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Seymour Cassel

Kein Film ohne Leben

Von Nikolaj Nikitin, Oliver Baumgarten Seit vierzig Jahren auf der Leinwand, arbeitete Seymour Cassel mit nahezu allen einflußreichen Regisseuren der amerikanischen Independent-Szene. Seine künstlerischen Wurzeln fand Cassel im Umfeld von John Cassavetes, der ihn bis heute prägte. Am Rande des Oldenburger Filmfestes sprachen Nikolaj Nikitin und Oliver Baumgarten mit der Legende des US-Independent Films.


Du hast mit vielen der großen unabhängigen Regisseure gedreht, zum Beispiel mit Sam Peckinpah, den der Kampf um seine unabhängigen Träume am Ende ja zerstört hat.

Sam war zügellos, was einerseits die Arbeit mit ihm großartig gestaltete. Andererseits kam er irgendwann an einen Punkt, an dem er den Mißbrauch seiner selbst auf die Spitze getrieben hatte. Getrunken haben wir alle zu jener Zeit, aber ihm gelang es nicht, das zu unterbinden. Er war enorm talentiert und liebte es, Filme zu drehen. Außerdem besaß er die Fähigkeit, Menschen zu manipulieren. Mir gefielen die Spielchen, die er trieb und die es ihm letztlich ermöglichten, das System auszunutzen und die Filme zu machen, die ihm gefielen.

Glaubst Du nicht, daß es am Ende das System war, an dem er scheiterte?

Nicht, wenn du deine gesamte Energie an Alkohol und Drogen verschwendest. Irgendwann mündete seine Zügellosigkeit in einer Bypass-Operation, und das wäre sicherlich der Moment gewesen, die Chance, sein Leben grundlegend zu ändern. Es bieten sich immer irgendwann Anzeichen, die dir deutlich signalisieren, daß es so nicht weitergehen kann. Ich selbst habe vor Jahren das Trinken aufgegeben, als ich John Cassavetes an Leberzirrhose habe sterben sehen. Ich war abhängig und habe mich praktisch ruiniert, bis ich den Punkt erreicht hatte, an dem ich das alles plötzlich nicht mehr wollte. Niemand zwingt dich zu irgendetwas, du hast immer auch eine Wahl.

Ein Leben ohne Alkohol – aber ein Leben ohne den Film?

Ich kann mir keinen Film ohne Leben vorstellen. Nein, im Grunde ist mein ganzes Leben ein einziger Film. Aber ebenso liebe ich es, ins Theater zu gehen. Das Besondere daran, ein Theaterstück zu sehen, liegt für mich in der einmaligen Möglichkeit, meinen eigenen Schnitt zu setzen. Ich kann dem einen Schauspieler zuhören und mir dabei den anderen pausenlos anschauen und mich auf dessen Emotionen konzentrieren. Das gefällt mir, und speziell dieses Beispiel zeigt, was ich bei vielen Filmen vermisse. Die wenigsten Filmemacher bedenken während des Drehs von Dialogen, genügend Material als Absicherung aufzunehmen. John Cassavetes hat das blendend verstanden. Er liebte es, eine gesamte Filmrolle von einem Schauspieler aufzunehmen, nur wie dieser seinem Gegenüber zuhört. Das erhöhte nicht nur die Möglichkeiten im späteren Schnitt, auch mal den Rhythmus dank des umfangreichen Materials zu verschleppen, sondern Johns Vorliebe, so viel länger als üblich auf einem Gesicht zu verharren, verlangte das sogar. Diese Einstellungen zwangen dich, das Gesicht zu studieren und die Figur wirklich zu sehen, zu verstehen.

Stimmt es, daß Cassavetes seine Bücher zumeist »in continuity« gedreht hat?

Er tat dies für sich als Regisseur, aber besonders für die Schauspieler und erzielte so einen sehr natürlichen Fluß der Arbeit. Denn es ist für einen Darsteller wirklich schwierig, zum Beispiel am Ende der Dreharbeiten eine mittlere Szene zu spielen und am Beginn das Filmende. Wobei Johns Bücher ja selten rund enden. Wir hatten nie das Gefühl, das sei das Ende. Viele verstanden das nicht und fragten leicht unbefriedigt: »Und, kommt noch was?« Ja. Aber das wäre ein neuer Film. Im wahren Leben gehst du abends schlafen, wachst morgens auf und setzt dann deine Reise fort.

Reizt es Dich, diese Prinzipien mit Deiner Erfahrung auch einmal selbst als Regisseur durchzusetzen?

Na ja, ich inszeniere am Theater und liebe es, Schauspieler zu führen, ihnen als Regisseur auf die Sprünge zu helfen. Für »Jesse and the Abandoned Queen«, ein Zweipersonen-Stück, habe ich einmal als Regisseur in L.A. einen Preis gewonnen. Das war in den späten 70ern, nachdem ich »Convoy« (1978) gedreht hatte. Aber einen Film zu inszenieren – ich glaube kaum, daß man mich machen lassen würde, wie ich es machen wollte. Ich würde kompromißlos den Weg gehen, der mir gezeigt wurde. Ob es nun Nick Cassavetes oder Ben Gazzara als Regisseure sind – sie haben nichts von John gelernt. Absolut gar nichts. Gut, Nick hatte bei »Call it Love« (1997) nicht den Final Cut, weil Sean Penn ihm das Projekt am Ende aus den Händen nahm. Der Film basiert auf einem Drehbuch von John, aber niemals gab es bei ihm ein »Fuck this« oder »Screw you«. Die Schauspieler glauben heute, Improvisieren hieße »Fuck«: »Gimme a fucking cigarette. What the fuck is wrong with you?«

Wonach entscheidest Du, welche Rolle Du übernimmst? In Deiner reichhaltigen Filmographie ist – neben dem Independent Film – kaum eine Kontinuität festzustellen, da Du selbst in TV-Serien wie »Matlock"(1986) oder »The Fugitive« (1963) mitgewirkt hast.

Ich schaue meist nach interessanten Figuren oder einer spannenden Geschichte. Vieles habe ich auch gemacht, nur um Freunde zu unterstützen. Und die Arbeit beim Fernsehen ist durchaus vergleichbar mit der beim Independent Film. Wie dort müssen auch beim Fernsehen manchmal bis zu acht Dialogseiten pro Tag abgedreht werden. Diese frühen Serien habe ich aber auch gemacht, weil ich gerade nichts besseres zu tun hatte und meine Arbeit liebe. Heute gehe ich da wesentlich selektiver vor. »Chicago Hope« (1994) zum Beispiel habe ich angenommen, weil ich mit einer guten Freundin arbeiten konnte, mit der ich noch nie habe drehen können.

Du hast zwischendurch auch immer mal wieder in interessanten Studio-Produktionen mitgewirkt, zum Beispiel in Barry Levinsons »Tin Men« (1986).

Ich wollte gerne mit Barry arbeiten, weil ich »Diner« (1982) sehr schätzte und »Tin Men« ein Stoff war, mit dem er sich gut auskannte. Barry ging letztlich den Weg, den er immer gehen wollte – nach Hollywood. Er macht heute nach wie vor Filme mit Stars und über Stars. Nur leider sind Stars ja nicht die besten Schauspieler, sondern ausschließlich geschickte Kreationen, mit denen Hollywood den Weltmarkt beherrscht – mit Ausnahme von Indien und China vielleicht.

Worin besteht für Dich der vielbeschworene Independent Spirit?

In der Freiheit, Eigenes zu tun, in das niemand hineinredet. In einer Independent Produktion kannst du aus dem Moment heraus reagieren, ohne daß irgendjemand ständig deine Dialoge checkt. Das Problem des unabhängigen Filmemachens besteht darin, daß nie genug Zeit da ist und deswegen schnell gedreht werden muß, in 16 bis 18 Tagen manchmal. Eine sehr negative Entwicklung treiben die vielen Produzenten voran, die den Independent Film seit einiger Zeit entdeckt haben. Diese Produzenten investieren, weil sie wissen, daß ihr Geld über den Verkauf von Video- und Fernsehrechten in jedem Fall zurückfließt. Ist das Geld erst einmal im Projekt des Filmemachers, dann können sie ihm vorschreiben, wieviel Drehtage er zur Verfügung hat. Sagt der Filmemacher, um den Film zu machen, der ihm vorschwebt, brauche er aber mehr Zeit, dann wird ihm entgegnet: »Wir wissen, daß dies in 18 Tagen möglich ist. Der und der hat es ja auch geschafft.« Diese Produzenten kümmern sich wenig um den Independent Spirit, sie haben Schäfchen ins Trockene zu bringen wie alle anderen auch.

Herrscht innerhalb der Independent Szene eine starke Solidarität zwischen Kollegen wie Dir, Lili Taylor, Parker Posey oder Michael Rapaport?

Ja, bis zu einem gewissen Grad bestehen Freundschaften. Alle arbeiten gerne für Leute, die sie respektieren und haben an Independent Filmen einfach mehr Spaß als an Filmen wie »Metro« (1997), den Michael Rapaport mit Michael Murphy gedreht hat und für den er viel Geld bekommen hat. Danach kann er wieder für Jahre die Projekte drehen, die er möchte. Oder Steve Buscemi, der mit Armageddon (1998) ordentlich verdiente. Ich habe den Film nicht gesehen; schon als ich die Story hörte von Jungs, die ins All fahren und einen Meteor klarmachen. Steve erzählte mir die Story, und ich fragte: »What is Bruce Willis to do? Grab whole of the fucking thing and smash it?« Aber ich bin sicher, daß Steve gut ist, das ist er nämlich immer. Er findet einfach einen Weg, jede Rolle für sich selbst interessant zu gestalten. Das ist seine Qualität.

Wie war das bei Buscemis Trees Lounge (1996), von einem Kollegen inszeniert zu werden?

Ich kannte ihn ja als Regisseur bereits durch seinen Kurzfilm »What Happened to Pete« (1992), wo ich mitgespielt habe. Danach fühlte er sich bereit, um sich selbst als Schauspieler zu inszenieren. Denn das kann wahrlich nicht jeder Darsteller. John war ein Meister darin, Sean Penn kann es auch. Die meisten Schauspieler aber inszenieren sich selbst, weil sie keinem anderen trauen. Wie Warren Beatty zum Beispiel…

…mit dem Du ja 1990 »Dick Tracy« gemacht hast – ein weiterer Grenzgänger des Independent Films…

Nein, Warren Beatty macht Filme über Warren Beatty.

Gibt es überhaupt noch Regisseure, mit denen Du gerne arbeiten würdest, es aber noch nicht zustande kam?

Klar, ich habe noch nie mit Martin Scorsese gedreht. Ich habe ihm für eine Rolle in »Boxcar Bertha« (1972) abgesagt. Seitdem hat er mich nie wieder gefragt. Ansonsten habe ich wirklich mit fast allen gearbeitet, sogar mit Quentin Tarantino, dabei mag ich seine Art zu schreiben überhaupt nicht. Alles muß immer comicreif sein und geht dabei kaum in die Tiefe. Er wäre gerne ein Regiestar im Stile eines Orson Welles, aber das wird er nie sein.

Aber war er nicht letzten Endes für Miramax der Ausgangspunkt für diese Expansion und damit verbunden auch der Ausschlag für die Entwicklungen im Independent-Bereich?

Nein, das glaube ich nicht. Miramax änderte seine Pläne nicht seinetwegen. Miramax wußte bereits vorher um das Potential des Independent Films, um die Möglichkeiten einer finanziellen Auswertung. Mittlerweile erzählen auch sie dir, wie du deinen Film zu machen hast.

Und Woody Allen? Wie paßt er in die Szene?

Ich liebe die Bücher von Woody Allen. Allerdings bin ich es leid, ihn spielen zu sehen, weil er immer wieder die gleiche Rolle spielt. Aber besonders Filme wie »The Purple Rose of Cairo« (1985) oder »Broadway Danny Rose« (1984) sind unglaublich komisch und ausgesprochen brillant geschrieben. Und weil er seine Filme so günstig herstellen kann, gewährt man ihm uneingeschränkt den Final Cut. Ohne dieses Recht würde er aber auch gar nicht arbeiten. Und er tut gut daran, das zu fordern. Immerhin: He creates the whole fucking thing! 1970-01-01 01:00
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