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David Fincher

Keine Gefahr

Von Thomas Abeltshauser David Fincher über seinen neuen Film Panic Room.


Ihr neuer Film Panic Room spielt ausschließlich in einem Haus. War diese räumliche Beschränkung eine Herausforderung oder ein Fluch für Sie?

Es war beides. Das Interessante für mich an diesem Popcorn-Movie, und es ist ja nichts anderes, war, daß alles in einem Haus stattfindet. Als Regisseur fürchtet man solche Beschränkungen, vor allem wenn man die Verantwortung über ein Budget von 45 Millionen Dollar hat. Man dreht etwas, dass nur an einem einzigen Ort stattfindet und filmt dort 75 Tage immer wieder die gleichen Räume, die gleichen Türen. Um die Zuschauer nicht zu langweilen, muß man sich deshalb ständig etwas Neues einfallen lassen. Wie die Personen im Film waren auch wir in diesem Haus gefangen. Es ist also Fluch und Herausforderung zugleich. Sollte ich so etwas noch mal machen, weiß ich jetzt, wie es geht.

Aber doch wohl nicht so schwierig wie Ihr letzter Film Fight Club, der viel aufwändiger war.

Bei Fight Club steckte eine ganz andere Energie dahinter, den Film zu drehen. Wir waren so aufgeregt, daß wir diesen Film durchschwindeln konnten, daß jeder dachte: »Irgendwann werden sie uns einfach abknallen. Wir müssen uns beeilen!« Panic Room ist ganz anders. Es ist eher so ein Film, bei dem man den Zuschauer an der Hand nimmt, ihn bei jedem Schritt begleitet, ihm alles zeigt. Man baut ein sehr intimes Verhältnis zu ihm auf. Man muß immer aufpassen, daß er mitkommt. Das kann manchmal auch sehr frustrierend sein. Viele Leute gehen ins Kino und denken: »OK, ich hab's kapiert. Weiter.« Aber man muß alle mitnehmen, man muß auf jeden warten. Bestimmte Dinge müssen allen klar sein, bevor man mit der Geschichte weitermachen kann. Es ist wirklich nervenaufreibend, weil ich bisher Filme gemacht habe, die dem Publikum immer mindestens einen Schritt voraus waren. Dieser hier ist immer direkt bei ihm. Man überlegt dann dauernd, ob man alles verständlich gemacht hat. Man muß alles sehr vereinfachen. Es geht um Klarheit, und das macht es so kompliziert.

Neben der räumlichen Beschränkung hatten Sie noch mit anderen Problemen zu kämpfen. Die ursprüngliche Hauptdarstellerin Nicole Kidman konnte wegen einer Fußverletzung nicht weiterdrehen, und Sie mußten mit Jodie Foster von vorne beginnen.

Filme sind immer auf die Hauptfigur zugeschnitten. Der Star ist die Identifikationsfigur für den Zuschauer, durch die er den Film erlebt. Stars sind aber nicht bloß Schauspieler, da ist noch etwas anderes, etwas Besonderes. Man schneidert also den Film um ihre Stärken und Schwächen herum, was der Zuschauer über sie weiß oder glaubt, über sie zu wissen. Und wenn sich das ändert, ändert sich alles. Ursprünglich war die Rolle von Nicole Kidman eine Figur, die sich nicht sehr um die Beziehung zu ihrer Tochter gekümmert hat. Die Geschichte ging mehr um ihr Leben. Als dann Jodie Foster für Nicole einsprang, war klar, daß die Mütterlichkeit, die Jodie ausstrahlt, einfach nicht zur Rolle paßt. Wir hätten am Anfang sehr viel erklären müssen, aber das wollten wir nicht. Wir wollten sehr schnell in die eigentliche Handlung einsteigen, denn es ist ja kein Film über Scheidung oder über die Beziehung zwischen Mutter und Tochter, sondern darüber, in einem Raum eingesperrt zu sein. Wir brauchten also keine weiteren 10 Minuten, um diese Beziehung zu erklären. Also haben wir Jodies Rolle etwas verändert. Ursprünglich war Kristen Stewart als Tochter so etwas wie die Antithese zu Nicole Kidman. Sie war sehr burschikos, während Nicole sehr elegant und feminin war. Die Tochter war also eine starke Reaktion gegen die Mutter, was wir gut nutzen konnten, um zu zeigen, daß sie sich schon vor langer Zeit auseinander gelebt hatten. Das mußte sich mit Jodie natürlich ändern, weil sie und Kristen sich viel ähnlicher sind. Kristens Androgynität erinnert sehr stark an Jodie als junges Mädchen. Wir haben also die Beziehung ein wenig angeglichen und ein paar Szenen geändert. Einige Szenen mußten wir drehen, die wir schon mit Nicole aufgenommen hatten. Es war wirklich seltsam, weil ich Jodie noch nicht einmal auf den selben Stuhl setzen konnte, weil es einfach falsch wirkte.

Nach The Others müssen Sie doch froh gewesen sein, daß Nicole Kidman nicht schon wieder eine Mutter spielt, die ihre Kinder vor Eindringlingen beschützen will.

Sicher, aber wir wußten damals nicht, was The Others für ein Film ist. Er wurde in Spanien gedreht, und niemand wußte etwas darüber. Als ich später den Trailer sah, habe ich Nicole angerufen: »Du hättest keinen gebrochenen Fuß vortäuschen müssen, weil du es wußtest.« Sie hat aber beteuert, daß er wirklich gebrochen war.

Sie sprechen sehr viel über die Charaktere, obwohl Sie der Beziehung nicht viel Aufmerksamkeit schenken. Stimmt das Klischee doch, daß in Ihren Filmen die Form über den Inhalt siegt?

Ich weiß nicht. Es ist doch eher eine Frage des Geschmacks. Ich sehe mir die meisten Filme an und denke: »Ich hab's kapiert. Ich brauch die Hintergrundgeschichte nicht. Ich verstehe es auch so.« Ich habe eine Menge Filme gesehen, und ich verstehe es, wenn jemand versucht, mein Mitleid zu schüren. Ich würde schon sagen, daß ich mich um Charaktere kümmere. Sie sollen für meine Geschichte funktionieren. Ich arbeite schließlich in einem visuellen Medium. Die Leute glauben etwas, wenn sie es sehen. Ich interessiere mich nicht für Sentimentales, und ich glaube nicht etwas, nur weil es mir jemand erzählt, schon gar nicht, wenn es mir ein Schauspieler erzählt. Ich möchte Charaktere über ihre Handlung definieren. Es gibt wundervolle Filme über Leute, die über Dinge reden. »Kramer gegen Kramer« ist ein toller Film. Aber ich werde nie den Oscarköder auslegen. Ich bin nicht daran interessiert, den großen Moment eines Schauspielers zu sehen. Ich will den großen Moment eines Films sehen.

Angst ist eines der Hauptelemente Ihrer Filme…

Spielt Angst in Fight Club eine Rolle? Ich glaube nicht. Auch nicht in »The Game«. Vielleicht hat Michael Douglas Figur Angst, aber wir haben keine Angst um ihn. Wir sind neugierig. Auch in Panic Room geht es nicht um Angst, sondern um Suspense. Nach dem Vorspann ist es keine Frage, daß die Frau im Film jemals sterben könnte. Und das wäre doch für einen Film über Angst essentiell. Ich glaube, der Film schließt einen Pakt mit dem Zuschauer. Mit dem Vorspann sagt er auf eine Art: »Es ist ein Film. Entspann Dich. Iß Dein Popcorn.«

In den USA haben die Leute nach den Terroranschlägen mehr Angst. Sind solche »Panic Rooms« gefragter?

Das wird immer wieder in meinen Film hineininterpretiert, aber darum geht es nicht. Ich kenne wahrscheinlich drei Leute, die einen solchen Hochsicherheitsraum haben. Zwei davon brauchen ihn nicht. Der dritte schon. Nein, ich sehe keinen Trend. Und ich halte es nicht für ein typisch amerikanisches Phänomen. Der berühmteste Panic Room stand in Monte Carlo, und sein Besitzer kam darin bei einem Feuer ums Leben. Die Leute lieben es, nach einem sozialen Kontext in meinem Film zu suchen. Ich wünschte, es gäbe einen. Aber seien wir doch mal ehrlich: Es ist ein Freitagabendfilm, der Popcorn verkaufen soll. Darum geht's.

Keine Therapie gegen Paranoia und Klaustrophobie?

Nein, wenn es etwas Therapeutisches an Filmen wie diesen gibt – und deshalb liebe ich Thriller, diese düsteren Kinobastarde, die so gar nichts Nobles an sich haben – ist, daß er mit Unsicherheiten spielt. Aber wie bei einem Hitchcockfilm weiß man von Anfang an: Es wird alles gut. Es ist nicht so ernst gemeint. Wie bei »Vertigo«, der völlig überdreht ist. Das wollten wir auch zeigen: Es ist nicht real, es ist bloß ein Film.

Trotzdem zeigt der Erfolg des Films in den USA, daß er etwas in den Menschen anzusprechen scheint, eine Art Sicherheitsbedürfnis.

Ich glaube, was er beim Zuschauer anspricht, ist die Möglichkeit, eine gefährliche Situation zu durchleben, ohne selbst gefährdet zu sein. Man geht ja auch nicht in Halloween und denkt sich: »Hoffentlich werde ich nicht erstochen.« Sondern: »Jemand wird erstochen, und es werde nicht ich sein.« Das ist die Katharsis. Wenn man sich hineinversetzt, und das ist immer die Voraussetzung, kann man etwas erleben, was man im normalen Leben wahrscheinlich nicht erlebt. In den meisten Fällen zumindest. Die meisten Leute, die sich den Film ansehen, werden nie einen solchen Panic Room benötigen. Wahrscheinlich niemand. Aber der Film gibt einem das Erlebnis, und man kommt heil dabei raus.

Sie haben zusammen mit Steven Soderbergh eine Produktionsfirma gegründet.

Wir versuchen es. Ich kenne Steven seit 1990 und war immer ein großer Bewunderer. Er war einer der ersten mit denen ich gesprochen habe, als ich die Idee hatte, ein Filmstudio zu gründen, wenn man die Hälfte der Finanzierung eines Films selbst aufbringt. Damit könnte man eine Menge Unsicherheiten und Probleme, die man vorher hatte, aus dem Weg schaffen. Wir haben mit Alexander Payne, Spike Jonze, Steven und mir eine Gruppe von Regisseuren gefunden, die alle ähnlich arbeiten. Wir sind alle Selbststarter und werden auch Filme machen, wenn wir keine Erlaubnis von jemandem dafür bekommen. Kein Studio kann es sich allerdings leisten, im gleichen Jahr von jedem von uns einen Film ins Kino zu bringen, weil die Filme teurer sind als sie womöglich einspielen könnten. Als wir wegen Panic Room verhandelten, sagten sie: »Wir haben eine Zahl: 28 Millionen Dollar.« Und ich sagte: »O.K. Wir haben eine Zahl: 40 Millionen Dollar.« »Das ist ein Problem für uns.« »Dann sucht euch jemand anders.« Man ist ständig in dieser Situation, wo man sich rechtfertigen muß, warum man 3 Millionen teure Kamerafahrten durch Schlüssellöcher braucht. »Wer will das sehen? Warum sollen wir dafür soviel Geld ausgeben?« Dann sagt man: »Nun, ich will soviel Geld dafür ausgeben. Und es wird den Leuten gefallen. Ich glaube, es wird mit ein Grund sein, warum man sich an diesen Film erinnern wird.« Deshalb wollen wir es nun so versuchen: »Wir haben das Geld. Wenn euch die Geschichte gefällt, können wir ins Geschäft kommen.«

Stimmt es, daß Sie in Soderberghs nächstem Film einen kleinen Auftritt haben?

Leider ja. Ich wurde überrumpelt. Ich fühlte mich aber in guten Händen als ich gezwungen wurde einen Regisseur zu spielen. Ich hatte eine kleine Szene, in der ich »Cut! Action!« rufen mußte. Es war wirklich sehr entwürdigend. 1970-01-01 01:00
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