klassischen Gesang zu studieren. Außerdem bewarb ich mich bei drei Schauspielschulen, wurde abgelehnt und studierte ein bißchen Germanistik und Philosophie. Mit Anfang zwanzig stellte ich schließlich fest, ich renne hier die ganze Zeit vor etwas weg und entschloß mich endgültig, Schauspieler zu werden. Nach Privatunterricht habe ich alle Serienrollen kategorisch abgelehnt, weil ich wußte, das will ich nicht machen. Dann kam das Angebot von Dieter Wedel für den »Schattenmann«, der viel bei mir ausgelöst hat.

Die Stringenz Deiner Filmographie fällt natürlich auf. Erfordert es nicht unglaubliche Chuzpe, monatelang Bücher abzulehnen und auf das Richtige zu warten?

Das Neinsagen ist schwer, schließlich macht die Arbeit ja auch Spaß. Mittlerweile fällt es mir leichter, auch, weil ich festgestellt habe, es kommt irgendwann das Buch, wofür es sich gelohnt hat, so lange zu warten. Nach dem Skorpion habe ich zum Beispiel ein Jahr lang Pause gemacht, weil nichts Ansprechendes kam. Wenn ich einen Film nach dem anderen drehe, dann verliere ich irgendwann auch den Spaß daran, es wird zu routiniert. Andererseits sollte man sich aber finanziell darauf einstellen, überwintern zu müssen. Die meisten Jungschauspieler vergessen, daß es nicht immer so fließt. Ich habe es mir nun mal geleistet, lange nicht zu arbeiten, weil ich mir das Geld auch eingeteilt habe. Erst in den letzten zwei Jahren kommen vermehrt interessante Bücher, und ich könnte, wenn ich wollte, auch mehr arbeiten.

Deine besten Rollen, in »Der Skorpion«, »Drachenland« oder »Stille Nacht, heilige Nacht«, sind durch einen sehr ausgeprägten Punkt, einen schweren Vaterkonflikt, miteinander verbunden. Ist das Zufall?

Ja, das ist wirklich Zufall. Mir ist es erst später bewußt geworden, und ich habe mir überlegt, ob ich in diesem Punkt vielleicht selbst ein Problem habe und über die Rollen versuche, etwas zu bewältigen. Tatsächlich habe ich aber eher in Bezug zu meinem Bruder ein Problem des Nicht-beachtet-Werdens. Bei all diesen Filmen ist es jedoch der Vater. Als Kind und Jugendlicher empfand ich es schon problematisch, an zweiter Stelle zu stehen. Zudem war mein Bruder früher oft krank und dann sehr expressiv. Unbewußt werde ich mir diese Rollen wohl schon ausgesucht haben, auch wenn es jetzt nicht unbedingt meinen Vater betrifft.

Wie empfindest Du die Tatsache, daß Du meistens erheblich jüngere Figuren spielst?

Damit, daß ich jünger aussehe, habe ich inzwischen
keine Probleme mehr, ich fühle mich damit sehr wohl und
bin auch froh darüber. Ich spiele gerne Jüngere – das sind ja Erfahrungen, die ich bereits gemacht habe. Ich schätze, ich hätte ein Problem, einen 29jährigen darzustellen, weil ich selbst noch gar nicht weiß, wie das so ist. Ich halte es für einen Riesenvorteil, runterzuspielen. Langsam bekomme ich aber auch Schwierigkeiten bei 17-18jährigen, es droht, in eine solche Ferne zu rücken, daß es immer komplizierter wird, das Lebensgefühl hervorzukramen. Außerdem bin ich jetzt Vater und habe dadurch eine ganz andere Reife bekommen. Ich denke, zehn Jahre sind die Runterspiel-Grenze, danach wird es doch schwierig, die Affinität wiederzuerlangen, die ich bis jetzt immer noch hatte – und die ich zu meinem tatsächlichen Alter noch nicht besitze.

Es fällt auf, daß Du oft mit Laura Tonke und Marie Zielcke gespielt hast und Du mit beiden wunderbar harmonierst.

Sie sind beide meine Lieblingsschauspielerinnen. Laura kann diese zerbrechlichen Rollen spielen, weil sie eine große Kraft hat. Wir sind nicht so eng befreundet, aber wir mögen uns, und dadurch haben wir die Möglichkeit, auch körperlich enge Szenen ernsthaft zu spielen. Mit Marie Zielcke bin ich enger befreundet. Ich finde, Marie setzt ihre Verletzbarkeit so ein, daß es großartig rüberkommt. Was Laura aus ihrer Stärke holt, macht Marie, glaube ich, aus ihrem Schmerz oder ihrer Ängstlichkeit heraus. Bei den engen Szenen mit Marie hatte ich das Gefühl, man muß sie einfach mal in den Arm nehmen und ihr helfen und hat dadurch auch Nähe.

Welche Aufgabe kommt denn dem Regisseur zu, wenn Du sehr gut mit einem Partner korrespondierst, ist das ein Vorteil?

Ich glaube, wenn man eine zu enge Spielbasis miteinander aufbaut, wird es schwieriger für den Regisseur. Er hat dann wenig Möglichkeiten, einzugreifen. Es kann aber auch ganz toll funktionieren, wenn die beiden Schauspieler den ganzen Film über nur eine vage Verbundenheit zeigen müssen. Ich kann mit ein bißchen Abstand besser umgehen. Dadurch nämlich wird die Arbeit mit dem Regisseur erst ermöglicht, er kann diese Annäherung forcieren, wenn sie nicht von vornherein ganz klar da ist. Wenn Marie und ich ein Liebespaar spielen sollten, würde es sicher schwer für den Regisseur, weil wir uns so gut kennen. Mit Heiner Lauterbach im »Skorpion« war es so, daß wir uns mochten und gut miteinander klarkamen, daß wir miteinander Spaß hatten und gleichzeitig eine Distanz. Diese Distanz war für die Geschichte wichtig, und Dominik Graf hat ganz gut überblickt, wo er mehr zusammenfügen mußte und wo nicht. Das finde ich generell sehr spannend am Film: daß gewisse Stimmungen rüberkommen, die aus dem Unterbewußtsein mitschwingen, aber die dann doch übertragen werden, vielleicht sogar unterbewußt hochgeholt und als Mittel oder Werkzeug benutzt werden, um die Figur verkörpern zu können.

Wie integrierst Du die Kamera in Dein Spiel, hast Du irgendwann gelernt, sie als Partner zu akzeptieren?

Auch wenn ich mich vollkommen konzentriere, ich spüre die Kamera. Ich versuche, das meiste aus einer starken Konzentration anzugehen und selbst extrovertierte Szenen eher aus einer Ruhe heraus zu spielen. Durch die Konzentration auf die Rolle ist mir die Kamera immer präsent – und dadurch kann ich sie ignorieren. Das scheint zwar absurd, aber ich habe es einfach im Gespür. Mit der Kamerafrau von Drachenland [Judith Kaufmann] drehte ich im letzten Herbst einen weiteren Film. Da wir genau voneinander wußten, wie wir reagieren, hatten wir die Möglichkeit, die Kamera manchmal völlig zu ignorieren – sie war einfach da, ohne da zu sein.

Bist Du Anhänger einer bestimmten Schauspielertheorie?

Ich habe mich nach etwas gerichtet, das ich bei Stanislavskij gelesen habe: Wenn du in der Rolle bist, passiert alles automatisch, weil du die Figur handeln läßt. Das ist auch meine Strategie, in der Figur zu sein. Ich frage nicht: Was verbindet mich persönlich mit ihr? Wenn ich weinen muß, versuche ich nicht, an etwas Trauriges zu denken, sondern frage mich, was für die Figur jetzt so traurig sein könnte. Dann muß es automatisch passieren, diese Trauer zu empfinden. Es klappt nicht immer, wenn es aber funktioniert, ist das ein echter Kick. Im Skorpion war das so. Ich wußte, ich kann mich fallen lassen, Regisseur und Kameramann schützen mich. Das ganze Team wirkte unglaublich beruhigend, da war das Spielen ein echter Kick, so ein bißchen wie auf Droge. 1970-01-01 01:00
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