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Andreas Dresen

Über seinen Schatten springen

Von Frieder Schlaich In der gemeinsam von Filmgalerie 451 und »Schnitt« gestarteten DVD-Edition »Debütfilme« erscheint am 23. April 2007 Stilles Land, Andreas Dresens erster Spielfilm. Neben allen seinen HFF-Kurzfilmen auf einer zweiten DVD enthalten die Extras auch ein Gespräch zwischen Frieder Schlaich und dem Regisseur, aus dem wir im folgenden einen Auszug präsentieren.


Mit welchen Empfindungen denkst Du heute an Dein Debüt Stilles Land?

Bei »Stilles Land« habe ich immer das Gefühl einer vertanen Chance. Weil ich glaube, es hätte ein für jene Zeit wichtiger Film sein können, der aber aus unterschiedlichen Gründen jene Leute nicht richtig erreicht hat, für die er gedacht war. Ich glaube, daß der Film von seinem Herzen, seiner Seele her sehr, sehr ehrlich ist. Er ist handwerklich gewiß nicht auf der Höhe der Zeit, hat die Ungelenkigkeiten eines Debütfilms. Er ist aus einem Stadium, wo man noch an Krücken geht, sich noch nicht traut, frei geradeaus zu laufen. Das, was er erzählt, ist aber richtig so. Er ist ein Zeitdokument geworden: der einzige Film, der über die Wendezeit erzählt und dabei sehr zeitnah, zwei Jahre nach den Ereignissen, entstanden ist – und das merkt man ihm zum Teil auch an.

Unter welchen Umständen kam der Film zustande?

Wir haben in Anklam gedreht, oben im Norden. Viele meiner Schauspieler waren in Theaterverpflichtungen, sodaß manchmal nur einer von ihnen da war und ich der einzige Anspielpartner. Ich habe also Szenen gedreht, da waren die Schauspieler, die zusammen im Film gespielt haben, nie zusammen vor Ort. Das sind alles so Dinge, die ich heute niemals mehr machen würde. Damals habe ich mich das noch getraut, dachte: »Wird schon irgendwie.« Und ging ja auch. Aber da kann man natürlich nicht erwarten, daß zwischen den Schauspielern irgendetwas Besonderes passiert. Es passiert eben nur das, was der Regisseur sich ausgedacht hat, und das ist vielleicht nicht unbedingt immer das Beste. Und so kommt der Film dann auch daher: auf der einen Seite handwerklich in der Lage, so ein Gruppenbild zu erzählen, was ja nicht unaufwendig ist, auf der anderen Seite aber auch ein bißchen hölzern und klapprig.

Wie bist Du damals mit Humor umgegangen?

Ich wollte eigentlich immer, daß »Stilles Land« ein lustiger Film wird, daß wir nicht in so eine larmoyant-wehleidige Wendeschilderung hineingeraten, sondern daß es auch skurril und absurd bleibt. Letztlich ist der Film nicht so komisch geworden, wie ich es mir gewünscht hätte. Es ist zwar immer noch Humor drin, und ich würde auch sagen, daß es eine Tragikomödie ist mit melodramatischen Einschlägen, aber ich hatte viel mehr Slapstick-Szenen drin, die dann leider der Schere zum Opfer gefallen sind, aus dem einfachen Grund, weil sie mißglückt waren. Ich hab's handwerklich nicht in den Griff gekriegt. Ich hatte zu wenig Erfahrung. Slapstick ist sehr schwer zu machen. Mir ist das später erst bei Nachtgestalten mit Michael Gwisdek geglückt, der aber auch ein begnadeter Slapstickspieler ist. Bei »Stilles Land« beging ich den klassischen Anfängerfehler: zu denken, es lustig machen zu müssen, damit es lustig wirkt. Dabei ist es genau andersherum: Man muß ganz ernst sein, damit es lustig wird.

Wie entstand denn die Idee zum Film?

Es war nach der Vorführung meines Studentenfilms »So schnell es geht nach Istanbul« in Berlin im Forum des Jungen Films. Da sprach mich der Produzent Wolfgang Pfeiffer an, er würde mir gerne helfen, meinen ersten Film zu produzieren. So wünscht man sich das ja, daß so ein Produzent kommt und sagt: »Ich will dir helfen.« Und ich hatte diese Hilfe auch gerade echt nötig, da ich nicht genau wußte, wie es weitergeht. So bin ich mit Laila Stieler, mit der ich zusammen an der HFF Potsdam-Babelsberg studiert hatte, nach Kreuzberg ins Büro von Wolfgang Pfeiffer. Und der fragte uns die natürlich berechtigte Frage in diesem Zusammenhang: »Was wollt Ihr denn drehen?« Ich hatte nun leider keinen Schreibtisch voll mit fertigen Drehbüchern, sondern hatte mich so ein bißchen darauf verlassen, daß, wenn ich nach dem Studium zurück zur DEFA käme, die mir Stoffangebote machen würden. Nun gab es die DEFA nicht mehr. Pech. Wir haben dann intuitiv gesagt, daß man bei einem ersten Film nicht von etwas erzählen sollte, von dem man so gar nichts versteht, sondern von etwas, das relativ nah am eigenen Erfahrungshorizont liegt. Und die Wendezeit war ja ein prägendes Erlebnis gewesen. Es gab skurrile Geschichten darüber, wie das an kleinen Theatern abgelaufen ist. Und so haben Laila und ich uns in die Spur gemacht und diverse Theater besucht. Anderthalb Monate später kamen wir mit einem Berg voll Material wieder und haben innerhalb von zwei Wochen die erste Drehbuchfassung geschrieben – das habe ich nie wieder geschafft.

Wie sehen denn Deine eigenen Erfahrungen mit dem Theater aus?

Ich bin in Theaterkantinen groß geworden. Meine Eltern hatten sich früh getrennt, und meine Mutter hat mich oft mitnehmen müssen ins Theater. Viele dieser Erfahrungen habe ich mit in den Film getragen. Mitte der 90er habe ich dann zum ersten Mal selbst am Theater Regie geführt, gleich Goethes »Urfaust« – wenn schon, denn schon. Das war für mich eine umwerfende Erfahrung, gerade in der Arbeit mit den Schauspielern, die viel näher und enger ist, ohne Technik, hinter der man sich verstecken könnte. Die Arbeit am Theater hat mich gelehrt, den Schauspielern auf eine ganz andere Art und Weise zu vertrauen. Das hat im Film eine ganze Reihe von Dingen losgetreten, bis hin zu Halbe Treppe, der – ganz ohne Drehbuch – komplett mit den Schauspielern erarbeitet wurde. Das hätte ich mich nicht getraut ohne die Erfahrungen am Theater.

Wie ging es nach Stilles Land weiter?

Ich hatte nun also meinen ersten Film gedreht, aber überhaupt noch nicht darüber nachgedacht, daß man sein Leben als Regisseur irgendwie organisieren muß. So machte ich erstmal mit einem Freund zusammen einen Dokumentarfilm. Mein nächster langer Film war dann für den Südwestfunk. Dort gab es eine Reihe »Debüt spezial«. Man hatte hier erkannt, daß es oft viel schwieriger ist, den zweiten Film zu drehen als den ersten, und wollte nun einem Debütanten die Chance geben, seinen zweiten Film komplett finanziert zu drehen. Laila und ich haben ein Exposé eingereicht und die Ausschreibung prompt gewonnen. Entstanden ist so »Mein unbekannter Ehemann«. Das war mein zweiter Film, bei dem ich alle Fehler gemacht habe, die man als Regisseur so machen kann, er ist aber auch gleichzeitig mein beim Publikum erfolgreichster Film, hatte immer gute Einschaltquoten und wird oft wiederholt. Es ist wie verhext. Man weiß eben nicht, wann sich Erfolg einstellt und warum.

Bei Nachtgestalten kam der Erfolg sehr spät…

Der Film hatte keinen guten Stand, es war ein Film, den keiner haben wollte. Wir haben ihn den Verleihern gezeigt, und alle sagten: »Interessant, aber das will keiner sehen.« Gerettet hat uns der damalige Berlinale-Chef Moritz de Hadeln, der den Film über Nacht in den Wettbewerb genommen hat. Ich wollte überhaupt nicht und hatte Angst. Berlinale – das war damals weiß Gott sehr verschrien unter deutschen Filmemachern, denn die Filme, die im Wettbewerb liefen, wurden sehr oft fertiggemacht. Aber gut: Es wurde ein großer- Erfolg, und plötzlich wollte jeder den Film haben. Aber es war knapp, Nachtgestalten bewegte sich echt an der Grenze dessen, was möglich war, ohne uns völlig zu ruinieren.

Hast Du denn den Erfolg von Sommer vorm Balkon vorausgeahnt?

Ehrlich gesagt, hatte ich nicht damit gerechnet, daß der im Kino so gut funktioniert. Es ist eine Geschichte, wie ich sie mag, die sich aber auch schwer verkaufen läßt. Ich habe aber nicht das Gefühl, nun einem kommerziellen Druck folgen zu müssen, daß der nächste Film noch erfolgreicher sein soll oder ich »Sommer vorm Balkon 2« machen müßte. Darauf habe ich auch gar keine Lust. Es gab schon nach »Halbe Treppe« Stimmen, die sagten, daß ich das nochmal machen müßte, und dann habe ich Willenbrock gedreht, einen Film, der komplett anders aussieht, viel radikaler ist und für mich persönlich an vielen Stellen politisch viel härter als Sommer vorm Balkon und daher vielleicht sogar auch wichtiger.

Im Moment schaue ich gerade. Ich würde gerne da anknüpfen, wo ich vor ein paar Jahren mit Die Polizistin aufgehört habe, nämlich eine Art Film zu machen, die sehr unversöhnlich ist und sich auf eine sehr radikale Art der Realität nähert. Mag sein, daß sowas nicht tauglich ist fürs große Publikum. Ich empfinde den Erfolg von Sommer vorm Balkon aber als Chance, etwas auszuprobieren, was ich mich sonst nicht trauen würde. Einen gewonnenen Freiraum, ein Vertrauen zu nutzen, radikalste Wege zu suchen. Ich möchte nichts wiederholen, aber ich möchte ein für mich uneingelöstes Versprechen von der Polizistin einlösen. Das ist etwas, worüber ich gerade nachdenke, ohne zu wissen, wohin mich das bringen wird. Ich denke auch, daß das deutsche Kino es gut gebrauchen könnte, daß wir über den Tellerrand hin-ausgucken. Ich finde es z.B. sehr beeindruckend, was Michael Winterbottom seit Jahren macht. In this World etwa, da frage ich mich als deutscher Regisseur voller Scham, warum ich diesen Film nicht gemacht habe. Wahrscheinlich, weil ich's nicht gekonnt hätte, wenn ich mal ehrlich bin, aber auch, weil ich nicht auf diese Idee gekommen bin. Und wenn man wach auf diese Welt guckt, muß man sich diese Fragen schon stellen. Jeder Film ist auch nur ein Spiegel der eigenen Unvollkommenheit zum Zeitpunkt seiner Entstehung. Aber man sollte doch jedes Mal versuchen, seine eigenen Grenzen wieder ein Stückchen zu verschieben. Man kann zwar nicht über seinen Schatten springen, aber man kann es wenigstens probieren. Und das würde ich gerne. 2007-10-05 03:49
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