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Stephen Frears

Wie verliebt man sich?

Von Christine Dorn, Oliver Baumgarten Im Vorfeld des Zürich Film Festivals, auf dem der englische Regisseur im Oktober mit dem Golden Eye für sein Lebenswerk geehrt wurde, sprachen Christine Dorn und Oliver Baumgarten mit Stephen Frears über das Filmemachen im allgemeinen und seinen neuen Film The Queen im besonderen.


Welche Rolle spielt die Queen in Ihrem Leben?

Die Queen ist länger Teil meines Lebens als jede andere Person. Meine Mutter ist vor 35 Jahren gestorben, auch meine Brüder leben nicht mehr. Meine Frau, meine Kinder – sie haben mich förmlich gerade erst kennengelernt im Gegensatz zur Queen. Die Queen begleitet mich seit fast 60 Jahren, wenn auch größtenteils unbewußt. So weit ich weiß, hat noch niemand zuvor einen Film über sie gemacht, und das Drehbuch zu The Queen war sehr gut, unterhaltsam und witzig. Es gab also genug Gründe, diesen Film zu machen.

Weiß die Queen Näheres zum Film?

Keine Ahnung. Ich denke schon, daß sie weiß, daß es um die Woche von Dianas Tod geht. Ganz sicher weiß sie, daß es eine ziemlich schlechte Woche war. Wenn ich die Queen wäre, wäre ich begeistert darüber, daß mich jemand als normale Frau darzustellen versucht und mal nicht als Galionsfigur. Aber ich wurde ihr leider noch nicht vorgestellt.

"Dangerous Liaisons«, High Fidelity, The Queen – Ihr gesamtes Œuvre zeigt: Sie lieben es, Geschichten zu erzählen. Stilistisch allerdings ist es komplett unterschiedlich. Lieben Sie auch die Abwechslung?

Ach, ich weiß nicht, irgendwie war das auch Zufall. Allerdings verstehe ich tatsächlich nicht, daß manche Leute immer wieder einen und denselben Film machen. Einerseits akzeptiere ich Renoir, wenn er sagt, daß alles, was wir tun, wie die Wiederholung des immergleichen Films ist. Andererseits bin ich aber einfach nur an verschiedenen Dingen interessiert. Es ist wie ein kleines Abenteuer: Ich weiß nie, welchen Film ich als nächstes drehen werde. Der Gedanke, den immergleichen Film zu drehen, ist so deprimierend! Das würde mich furchtbar langweilen. Ich mache nur, was mich wirklich interessiert. Das ist etwas schwer zu beschreiben: Wie verliebt man sich? Es ist komplett irrational und unbewußt.

Sie denken bei der Entscheidung nicht ans Publikum?

Natürlich frage ich mich auch, ob Leute den Stoff mögen könnten. Aber den ersten, den du als Filmemacher interessieren mußt, bist du selbst! Wenn es dich nicht interessiert, wie soll es dann das Publikum ansprechen? Und je älter ich werde, desto mehr glaube ich, der erste Zuschauer zu sein. Ich habe meine Arbeit also nie vom Zuschauer getrennt begriffen. Es scheint fast, als sei das Publikum das einzige, das zählt, das dich morgens aufstehen läßt und dich stimuliert.

Wie würden Sie Ihre Arbeit am Set beschreiben? Sind Sie offen für Meinungen?

Ich sehe mich selbst nicht als Auteur. Und doch hilft mir diese Bezeichnung dabei zu sagen: Ich werde dafür bezahlt, die Entscheidungen zu treffen. Es klingt einfach netter. Denn am Ende des Tages entscheide ich. Trotzdem geht es darum, bei der Arbeit die gesamte Zeit über eine Art intelligente Unterhaltung mit allen laufen zu lassen. Mir gefällt die Idee, daß alle zum Werk beitragen, und dafür braucht es eine Atmosphäre, in der sich jeder dazu aufgefordert fühlt. Wenn ich also sage, ich habe die komplette Kontrolle über alles, beinhaltet das auch die Fähigkeit, sie ab und zu komplett abzugeben. Eine Schauspielerin wie Helen Mirren etwa ist eine sehr intelligente und unabhängige Frau. Sie einfach in dem, was sie sich vorgenommen hat, zu unterbrechen und ihr ständig etwas anderes aufzudrücken, wäre idiotisch. Oder meine Editorin Lucia Zucchetti: Schon beim Drehen weise ich auf Schnittmöglichkeiten hin, danach aber lasse ich Lucia machen. Man muß sich darüber klar werden, was jeder einzelne zum Gesamten beitragen kann.

Das Gespräch führten
Christine Dorn und Oliver Baumgarten 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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