— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Katharina Franck

Hörfilm

Von Mit den Rainbirds wurde Katharina F Mit den Rainbirds wurde Katharina Franck Ende der 80er Jahre einem größeren Publikum bekannt. Nach dem vorläufigen Ende ihrer Band beschäftigte sie sich vermehrt mit der musikalischen Adaption von Theater und Literatur. Auf ihrem jüngst erschienenen Album »Zeitlupenkino« unternimmt Katharina Franck den Versuch, ihren Kompositionen filmische Motive als Konstituenten der subjektiven Erinnerung zugrunde zu legen.
Sascha Seiler sprach mit der Musikerin über ihr Verhältnis zur Verbindung von Kunst, Musik und Kino.


Wie würdest Du die Entwicklung von den Rainbirds hin zu Deinem neuen Projekt »Zeitlupenkino« beschreiben? Meiner Meinung nach war Eure zweite Platte aus dem Jahre 1989 ja bereits ein sehr gewagter Schritt, nachdem das Debütalbum so ein Riesenerfolg war.

Du meinst das jetzt sicher wegen des Songs »Sea of Time«, einer eher untypischen, weil sehr langen Single. Das wollten wir unbedingt so machen, und die Plattenfirma war einverstanden. Nur denke ich, daß der wirklich mutige Schritt die beiden nächsten Alben, »Two Faces« und »In A Different Light«, waren, weil ich die erste Band aufgelöst und mich entschlossen hatte, mit Ulrike Haage im Duo weiterzumachen. Aber dieser Schritt damals war ja keine Mutprobe, sondern eine Notwendigkeit.

Ich habe vor »Zeitlupenkino« schon zwei Alben mit Spoken Word gemacht, die erste hieß »Hunger« und die zweite war eine Vertonung der Briefe von Jane Bowles, auf der ich das Experiment gewagt habe, Briefe, die sie geschrieben hat, mit meinen eigenen zu verbinden und damit eine Symbiose zu schaffen. Das war eine sehr spannende Sache, aber ich denke, es ist gut geglückt. Beide sind übrigens auf dem kleinen Label »Sans Soleil« von Ulrike Haage erschienen, hatten also keine so große Verbreitung, wie dies nun mit Mute möglich ist. Aber bereits auf »Hunger« ist ein Song namens »Kino« zu finden. Witzig daran ist, daß wir Schnipsel aus der Star Wars Filmmusik genommen, sie verfremdet und gelooped haben. Die ersten Texte von »Zeitlupenkino« entstanden bereits kurz nach der Veröffentlichung von »Hunger« 1997. Ich habe mich also schon lange mit dieser Art des Schreibens beschäftigt.

Wie ist denn Dein Verhältnis zum Kino? Was schaust Du Dir am liebsten an bzw. welche Filme oder Regisseure beeinflußten Deine Arbeit an »Zeitlupenkino«?

Meine Liebe zum Kino als Kunstform war ja die größte Motivation, diese Platte zu machen. Mir persönlich gibt das Kino auch viel mehr als beispielsweise das Theater. Klar, es gibt tolle Inszenierungen, die mich auch begeistern können, aber mich treibt es immer zurück ins Kino, weil ich die Möglichkeiten, die sich zum Beispiel bezüglich Schnitt und Kamera bieten, viel reizvoller finde. Ich schaue mir im Grunde sehr viel an, darunter auch Mainstream-Produktionen, vor allem aber Retrospektiven, dazu hat man ja in Berlin viele Gelegenheiten. Ich verlasse mich bei der Auswahl der Filme oft auf Empfehlungen, da ich leider nicht die Zeit habe, Geheimtips selbst zu erkunden. Wenn ich jetzt aber nach konkreten Filmen oder Regisseuren gefragt werde, die meine Arbeit inspirieren, könnte ich gar nicht viel dazu sagen, da ich zwar versuche, Eindrücke zu sammeln, doch die Bilder, die ich vermitteln will, vor allem ein Teil meiner Persönlichkeit sind.

Und wie ist Dein Verhältnis zum Film konkret in das Album eingeflossen?

Es heißt nicht umsonst »Zeitlupenkino«. Ziel ist es tatsächlich, eine Symbiose aus Musik, Text und Bild zu gewinnen, wobei das Bild in diesem Fall noch abwesend ist, also im Kopf entstehen muß. Aber die Orientierung zu filmischen Mustern ist auf jeden Fall da, es sollen auf keinen Fall nur vertonte Gedichte oder Songtexte sein. Eines der wichtigsten Elemente beim Film ist nun mal der Schnitt, und gerade hier habe ich mich sehr beeinflussen lassen. Ich wollte den Versuch unternehmen, filmische Schnitte in Text und Musik zu transportieren. Das habe ich einerseits versucht, indem ich schnelle Schnitte im Text – den dargestellten Raum betreffend – vorgenommen habe. In einem Moment geschieht etwas in Berlin, im nächsten ist man schon in Sevilla. Die Handlungsorte ändern sich oft assoziativ und dennoch sollen beim Zuhörer klare Bilder entstehen. Beim Film erscheinen solche Schnitte, vor allem die bezüglich eines abrupten Szenenwechsels, logisch; in der Literatur ist das oft schwer zu vermitteln. Deswegen auch die starke Orientierung am Filmschnitt.

Und dieser Wechsel wird nicht nur durch Text, sondern auch durch Musik transportiert, die Hintergrundgeräusche ändern sich abrupt, man merkt schnell, daß man in eine andere Szenerie eingetreten ist. Das ist etwas, was ich dem Schnitt beim Film nachmachen wollte.

Und wie entstehen Deine Texte? Siehst Du tatsächlich einen Film in Deinem Kopf ablaufen und sagst Dir: So muß das aussehen, diese Bilder möchte ich jetzt beim Zuschauer evozieren? Gerade »New York City Marathon«, in dem ein langer Spaziergang durch New York anhand von schnell aufeinander folgenden Einzelepisoden dargestellt wird, ist ein gutes Beispiel für die schnellen Schnitte, die Du erwähntest.

Die Texte entstehen meist aus meinen Aufzeichnungen, die ich fortlaufend mache. Daraus filtere ich die Geschichten, die ich etwa auf »Zeitlupenkino« erzähle. Gerade im Fall von »New York City Marathon« war es so, daß mir das alles tatsächlich passiert ist. Ich bin die beschriebene Strecke wirklich abgelaufen, habe all diese seltsamen Dinge gefühlt und das dann auch dokumentiert. Die Aufzeichnungen waren natürlich viel länger, deswegen habe ich für den Text das Essentielle herausgefiltert. Man kann in diesem Fall also nicht unbedingt sagen, daß ich direkt von einem bestimmten Film inspiriert wurde, sondern ich habe versucht, meine eigenen Erlebnisse zu dokumentieren, allerdings in einer Sprache, die sehr an die Ästhetik des Films angelehnt ist, viel mehr als an lyrische Muster beispielsweise. Und so gehe ich häufig vor: Ich versuche, meine Erlebnisse im Kopf Revue passieren zu lassen und sehe dabei einen Film entstehen. Aber das sind dann meine Eindrücke, die ich verarbeite, meine gesehenen, erlebten und erinnerten Bilder.

Wie würden dann die Pläne einer Integration des bewegten Bildes in das Gesamtkonzept aussehen? 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap