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Andreas Dresen

Halbe Treppe von Andreas Dresen

Der Konflikt zwischen Oben und Unten

Von Frank Brenner Ein Interview mit Andreas Dresen über dessen neuen Film Willenbrock.


Wie sicher fühlen Sie sich heutzutage in Deutschland?

Ich fühle mich in meinem privaten Umfeld relativ sicher, aber ich glaube, daß diese Sicherheit, in der ich mich wäge, eine Scheinsicherheit ist, weil ich natürlich weiß, daß die Welt, in der wir leben – und das ist natürlich auch unsere Welt in Deutschland – eine sozial relativ zerrüttete Welt ist. Man sollte auf der Hut sein, Dinge zu verdrängen, die auch in anderen Teilen der Welt stattfinden und die mit großen sozialen Verwerfungen zu tun haben. Von daher denke ich, daß es ein brüchiger Friede ist, dem wir alle frönen. Man sollte nicht zu vertrauensselig sein, sondern wir sind alle gut damit beraten, etwas dafür zu tun, daß die Gerechtigkeit auf der Welt vielleicht mal eine andere wird, dann wird die Sicherheit, in der wir leben, vielleicht auch einmal eine beständige sein. Zur Zeit ist es, glaube ich, nur eine momentane.

Warum fühlt sich Willenbrock in der Goldenen Mitte so wohl?

Er hat sich natürlich einen gewissen Wohlstand erarbeitet und lebt nach seinem Empfinden auch sicher. Er fühlt sich mit sich und der Welt im Reinen, er ist der Souverän auf seinem Autoplatz und zu Hause. Er genießt das Leben, wenn man so will. Er kann es aber nur genießen, weil er bestimmte Dinge einfach nicht zur Kenntnis nimmt, wie z.B. daß ein Teil seines Reichtums darauf fußt, daß er einen polnischen Arbeiter beschäftigt oder daß ein Russe bei ihm jeden Monat ein paar Autos kauft. Das wiederum hat zu tun mit einem sozialen Gefälle auch innerhalb Europas. Im Laufe der Geschichte muß er bitter erfahren, daß dieses soziale Gefälle auch ihn, also den gehobenen Mittelstand, erreicht und auch erschüttert. Das läßt seinen Frieden doch beträchtlich wanken.

Ist Willenbrock eine typisch ostdeutsche Geschichte?

Nein. Man könnte vielleicht sagen, daß die ostdeutsche Verunsicherung nach den Wendeereignissen mittlerweile das gesamte Land erfaßt. Der Konflikt zwischen Ost und West ist für mich momentan kein wirklich relevantes Thema. Relevant ist für mich in diesem Land der Konflikt zwischen Oben und Unten, der immer breiter wird. Ich glaube, daß auch die Sozialpolitik, die gerade betrieben wird, eher dazu führen wird, daß noch viel mehr Leute in sozial sehr schwierigen Verhältnissen leben werden. Die Gesellschaft, der man immer so blindlings vertraut, kann das auf Dauer nicht auffangen. Da werden sich größere Probleme auftun als die alten Ressentiments zwischen Ost- und Westdeutschen, die ich zum Teil auch ein bißchen an den Haaren herbeigezogen finde. Insofern ist die Geschichte von Willenbrock die Geschichte eines Gewinners, und wenn man die westdeutsche Gesellschaft als eine Gewinnergesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet, wo es einen wirtschaftlich großen Aufschwung gab, muß man einfach konstatieren, daß dieses ganze Gebäude mittlerweile beträchtlich ins Wanken geraten ist. Auch wenn der Film den exemplarischen Fall eines Wendegewinners behandelt, glaube ich trotzdem nicht, daß es eine typisch ostdeutsche Geschichte ist.

Willenbrock ist Ihre erste Literaturverfilmung. Ist es schwieriger, einen bereits vorhandenen Stoff für die Leinwand zu adaptieren als ein reines Drehbuch zu verfilmen?

Es ist weder schwieriger noch einfacher, man muß wie bei jedem anderen Stoff auch natürlich zunächst einmal die Drehbucharbeit leisten. In dem Fall hat das Drehbuch Laila Stieler geschrieben, mit der ich schon mehrfach gearbeitet habe. Wir haben damit in gewisser Weise eine Grunderfahrung gemacht, als wir Die Polizistin gedreht haben, der ja zumindest nach einem veröffentlichten Tagebuch gedreht wurde. Insofern hatten wir damals auch schon einen Text vorliegen, den wir dann noch erweitert und ergänzt haben. Hier war es nun insofern schwierig, weil man eine Art Übersetzungsarbeit leisten mußte von einem literarischen Genre in die Filmsprache hin. Das macht es zum Teil kompliziert, weil man auch andere Strukturen suchen muß, wie man eine Geschichte erzählt. Die sind ja nicht im Roman vorgegeben, der auf einer viel breiteren Fläche agiert. Er kann sich ganz häufig leisten, aus der Innenperspektive einer Figur heraus zu erzählen, was man im Film logischerweise relativ schwer umsetzen kann. Dort muß man dann nach dramatischen Konstellationen suchen, um szenische Möglichkeiten hierfür zu finden. Die Übersetzungsarbeit dauerte in diesem Fall über drei Jahre, war natürlich mühsam, hat aber auch Spaß gemacht, weil man sich mit einem fertigen Kunstwerk auseinandersetzen konnte, sich daran reiben und in ein Spannungsverhältnis dazu begeben konnte. Der Film sollte schließlich in das Seelenleben einer Figur eindringen und nicht unbedingt dem klassischen Dramenverlauf folgen. Insofern brauchte man, dem, was dort erzählt wird, folgend, eine andere Art der ästhetischen Umsetzung. Nachdem ich die erste Drehbuchfassung gelesen hatte, war mir relativ schnell klar, daß ich hier mit Videokamera und dem dokumentarischen Stil, den ich bis zu Halbe Treppe sehr zu pflegen versucht hatte, nicht wirklich weiterkomme. So einem Stoff kommt man mit dieser Ästhetik einfach nicht bei, also mußten wir zu anderen Mitteln greifen. 1970-01-01 01:00
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