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Daniel Brühl

Das weise Plauschen

Von Nikolaj Nikitin, Oliver Baumgarten Über die Stimme fand Schauspieler Daniel Brühl zu seinem Beruf, wo er sich nach begeistert aufgenommenen Darbietungen in Schule, Nichts bereuen oder Das weiße Rauschen zum hoch gehandelten Charakterdarsteller entwickelte. Aspekte seiner jungen Karriere und Einzelheiten zu den vier Filmen, in denen er 2002 zu sehen sein wird, erzählte er Nikolaj Nikitin und Oliver Baumgarten.


Dein Vater ist Regisseur. Hat dies Deine Entscheidung, Schauspieler zu werden, beeinflußt?

Da mein Onkel beim WDR-Hörfunk als Regisseur arbeitete, bekam ich mit acht Jahren die Gelegenheit, Hörspiele zu machen. Später wurden mir auch Rollen als Synchronsprecher angeboten. Eine meiner ersten Hauptrollen sprach ich in »The Reflecting Skin« von Philip Ridley. Über die Arbeit als Synchronsprecher erhielt ich später meine ersten Rollen als Schauspieler. Unter anderem drehte ich Pakt mit Miguel Alexandre. Nur mein Vater war damals gar nicht begeistert und überredete mich dazu, erst mal die Schule fertig zu machen. Heute bin ich froh darüber. Auch bereue ich es nicht, niemals eine Schauspielschule besucht zu haben, obwohl ich in Zukunft gerne einzelne Kurse – etwa über psychologische Rollenentwicklung – belegen würde. Meine große Erfahrung im Hörfunkbereich hat den Vorteil, daß ich sehr gut mit Sprache umgehen kann. Als Synchronsprecher beschäftigt man sich sehr lange mit einem Film und beobachtet die Schauspieler sehr intensiv. Man lernt dabei viel für sein eigenes Spiel.

Befürchtest Du nicht, gerade nach Schule und Nichts bereuen in eine gewisse Schublade gesteckt zu werden? Wie wirst Du bei Deiner Rollenwahl weiter vorgehen?

Die Gefahr ist ziemlich groß, das stimmt. Ich versuche den Leuten zwar immer zu erklären, daß es zwei vollkommen verschiedene Charaktere sind, die ich in diesen Filmen darstelle, aber dennoch wird man gern in eine Schublade gesteckt. Und auch der Druck wird größer, weil alle ganz besonders darauf achten, was ich als nächstes mache. Aus diesem Grund möchte ich auch nicht zum Vieldreher werden. Zwei Filme im Jahr, eine Hauptrolle und eine größere Nebenrolle, das ist eigentlich genug. Ich will ja auch noch etwas vom Leben haben, denn die Lebenserfahrung, die ich sammle, fließt ja auch wieder in mein Spiel ein. Man sollte als Schauspieler im Alter auch was zu erzählen haben. Zudem galt mein Interesse schon immer eher den gebrochenen Figuren, weil ich mich in ihnen besser wiedererkenne. Der Reiz liegt ja gerade darin, daß man sich im voraus viele Gedanken macht, wie man die Figur anlegt. Das heißt aber nicht, daß ich ausschließlich komplexe Persönlichkeiten darstellen will. Ich fand auch Schule toll, weil es ein netter, schöner Film ist.

Was bedeutet für Dich »Professionalität« bei einem Schauspieler?

Es ist wichtig, sich eine gewisse Lockerheit zu bewahren und nicht zu verkrampfen. Doch dieser Lockerheit liegt meist eine tiefe Konzentration zugrunde, so daß man, wenn der Regisseur das verlangt, eine Szene sofort auf eine ganz andere Weise drehen kann als man es vorhatte. Ich selbst merke immer wieder, daß ich für die schwierigeren Szenen in diesen Fällen immer eine längere Umgewöhnungszeit brauche, während ältere, erfahrenere Kollegen viel schneller umschalten können. Und das sind dann meist nur kleine Nuancen, ein bißchen leiser, ein bißchen ernster – auf den ersten Blick kaum zu erkennen. Wenn ich diese Professionalität am Set bei älteren Schauspielern beobachte, bin ich immer voller Hochachtung. Wichtig ist allerdings auch, daß das Spielen nicht zur Routine wird und man sich die Frische bewahrt. Das macht für mich einen wahren Star aus: daß neben allem Handwerk und aller Routine noch diese Frische, diese Spielfreude spürbar wird.

Erzähl doch mal etwas zu Deinem Verhältnis zur Kamera.

Beim Spielen selbst nehme ich sie gar nicht mehr wahr. Der Druck, den ich am Anfang empfunden habe, wenn eine Kamera auf mich gerichtet war, ist weg. Das macht wahrscheinlich einen guten Schauspieler aus, daß er die Kamera einfach vergißt. Und die innere Ruhe bewahre ich, indem ich in kürzeren Pausen herumalbere und Witze mache, während ich in den längeren Pausen mich zurückziehe und entspanne. Man hat da als Schauspieler so seine Tricks und weiß irgendwann automatisch, wann man gut und wann man schlecht aussieht. Doch ich denke, man muß diese Eitelkeiten mit der Zeit auch ablegen. Ich habe schnell festgestellt, daß es gar nicht das Wichtigste ist, unheimlich telegen zu sein. Aus diesem Grund habe ich auch kein Problem damit, mir die Muster anzuschauen. Meine Neugier ist da größer als die Eitelkeit. Deswegen war ja auch die Erfahrung, bei Das weiße Rauschen mit einer DV-Kamera zu drehen, so interessant.

Glaubst Du nicht, daß die DV-Ästhetik zu einer Banalisierung des Filmemachens führt, weil unter anderem die Anforderungen an die Schauspieler sinken?

Das würde ich nicht so sehen. Wenn der Stoff es zuläßt, zum Beispiel wenn dokumentarisch erzählt wird, finde ich das Verfahren sehr gut. Deswegen bin ich auch ein großer Fan der Dogma-Filme. Durch die größere Freiheit, die sich aus dem Wegfall vieler technischer Elemente ergibt, kann man ein großes Maß an Authentizität erzielen. Bei Das weiße Rauschen konnte ich vollkommen frei spielen und habe dadurch meine Ängste abgelegt. Doch es gibt natürlich auch viele Leute, die unsinnige Filme auf DV drehen, einfach weil es finanziell machbar ist. Doch bei »Das weiße Rauschen« bot es das Thema einfach an. Klar, man dreht viel mehr, hält auf alles drauf, eben weil es so billig ist. Trotzdem muß ich in der Rolle aufgehen, muß mich auf mein Spiel konzentrieren, wie bei anderen Filmen auch. Ich denke, daß die DV-Technik große Möglichkeiten für einen Schauspieler bietet und möchte auf jeden Fall weitere Filme in der Art machen.

Denkst Du während einer Einstellung über mögliche Schnitte nach? Gibt es in einer Dialogszene bei Dir zum Beispiel Momente, in denen Du etwas in Deinem Spiel nachläßt, weil Du denkst, gerade spricht der andere, da werde ich eh herausgeschnitten?

Generell versuche ich so zu spielen, daß beim Schnitt noch alles möglich ist, ich habe also nicht ständig den Hintergedanken, wie und ob meine Szenen geschnitten werden. Ich versuche immer, alles zu geben. Außerdem sollte man aus Respekt vor seinem Partner in Dialogszenen auch nicht schlechter spielen, nur weil man weiß, daß man wahrscheinlich in der jeweiligen Szene nicht im Bild ist. Es gibt aber tatsächlich einige wenige Kollegen, die, während du im On sprichst, ihren Kopf im Off zum Beispiel langsam und kontinuierlich wegdrehen mit dem einfachen Ziel, dich aus der Konzentration zu bringen.

Du bist ja in Nichts bereuen sowie in Das weiße Rauschen praktisch das Alter Ego des Regisseurs. Wie hat das die Zusammenarbeit beeinflußt?

Nun, bei Das weiße Rauschen ist es ja nicht direkt das Alter Ego des Regisseurs, das ich verkörpere. Aber es stimmt, er hat sich sehr intensiv mit Schizophrenie auseinandergesetzt, und das Thema war ihm dadurch sehr nah. Bei Nichts bereuen hatte Benjamin Quabeck sehr genaue Vorstellungen, wie die Figur zu agieren hat, weil der Stoff sehr autobiographisch ist. Doch eine solche Situation bringt einen Schauspieler menschlich viel näher an den Regisseur heran. Solche Filme sind dann die persönlichsten, weil es um echte Gefühle geht und nicht um ausgedachte Geschichten. Und man übernimmt automatisch die Sicherheit, die der Regisseur aufgrund der autobiographischen Dimension mit sich bringt.

Laß uns mal auf eine Szene in Das weiße Rauschen eingehen: Du willst Dir unbedingt Taxi Driver im Kino anschauen, bekommst aber keine Karte, weswegen Du regelrecht ausflippst. Wie waren die Vorbereitungen auf diese Szene, die Du sehr intensiv spielst?

Im Grunde war die Szene ein einziger Horror, da die Frau, die die Kinokassiererin spielt – purer Zufall – diejenige ist, der ich meine Kinokarriere zu verdanken habe, weil sie mich damals als Synchronsprecher an eine gute Agentur vermittelt hat. Und dann steht sie nach all den Jahren vor mir und ich muß sie aufs übelste beschimpfen. Aber auch die Vorbereitungen auf diese Szene waren schwierig, da ich sehr lange gebraucht habe, um in die Rolle hineinzukommen. Ich mußte für mich selber das Gefühl bekommen, ein Stück wahnsinnig zu sein. Natürlich kann man sich nicht vollständig in einen Schizophrenen hineinversetzen. Ich habe die Rolle so sehr gelebt, daß mein Privatleben doch sehr darunter gelitten hat, habe mich vollkommen auf mich selbst zurückgezogen und allen meinen Freunden gesagt, daß ich mich eine Zeit lang kaum melden würde. Wir haben uns aber an den Film langsam herangetastet, mit den einfacheren Szenen angefangen. Auf diese Weise konnte ich mich langsam in die Rolle reindenken.

Du spielst die Rolle ohne diese übliche Trennung von Gut und Böse, sondern schaffst es, beide Facetten auf einmal darzustellen.

Ja, die Ambivalenz sollte auch durchgehend spürbar sein. Es war wichtig, daß die Figur diese Nettigkeit hat und somit dem Klischee des Hollywood-Psychopathen entgegenwirkt. Der Film soll zeigen, daß Schizophrene auch eine menschliche Seite haben und nicht nur als Psychos durch die Gegend rennen. Daß bei der ganzen Dramatik und den Selbstmordversuchen auch etwas wie Hoffnung durchscheint, daß es irgendwann besser werden kann, das war uns sehr wichtig. Und die größten Komplimente bekam ich von Menschen, die in ihrem Alltag viel mit Schizophrenen zu tun haben. Das hat mich sehr gefreut, denn meine größte Angst ist es, in einer Rolle nicht echt zu wirken.

Es gibt ja Schauspieler, die sehr gerne ihr Äußeres verändern wie Billy Bob Thornton beispielsweise. Bei Dir ist dies eher selten der Fall, warum?

Wenn die Rollen es erfordern, sehe ich schon auch gern mal anders aus. Für Schlaraffenland zum Beispiel mußte ich mir eine Glatze schneiden, und in Vaya con dios bekam ich als Mönch einen recht extremen Haarschnitt. Auch in Elefantenherz, wo ich einen Boxer spiele, mußte ich mein Aussehen stark an die Rolle angleichen. Dort, wo es die Figuren erfordern, bereitet mir das Verkleiden durchaus Spaß. Mir aber für Das weiße Rauschen meinetwegen einen Bart stehen zu lassen, halte ich nicht für sonderlich sinnvoll. Bei einem Film wie Elefantenherz lief das sehr viel subtiler ab. Im Zuge der Vorbereitungen habe ich in einem Boxverein hart trainiert und nach einer Weile erheblich Muskeln angesetzt. Der größte Reiz an der Rolle bestand auf jeden Fall darin, daß der Körper so stark im Vordergrund steht und daß ich mit viel Körpereinsatz spielen konnte. Ich habe beim Dreh von Elefantenherz aus diesem Grund viel über Körperbeherrschung gelernt. 1970-01-01 01:00
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