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Buket Alakus

Keine Angst vor Klischees

Von Oliver Baumgarten Mit Anam, der einfühlsam erzählten Geschichte einer Türkin, die ihren Mann verläßt und sich mit ihren Freundinnen auf die Suche nach ihrem drogensüchtigen Sohn macht, feierte Buket Alakus auf dem Münchner Filmfest 2001 erfolgreich Premiere. Ihr Regiedebüt produzierte die Hamburger Wüste Film in Zusammenarbeit mit dem »Kleinen Fernsehspiel«.


Die Story enthält gleich drei Themen, denen jedem für sich schon ein hohes Maß an Sensibilität entgegen gebracht wird. Wie bist Du den Stoff angegangen?

Das Projekt war für alle Beteiligten gewagt, für Ralph Schwingel von Wüste Film genauso wie für Burkhardt Althoff vom Kleinen Fernsehspiel. Wir wollten die Geschichte in großem Stil erzählen und für das kleine Budget viel wagen. Meine Befürchtungen beruhten darauf, daß die Zuschauer anfangen könnten, während des Sehens zu viel nachzudenken. Ich bin glücklich darüber, daß aber die ersten Vorführungen zeigen, daß sie vollends in den Film eintauchen. Das ist mir das wichtigste, das war unsere Hauptaufgabe.

Der Film wechselt scheinbar kinderleicht die Stimmungen. Ist das seine Stärke?

Anam sollte unterhalten, aber trotzdem stellenweise an Konventionen kratzen. Wir wollten nicht das Paar Schuhe produzieren, das man überall anders auch bekommt. Anam selbst ist schließlich auch keine Türkin, wie sie das Filmklischee zu kennen glaubt. Für mich ist Film sehr gut mit Essen vergleichbar. Thailänder beispielsweise machen eine Poesie aus ihrem Essen. Es sieht fantastisch aus und beinhaltet eine unglaubliche Vielfalt. Das ist für mich Schönheit pur. Das habe ich versucht, auch mit meinem Film herzustellen. Dabei kann es natürlich vorkommen, daß er dem einen zu scharf oder dem anderen zu salzig ausfällt.

Würdest Du Deinen Film als Frauenfilm bezeichnen?

Das kann man so sehen. Dennoch geht es in keinster Weise um den Geschlechterkrieg, es geht um Liebe. Der Name der Hauptfigur, der im Türkischen eine so vielfältige Bedeutung hat, weist darauf hin. Sitzt ein Türke in einem Café und sieht eine hübsche Frau, dann ruft er Anam aus, was dann einen sehr erotischen Anklang besitzt. Die Großmutter, die ihren Enkel im Arm hält, drückt ihre Liebe ebenfalls mit Anam aus. Und Anam ruft schließlich ein Kind aus, wenn es die Hilfe der Mutter benötigt. Diese drei Bilder – die Großmutter, die Mutter und die begehrenswerte Frau – vereinen sich in der Hauptfigur.

Wie entwickelte sich die Idee zum Film?

Ich habe das Exposé geschrieben, als ich noch auf der Filmhochschule in Hamburg war. Dort sprachen wir einmal über Zitate, die uns beschäftigen. Eines davon stammt von meinem Vater, der mich, immer wenn ich rebellisch zu meiner Mutter war, ermahnt hatte: »Unter den Füßen deiner Mutter liegt das Paradies.« Mein Lehrer Alexander Mitta forderte mich auf, darüber eine Geschichte zu schreiben. Mit diesem Exposé ging ich zu Ralph Schwingel von Wüste Film, der sehr begeistert war. Noch im Exposé-Stadium kam bereits Burkhardt Althoff dazu. Das war eine fantastische und enge Zusammenarbeit mit beiden, über die ich äußerst dankbar bin.

Der Film hat einen sehr hochwertigen Look. Wie waren die Drehbedingungen?

Wir hatten ein Budget von etwas über einer Million Mark, so daß das Team für extrem reduzierte Gagen gearbeitet hat. Uns standen 28 Drehtage zur Verfügung – ein Zeitraum, der, ebenso wie das Budget, verglichen mit der hohen Anzahl von Drehorten im Buch extrem unverhältnismäßig ausfiel. Das komplette Team stand unter enormem Druck, aber durch die totale Hingabe aller entwickelte sich ein äußerst produktiver Sog. Es war trotzdem ein ziemliches Gehetze, und irgendwann nannten wir unseren Dreh nur noch Döner Kebab: pausenlos in der Hitze drehen, schneiden und immer schnell, schnell.

Das Low Budget ist dem Film kaum anzusehen.

Daß der Film so fett aussieht haben wir dem Improvisationstalent des Teams, den Ausstattern und Markus Lambrecht zu verdanken, der Kameramann, der Anam wie ich als Langfilmdebüt machte. Es gab keinen Kran und wenig Licht, wir drehten zum Teil in komplett ausgeräumten Wohnungen in Hamburg.

Die brillante Hauptdarstellerin Nursel Köse ist eine große Entdeckung. Wie hast Du sie gefunden?

Das war sehr schwierig. Es ist extrem kompliziert, eine türkische Darstellerin in der Altersgruppe Ende dreißig zu finden, die sowohl Deutsch als auch Türkisch beherrscht. Wir hatten Nursel Köse zwar zum Casting eingeladen, doch schien sie in ihrer erotischen Ausstrahlung für Anams trockene Seite und die Mutterrolle undenkbar. Sie sah aus wie ein Bond-Girl! Nach einiger Zeit haben wir uns in unserer Verzweiflung an sie erinnert und sie erneut eingeladen, diesmal mit Kopftuch und langem Mantel. Da wußten wir sofort: Das ist Anam!

Der Film behandelt erfrischend selbstverständlich ein multikulturelles Zusammenleben…

Die Türken, die sich Anam angeschaut haben, sagten mir, daß es ja gar keine türkische Geschichte sei. Das freut mich sehr, denn ich halte es für eine europäische Geschichte. Die gesamte Problematik um Ausländer behandeln wir bewußt mit Humor. Wenn es um Emotionen geht, die ich mit dem, was ich erzählen will, erwecken möchte, dann ist die kulturelle Herkunft doch vollkommen uninteressant. Ich habe versucht, all diesen Vorurteilen locker und unverkrampft zu begegnen und mich von jeglicher Differenz-Diskussion zu befreien. Ich möchte eine Gänsehaut erzeugen, ich will mit Emotionen das Publikum erobern, denn das ist für mich das, was Kino ausmacht. »Cinema Paradiso« – du sitzt da und fühlst all diese Höhen und Tiefen der Figuren mit, du tauchst in eine andere Welt. Das habe ich mit Anam erreichen wollen. 1970-01-01 01:00
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