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Larry Clark

Alles zeigen

Von Nikolaj Nikitin Ken Park ist nach Kids der neue große Wurf von Larry Clark, der mit hohem inszenatorischen Aufwand eine einnehmende Natürlichkeit im aberwitzigen Milieu seiner krassen Personage kreiert. Über sein Werk sprach der viel diskutierte Regisseur auf dem 10. Filmfest Oldenburg mit Nikolaj Nikitin.


Sie begannen Ihre Karriere als Fotograph und wechselten erst spät ins Regiefach zum Film. Wie kam es dazu?

Ich hatte mit der Fotographie begonnen, als ich noch sehr jung war. Meine Mutter porträtierte professionell Babies, und als ich 14 Jahre alt war, rutschte ich praktisch in diesen Familienbetrieb hinein und fotographierte ebenfalls Babies. Eines Tages dann dachte ich, warum nicht einmal meine Freunde fotographieren, und so begann meine eigentliche Karriere als Fotograph. Ich habe mich immer als Dokumentarfotograph empfunden. Ich begann, meine Freunde als Teenager zu fotographieren und tat dies auch über die nächsten zehn Jahre. Diese Fotographien wurden zu meinem ersten Buch, »Tulsa«. Es war wie eine visuelle Anthropologie, und ich habe das Buch wie einen Film geschichtet. Ich wollte immer Filmemacher werden, doch zu jener Zeit war die Fotographie mein Werkzeug. Trotzdem dachte ich immer filmisch und habe überdies versucht, das Leben zu zeigen, wie es wirklich war. Ich bin in den 50er Jahren aufgewachsen, als alles versteckt und zu einem Geheimnis gemacht wurde. Als ich mit der Fotographie angefangen habe, fragte ich mich: »Warum können wir nicht alles zeigen?« Genau das versuchte ich als Dokumentarfotograph und Geschichtenerzähler. Geschichten wie Ken Park wollte ich erzählen, Geschichten, die immer wahr sind, aber schier unmöglich, sie zu dokumentieren. Der einzige Weg, diese Geschichten zu erzählen, bestand für mich im Medium Film.

Es hat eine große Debatte über Ken Park wegen seiner expliziten Szenen gegeben. Welche Bedeutung hat für Sie Sexualität in Ihren Filmen?

In Ken Park sieht man Kinder, wie sie durch unangebrachte Mittel versuchen, ihre emotionale Leere zu füllen. Sie werden im Film immer wieder bös mißhandelt, sowohl gefühlsmäßig als auch körperlich, und ich wollte nicht, daß dieser Film in Hoffnungslosigkeit endet und es aussieht, als würden es die Kinder nicht schaffen können. Meine Idee war also, um die Kinder herum eine Sexszene zu konstruieren, um ihnen eine Art Erlösung zu bieten. Zuschauer, die Ken Park gesehen haben, erzählten mir, daß sie diese Szene nicht nur für nicht pornographisch hielten, sondern gar für die sauberste Szene des gesamten Films. Die wirklich schmutzigen Szenen sind jene, in denen die Eltern ihre Kinder mißhandeln. Wenn sich dir als Kind die ganze Welt entgegenstellt, dann bleiben dir letztlich nur die anderen Kinder. Es ist ein Film über das Knüpfen von Verbindungen und das Sich-Verbünden, denke ich. Ich mag diesen Film sehr, ich halte ihn für meinen besten.

Das andere große Element des Films ist Gewalt. Ken Park ist der einzige Charakter, den wir nicht sehen – nur seinen Selbstmord. Auch seine Familie taucht nicht auf. Vielleicht um zu zeigen, daß er keinerlei Unterstützung hat?

Wenn jemand Selbstmord begeht, besonders jemand, der jung ist, weiß man doch nie genau warum. Es gibt vielleicht Hinweise, aber ich glaube, man kann niemals genau wissen, warum jemand so etwas tut. Ich wollte es keinem derart leicht machen und exakt zeigen, aus welcher Motivation heraus Ken Park Selbstmord begeht. Ich wollte es im Unklaren belassen. Überhaupt gab es so viele Geschichten zu erzählen, daß ich problemlos hätte vier Filme machen können. Ich bat meinen Drehbuchautor Harmony Korine, der schon »Kids« für mich geschrieben hat, diese »vier Filme« in ein Drehbuch zusammenzubringen. Und so hat er diese großartige Struktur gestaltet, die mit Ken Park anfängt und endet und dazwischen die anderen Episoden anlegt. Ich habe einige Dialoge und das Ende des Films verändert, aber die Struktur ist gleich geblieben.

Ihr Film »Another Day in Paradise« handelte auch von Familie. Darin haben Sie zum ersten Mal mit echten Schauspielern wie James Woods und Melanie Griffith gearbeitet. Was war der Unterschied etwa zu »Kids«, dessen Schauspieler Sie selbst entdeckt haben?

Es war eine Herausforderung für mich, einen Film in Hollywood zu machen und mit Schauspielern zu arbeiten, was ich zuvor noch nicht gemacht hatte. Die Schauspieler sind normale Filmregisseure gewohnt. Ich bin aber Künstler, und ich gehe das Filmemachen wie ein Künstler an, nämlich von verschiedenen Perspektiven aus. So war es wirklich eine schwierige Arbeit. Es gibt ein paar Szenen darin, in denen die Schauspieler so gut sind, daß ich es für richtig brillante Arbeit halte. 1970-01-01 01:00
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