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Florian Gallenberger

Von beiden Seiten das Gute

Von Franziska Nössig Am 12.5.05 startet die deutsch-indische Koproduktion Schatten der Zeit. Am Rande einer Kölner Vorpremiere der Filmsociety traf Franziska Nössig den Regisseur Florian Gallenberger auf ein Gespräch über die besonderen Dreharbeiten des Films.


Als das Exposé für Schatten der Zeit fertig war, sind Sie das erste Mal in Ihrem Leben nach Indien gefahren. Wie wirkte dieses Land auf Sie?

Das war schockierend für mich, und ich habe das Land am Anfang überhaupt nicht verstanden, habe mich total abgestoßen gefühlt. Was tatsächlich nur daran lag, daß ich keinen Zugang gefunden habe. Ab der zweiten Reise hatte ich dann einen Kalkuttaner mit dabei. Ich konnte gar nicht mehr glauben, daß ich im selben Land war. Die Sachen, die vorher sinnlos waren, ergaben plötzlich einen Sinn. Hinter dieser sehr offensichtlichen Fassade von Lärm, Schmutz, Chaos, Armut – was einem so sehr ins Auge springt – gibt's noch sehr viel anderes, was man nicht sofort sieht.

Sie haben also auch Seiten von Indien kennengelernt, die vielen Touristen wahrscheinlich verborgen bleiben. Würden Sie Indien als ein »schönes Land« bezeichnen?

Also, Indien ist ein wahnsinnig schönes Land, und Indien ist auch ein wahnsinnig häßliches Land. Es ist ein wahnsinnig bezauberndes und ein abstoßendes Land. Das einzige, was über Indien stimmt, ist, daß es alles zu bieten hat. Man kann nichts Verallgemeinerndes sagen. Ich habe nie ein Land gesehen, wo so große Unterschiede herrschen, wo du so viel Eleganz mit soviel Plumpheit siehst. Gerade diese Kluft macht es so schwer, dieses Land auszuhalten.

In den Tempelszenen in der ersten Filmhälfte scheinen diese Unterschiede jedoch aufgehoben. Eine laute, bunte Menschenmasse, mit Vertretern aus allen Schichten, schiebt sich dort nachts durch die Gänge des Tempels. Dies ist kein Ort der Ruhe, sondern eine Stadt in der Stadt. Wie sind diese Szenen entstanden?

Also, da ist viel los in indischen Tempeln. Vor allem in hochfrequentierten Tempeln, das ist wie auf dem Jahrmarkt, die schreien und verkaufen. Der Tempel, in dem wir gedreht haben, ist eigentlich stillgelegt, den haben wir zum größten Teil wieder aufgebaut. Zum Beispiel gab's da die ganzen Figuren nicht.
Auch das Tor zum Tempel, also vom Wasser aus, das war da gar nicht. Das ist über einen Schnitt kombiniert, das ist ein anderer Drehort gewesen. Allerdings, was sehr schön ist: Drei Wochen nachdem wir den Tempel abgedreht hatten, haben wir in der Nähe nochmal gedreht, und ich bin in der Drehpause dahin gefahren. Wir hatten den Nandi, den Ochsen, und Shiva stehen lassen, und als ich ankam, waren da 50 Leute und haben gesungen, geopfert, haben da Blumen hingelegt. Unser Filmtempel ist also zu einem funktionierenden beliebten kalkuttanischen Tempel geworden.

Selbst wenn Sie diese Szene zunächst mit Komparsen bevölkern mußten, gab es doch wahrscheinlich andere Drehorte, an denen Sie sich in der Millionenstadt Kalkutta vor Menschen kaum retten konnten…

Also die größten Szenen waren tatsächlich der Tempel, die Prostituiertenstraßen, die Bushaltestelle nachts und der Bahnhof. Und da treibt man zuerst alle Leute raus, dann ist alles leer, dann muß man es ausstatten, und dann treibt man seine Komparsen wieder rein. Wir konnten also erst um 10 Uhr abends rein. Und an jedem öffentlich zugänglichen Drehort in Indien hat man Publikum. An dem Busbahnhof hatten wir zum Beispiel drei bis vier Tausend Zuschauer, die alle mitmachen wollten, weil sie gemerkt hatten, daß es Essen und Trinken gab. Wenn man die Leute wegschickt, kann man sie sehr schnell kränken. Aber wenn man sagt, »Wir brauchen noch Extras!«, und da kommen dann 4.000 Leute auf dich zu – also, das kostet sehr viel Nerven und sehr viel Kraft.

Wie wurde denn Ihr Vorhaben, einen deutsch-indischen Film zu drehen, generell in Kalkutta aufgenommen?

Dadurch, daß wir auf Bengali gedreht haben mit indischen Schauspielern, haben sich die Inder sehr geehrt gefühlt, daß sich jemand für ihr Land interessiert und eine Geschichte erzählen möchte – und eben nicht nur ein paar Naturhintergründe oder nur die Armut zeigt. Die Unterstützung auf indischer Seite war sehr groß, und durch die deutsch-indische Crew ist von beiden Seiten das Gute mit eingeflossen. Die Machart, die Qualität der Herstellung ist definitiv deutsch, der Mut zur Emotion ist dann eben eher indisch.

Einprägsam ist die Anfangsszene des Films, die Kamera kreiert hier ein sehr ästhetisches Bild: Ein alter Mann geht durch eine menschenleere Fabrikhalle. Die Werkstätten sind verstaubt, unzählige Spinnweben liegen auf den alten, ruhenden Maschinen…

Unsere Fabrik im Film ist im realen Leben noch vollkommen intakt, allerdings waren in einem Teil der Halle die Maschinen kaputtgegangen, und wir haben für den Dreh nur noch ein bißchen nachgeholfen. Außer in dieser Ecke war in der Halle die Hölle los. Dort arbeiten heute 7.000 Menschen an original gußeisernen Maschinen von 1880. Ich habe so etwas noch nie gesehen, da steht einem der Mund offen! Der Lärm ist unvorstellbar, man kann mit Worten überhaupt nicht kommunizieren. Man kann sich nur mit Zeichen verständigen. Ich muß also jedesmal schmunzeln, wenn der alte Ravi im Film durch diese angeblich so stille Halle geht.

Im Film werden die Kinder Ravi und Masha erwachsen. Dazu haben Sie mit Schauspielern aus drei Generationen gedreht. Wie sind die Kinderdarsteller mit dem Stoff umgegangen?

Beide konnten sich mit den Rollen identifizieren, weil sie beide aus armen Verhältnissen kommen. Daß Kinder zum Geldverdienen verkauft werden, um die Familie zu ernähren – das war schon Teil ihrer Realität. Bei der ersten öffentlichen Vorführung war das Mädchen eher verschämt, sie hat sich wahnsinnig gefreut, aber sie hätte damit nicht angegeben. Der Kleine hat ein paar Freunde mitgenommen, der war schon stolz. Er hat gesagt, er findet's klasse, aber in der Szene, als das Mädchen aus der Fabrik geht, da hätte eine Tanzszene sein müssen, das kann man doch ohne Tanzszene nicht machen! 1970-01-01 01:00
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