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Detlev Buck und Dirk Grau

Kein aufgeräumtes Kino

Von Dagmar Seume Regisseur Detlev Buck und Editor Dirk Grau im Gespräch mit Dagmar Seume über den Film Knallhart.


In Knallhart geht es um soziale Unterschiede und Abzocke, wurdet ihr auch schon mal abgezockt?

Buck: Nee, aber eins auf die Glocke bekommen habe ich schon. Das ist aber nicht alles, was den Film ausmacht. Wenn man immer sagt, es geht um Gewalt und »Abziehen«, dann würde ich sagen, man kennt nur ein Drittel von dem Film.

Knallhart ist eure erste Zusammenarbeit, wie kam es dazu?

Grau: Ich mag Bucks Filme. Er hat eine spannende Art, Geschichten zu erzählen. Wichtig ist mir auch, daß man sich gut versteht. Immerhin sitzt man mit dem Regisseur Monate lang in einem Raum zusammen. Der Humor muß stimmen, ich lache halt gern, und mit Detlev kann man einfach super lachen.

Buck: Ich habe den Film Rhythm is it gesehen, bei dem Dirk Cutter war. Und da war ich weg, da habe ich geheult bei dem Film. Ich bin nicht derjenige, der sofort Gefühle zeigt. Eigentlich fahre ich auf solche Projekte und Filme nicht von Hause aus ab. Aber du kannst halt solches Material auf die eine oder andere Art schneiden. Das hat mich gereizt, und ich hab mir gedacht: Das paßt auf jeden Fall für das, was ich vorhab.

Wie lange dauerte der Dreh und wie lang habt Ihr an dem Film geschnitten?

Buck: Achtundzwanzig Tage gedreht und ganz kurz nur geschnitten.

Grau: Es war für mich der kürzeste Filmschnitt. Nach 14 Tagen gab es bereits den ersten Feinschnitt. Danach wurden immer noch mal Kleinigkeiten geändert, aber im Groben war es das.

Wie habt Ihr Euch die Atmosphäre des Films erarbeitet, oder ist sie erst während des Drehens entstanden?

Buck: Ich bin mit dem Kameramann oft nach Neukölln gefahren. Wir haben es nicht gemacht, wie sonst: Set-Begehung, fliegst den Kameramann und Regisseur ein, und dann geht man los mit zehn Leuten, schaut sich Motive an. Wir sind nur zu zweit in Neukölln herumgelaufen. Dadurch hat sich so eine organische Kamera ergeben. Die ist auch nicht ganz so, wie sich eigentlich eine Handkamera bewegt. Sondern ruhiger, und trotzdem ist es Handkamera. Deshalb atmet der Film auch sehr.

Hast Du vor dem Schnitt mit Dirk Grau alles genau besprochen?

Buck: Ich hatte Vertrauen zu Dirk, weil mir ja gefallen hat, was er bisher gemacht hat. Dirk hatte nur von Bernd Wrede die Musik.

Hast Du dann direkt auf die Musik geschnitten?

Grau: Nein, aber ich hatte sieben oder acht fertige Musikstücke. Und am Anfang mußte ich ja auch erstmal den Weg so ein bißchen finden.

Buck: Am Anfang habe ich dir ja um 3 Uhr nachts SMSen geschrieben.

Grau: Ja, nachdem du den ersten Schnitt gesehen hast.

Buck: Es war die Katastrophe, nein wir müssen es ändern, mach das sofort, ich muß das morgen geändert sehen usw.

Hat Dich Detlevs Reaktion erstmal verunsichert?

Grau: Ja, es kamen halt so fünf SMSen hintereinander. Am Anfang ist es immer schwierig. Zu dem Zeitpunkt war auch noch nicht so wirklich der Stil für mich im Kopf. Ich hatte noch nicht so ein richtiges Gefühl dafür. Ich glaube es fing richtig an mit der Barbierszene. Da hatte ich auf einmal das Gefühl: Okay, das könnte der Film sein. Das war so nach fünf, sechs Tagen. Dann hatte ich die Musik vom Komponisten, und die habe ich immer im Auto gehört. Ich mache das ganz oft so, ich höre mir Musik an, und dann habe ich die Bilder dazu, die ich bei den Mustern gesehen habe. Und am nächsten Tag hat es im Schnitt dann funktioniert.

War es schwierig mit so jungen Darstellern und Handkamera die Kontinuität herzustellen?

Buck: Es gibt keine klassische Kontinuität in dem Film. Die haben wir bewußt vernachlässigt. Dadurch, daß es so ein physischer Film ist, ist man immer dicht an den Figuren. Es ist kein aufgeräumtes Kino.

Grau: Das war hier auch wirklich nicht das Ziel, für mich war wichtig, den Rhythmus zu finden. Ob der Arm jetzt mal oben oder unten war - das fand ich nicht so schlimm.

Im Film ist nur eine Prügelei zu sehen, die anderen Gewaltszenen sind eher psychologisch angelegt, zum Beispiel das Kinderspiel.

Buck: Das Kinderspiel ist wie eine Metapher, es ist ein pervertiertes Spiel mit Wetten. Das ist, was einen erschreckt, und da sind auch die Jungs leise. Es wirkt wie eine Hinrichtung. Da ist jemand festgebunden, der ist verkleidet, dadurch entsteht schon der Albtraum im Kopf. Das ist fast wie ein Tabubruch - und dann ist es aber ganz wichtig, daß diese Szene stattfindet. Davor sieht man die beiden Jungs, den Michael Polischka und den Erol, wie sie sich treffen mit seinen Kindern und er ganz anders ist. Kurze Zeit später knallt er komplett durch, geht sogar gegen seine eigenen Leute vor. Meiner Meinung nach zeigt das deutlich, ihm ist das Leben der anderen ziemlich egal. Das ist wichtig für den Schluß. Denn da gibt es überhaupt nicht einen einzigen Gewinner. 1970-01-01 01:00
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