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D.J. Caruso

Ich weiß, was ich kann und was nicht.

Von Christian Lukas D.J. Caruso gehört zu den interessantesten Fernsehregisseuren der USA. Er hat an Serien wie »High Incident« und »The Shield« mitgearbeitet, aber auch Superman in »Smallville« in die Lüfte abheben lassen. Damit ist er Teil einer neuer Generation von TV-Regisseuren: Von echten Inszenatoren, die mit ihren Serien nicht mehr nur der Werbung ein angenehmes Umfeld schaffen, sondern die die Fernsehserie als Kunstform ernst genommen haben und sich letztlich für den Serienboom, der zurzeit vor allem auf dem DVD-Markt teilweise unglaubliche Verkaufszahlen generiert, verantwortlich zeichnet. Zählt D.J. Caruso im amerikanischen Fernsehen auch zur Top-Garde der Regiegilde, haben seine Ausflüge auf die Kinoleinwand bislang keine Wellen geschlagen.

Nach dem gefloppten Drogenthriller The Salton Sea, dem wenig erbaulichen Serienkillerfilm Taking Lives und dem Sportlerdrama Das schnelle Geld, das es trotz Matthew McConaughey und Al Pacino in den Hauptrolle in Deutschland nicht einmal mehr ins Kino schaffte, hat Caruso nun Disturbia, eine Art Teenie-Version von Das Fenster zum Hof, in die Kinos gebracht. Und siehe da: Gleich zwei Wochen hielt sich der Film in den US-Kinocharts auf Platz 1. Christian Lukas unterhielt sich mit D.J. Caruso über seine Arbeit.


Böse Zungen sagen, wirklich interessante Formate findet man nur noch im Serienfernsehen, Kino, das ist das Zwischendurchmedium für die weniger Anspruchsvollen…

Das ist gar nicht so falsch. Vor sechs, sieben Jahren war man entweder ein Fernseh- oder ein Kinoregisseur. Wenn ich mich für ein Kinoprojekt beworben hätte, hätte das Studio gesagt – nee, geh nach Hause, wir haben da einen hippen Werbeclipregisseur. Das hat sich geändert. TV-Serien von Sendern wie HBO, Showtime oder F/X sind tatsächlich oft viel interessanter als Kinospielfilme, Fernsehen wird heute mit weitaus mehr Respekt behandelt als noch vor wenigen Jahren.

Wofür die Tatsache spricht, daß selbst Kinomogule wie Steven Spielberg im Fernsehen als Produzenten mitmischen…

Ich hatte das Glück für Serien zu arbeiten, die von Leuten wie Spielberg, Michael Mann oder James Cameron produziert wurden. Der Unterschied zwischen diesen Personen und TV-Produzenten besteht darin, daß sie den Regisseuren weitaus mehr Vertrauen entgegenbringen. Ein TV-Produzent betrachtet den Regisseur in der Regel als eine Art Erfüllungsgehilfen, man ist dazu da, um seine Ideen umzusetzen.

Und ein Steven Spielberg ist da anders?

Absolut. Als ich zum ersten Mal für Steven Spielberg gearbeitet habe, war das eine ganz andere Atmosphäre als an anderen TV-Seriensets. Er ist ein Filmemacher, er ist ein Enthusiast, der nie vergessen hat, daß er eben auch ein Filmfan ist und nicht nur der große Steven Spielberg. Als ich für ihn eine Episode von »High Incident« gemacht habe, war er einmal am Set und fragte: »Ich habe da eine Idee, darf ich die B-Kamera machen?« Und ich sagte ganz generös: »Natürlich!« Also, Steven Spielberg hat für mich gearbeitet, das können nicht viele TV-Macher von sich behaupten.

Und nun machen Sie für ihn Kinofilme. Disturbia war zwei Wochen die Nummer eins der US-Kinocharts, das dürfte Ihren Namen vorangebracht haben. Wie äußert sich das?

Ich bekomme viele Drehbücher geschickt.

Und lesen sie alle?

Auf jeden Fall. Auch wenn sie nicht immer wirklich gut sind, wie ich zugeben muß. Das spielt aber keine Rolle, weil ich in erster Linie auf die Charaktere achte. Wenn die gut gezeichnet sind, dann kann man darauf aufbauen. Ich weiß, was ich kann und was nicht. Einen Film wie Transformers könnte ich niemals drehen. Nicht nur, weil zehn Minuten von Transformers so viel kosten wie mein gesamter Disturbia, es geht vielmehr ums große Spektakel, und das kann ich nicht.

Was fasziniert Sie am Konstrukt von Disturbia? Ist es der Hitchcock-Moment aus Das Fenster zum Hof, an dem sich Disturbia anlehnt?

Mein Lieblings-Hitchcock ist Der unsichtbare Dritte, und einen Film wie den würde ich gerne mal machen. Aber natürlich: Das Fenster zum Hof spielt ja mit der Faszination am Voyeurismus, andererseits ist es ein Thema, das nur sehr selten in einem Mainstreamfilm thematisiert wird, und junge Zuschauer kennen einen Film wie Das Fenster zum Hof nicht einmal. Wir haben uns also überlegt, diese klassische Hitchcockgeschichte in ein modernes Ambiente zu verlegen mit entsprechend jungen Darstellern, ohne nun einen Teeniefilm zu machen. Im Vordergrund stand stets der Thriller. Während der Vorproduktion las ich, was Hitchcock einst über Das Fenster zum Hof gesagt hat.

Nämlich?

Daß er den Film geliebt hat, weil er selbst ein Voyeur war. Er sagte, er liebe es, Menschen zu beobachten. Irgendwo sind wir doch alle Voyeure. Die Schauspieler hat sein Geständnis schockiert, andererseits: als Regisseur lebt man davon, Menschen zu beobachten, um dann auf der Leinwand eigene Figuren zu kreieren – Figuren, die wiederum Menschen oder Menschenbildern entsprechen, die man beobachtet hat.

Mußten Sie viele Kompromisse eingehen, um eine Jugendfreigabe zu bekommen?

Ja. Zum Beispiel in Bezug auf die Sprache. Ist Ihnen aufgefallen, daß die Jugendlichen in meinem Film sehr selten fluchen? Das sind alles brave Kids (lacht). Außerdem habe ich den Showdown heruntergeschnitten und auf einige Einstellungen in der fertigen Filmfassung verzichtet. Um die Jugendfreigabe zu bekommen, mußten wir den Film dreimal der Filmprüfungskommission vorlegen, was ich zunächst ziemlich seltsam fand. Okay, Disturbia hat zwei, drei härtere Szenen, aber ich habe schon darauf geachtet, kein Zombiemassaker zu inszenieren und auch gesagt: Ich habe weitaus härtere Filme gesehen, die problemlos eine Jugendfreigabe erhalten haben. Zu meiner Überraschung haben die Kommissionsmitglieder dem nicht widersprochen. Aber, sagten sie mir: Mein Film sei realistisch. Er spielt in unserer Welt, in unserer Nachbarschaft und die Geschichte ist sehr weit in der Realität verankert. Hätte ich einen Geisterfilm gemacht, etwas jenseits unserer Realität, wäre ich mit weitaus härteren Szenen problemlos durchgekommen.

Disturbia erzählt die Geschichte eines jungen Mannes unter Hausarrest, der seine Nachbarn beobachtet. Einer dieser Nachbarn, glaubt er, sei ein Serienkiller – jedoch dauert es fast 45 Minuten, bis er diese Entdeckung macht, rund die Hälfte der Spielzeit…

Mir ging es darum, Menschen zu zeigen, die beobachtet werden, ohne sich dieser Beobachtung bewußt zu sein. Eine Welt der Normalität, die sich ihrer Normalität gar nicht bewußt ist. Manchmal muß man spielen, um eine Atmosphäre zu erschaffen, in die man sich einlullen kann – um genau diese heimelige Atmosphäre danach zu vernichten.

Sie haben Shia LaBouef zu einem der heißesten Jungstars in den USA gemacht, indem Sie ihm die Hauptrolle gegeben haben. Viele amerikanische Branchenblätter loben, daß mit ihm die Normalität auf die Kinoleinwand zurückkehrt, Normalität ist sexy.

Ich habe 100 Jungschauspieler gecastet, und Shia erinnerte mich an den jungen John Cusack – der mich wiederum an den jungen Tom Hanks erinnert. Es war einfach seine Ausstrahlung, die mich total faszinierte, die Fähigkeit, ein Bild allein durch seine Anwesenheit mit Leben zu füllen. Ich habe dann eine DVD an das Studio, also auch an Steven Spielberg, geschickt und ganz ehrlich, ich habe befürchtet, daß sie Shia ablehnen würden, da er eben kein junger Tom Cruise ist. Aber Steven Spielberg stellte meine Entscheidung nicht in Frage. Shia ist ein junger Mann, den die Jungs mögen, weil er normal wirkt. Er ist für sie keine Gefahr, da er kein Brad Pitt ist. Die Mädchen mögen ihn, weil er sympathisch wirkt, nett, charmant, aufrichtig, humorvoll. Daher glaube ich, daß er das Zeug zu einem echten Star hat.

Sie casten live?

Ja. Ich bin am Set zwar der Chef, aber kein Diktator, und wenn ich live caste, dann kann ich mit den Schauspielern sprechen, mich mit ihnen über ihre Rollen unterhalten. Nur weil ich glaube, daß eine Rolle so und so aussehen sollte, heißt das nicht, daß ich richtigliegen muß. Es ist ja der Schauspieler, der mit einer Rolle ein halbes Jahr leben muß. Ich gebe auch nicht viel auf den ersten Eindruck, der kann täuschen.

Mit David Morse und Cary-Ann Moss haben Sie zwei gute Stars der zweiten Reihe…

Ich mochte die TV-Serie »Chefarzt Dr. Westphal«, in der David Morse vor über 20 Jahren einen liebenswerten Doktor spielte, und ich fand ihn einfach umwerfend. Ich habe ihn dann am Set von The Green Mile kennengelernt und ihm gesagt, »mit dir will ich gerne mal arbeiten«. Da man junge Schauspieler oft sehr konzentriert führen muß, sie sind halt noch ungeschliffene Diamanten, war es mir wichtig, die einzigen Erwachsenenrollen des Films mit Schauspielern zu besetzen, die wissen, was zu tun ist – und die keine Allüren haben. So waren sie meine Idealbesetzungen.

Man erfährt nicht, warum der Killer killt.

Weil es darum nicht geht. Es gab Anmerkungen vom Studio, man wäre darüber nicht glücklich, aber diesbezüglich habe ich mich nicht auf Diskussionen eingelassen. Es geht nicht um den Killer, es geht um einen jungen Mann, der entdeckt, daß sein Nachbar ein Killer sein könnte und dem diese Entdeckung niemand glaubt. Da interessiert mich als Zuschauer nicht, warum der Killer seine Triebe auslebt. Er steht nicht im Fokus.

Was kommt als nächstes Projekt?

Ein altmodischer 70er-Jahre-Politthriller zum Thema Totale Überwachung. Wenn das Studio mich läßt.

Und wie sieht es mit Fernsehen aus?

Ich werde dieses Jahr noch eine Episode für »The Shield« machen und dieser Serie auf jeden Fall treu bleiben. Ich hätte für Michael Chicklis [Hauptdarsteller von »The Shield«, Anm. Red.] gerne einen Auftritt in Disturbia eingebaut, aber er drehte gerade Fantastic Four 2, da ließ sich dies nicht realisieren.

Sie erwähnten bereits den Film The Green Mile. Dessen Regisseur Frank Darabont ist ein Freund von Ihnen und offenbar auch ein Förderer?

Mit Chuck Russel (Die Maske), Frank Darabont und Quentin Tarantino treffe ich mich einmal im Monat zum Essen und zum Gedankenaustausch – okay, Quentin redet und wir hören zu (lacht); es ist eine illustre, anregende Runde, denn Frank ist ein Verstandsmensch, er ist sehr analytisch, Quentin ist der Enthusiast, der sich schnell begeistern läßt und andere Menschen an dieser Begeisterung teilhaben läßt. Es ist anregend, in einem solchen Zirkel über das Kino zu diskutieren, weil wir nie auf eine Linie kommen, aber immer die Möglichkeit haben, einen Film durch die Augen eines anderen zu betrachten und so immer wieder Dinge entdecken, die ohne diesen Blick verloren gegangen wären. Dieser Zirkel fördert uns alle, es gibt keinen Mentor und Schüler. 1970-01-01 01:00
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