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Patrice Chéreau

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Von Rüdiger Suchsland Mit Intimacy gewann Patrice Chéreau den Goldenen Bären der Berlinale 2001. Mit dem Regisseur sprach Rüdiger Suchsland.


Berühmt wurden Sie als Theater- und Opernregisseur. Intimacy ist Ihr achter Spielfilm. Ist es Ihnen egal, in welchem Medium Sie arbeiten?

Schon in den letzten Jahren habe ich mich mehr und mehr dem Film zugewandt. Es scheint mir heute die wichtigste Kunstform zu sein. Theater und Oper sind demgegenüber immer langweiliger. Allein die ewigen Proben, der komplizierte Apparat. Beim Film habe ich trotz des riesigen Teams – das mich manchmal sehr stört – mehr Kontrolle.

Sie haben Intimacy in England gedreht. Läßt sich Ihr Kino überhaupt topographisch ansiedeln, verstehen Sie sich als Teil des französischen Kinos?

Ich bin ein europäischer Filmemacher. Ich liebe es, nicht zu Hause zu sein, woanders zu sein, etwas Neues und Fremdes auszuprobieren. In England spielt der Film, weil das Buch auf Geschichten von Hanif Kureishi zurückgeht. Wenn ich ein spanisches Buch verfilmen würde, dann würde ich auf Spanisch drehen. Ich kann überall drehen, springe gern. Man muß immer in Bewegung bleiben. Identität ist natürlich wichtig. In dem Sinne macht man immer Filme aus der Tradition heraus, der man entstammt. Die Filme, die ich mag, sind aber eher nicht französisch. Ingmar Bergman oder Asiatisches, wie Wong Kar-wai. Im derzeitigen französischen Kino erkenne ich mich selten wieder.

Könnten Sie sich vorstellen, mit Hollywooddarstellern zu arbeiten?

Hollywood nein, Schauspieler ja. In meinem nächsten Film spielt Al Pacino die Hauptrolle, gedreht wird aber in Afrika.

Sehen Sie derzeit eine Tendenz, im Kino offen über Sex zu sprechen? Aus Frankreich sah man das zuletzt in Filmen von Catherine Breillat oder in »Baise-moi«?

Ich kann nicht für meine Kollegen antworten. Ich glaube, es gibt die generelle Tendenz, ein paar Fragen über die physische Liebe zu stellen. Ich möchte lieber von Bergman als von Breillat sprechen. Wir sind nicht über ihn hinausgekommen. Wir Filmemacher müssen Emotionalität darstellen, menschliche Erfahrungen. Das Thema eines Films ist demgegenüber sekundär. Im Buch von Intimacy geht es um Sex, vor allem anderen. Nur passiert den beiden Hauptpersonen dann etwas: Sie verlieben sich. Alles hier ist emotional wahr. Darum mußte es ohne Verfälschung gezeigt werden. Man sprach mich oft auf Bertoluccis »L'ultimo tango a Parigi« an. Aber ich glaube nicht, daß es viele Parallelen gibt.

Es scheint eine implizite These im Film zu geben: Sie sagen, daß in dem Moment, in dem man beginnt, miteinander zu reden, auch die Probleme anfangen. Zuerst gibt es keine Probleme, aber das Verhältnis der beiden Figuren ist auch sehr reduziert…

Ja, das ist natürlich auch eine Zeitfrage. Man kann gut miteinander leben, ohne viel zu reden, aber irgendwann muß man es tun. Sie ist viel klüger als er, sie sagt: Ich muß nicht alles von dir wissen. Ich glaube, Intimacy ist ein Film über den Unterschied zwischen Männern und Frauen. Sie ist so klug, er ist so schwach. Wie alle Männer.

Ist zuviel Intimität nicht auch gefährlich?

Nein, nein. Man könnte auch das Gegenteil sagen. Daß alles kaputt geht, aus Mangel an Intimität. Intimität hat zu tun mit Kenntnis. Und in der Mitte des Films will er alles wissen. Der Irrtum vom Mann ist, zuviel Intimität zu wollen. 1970-01-01 01:00
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