— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Forest Whitaker

Forest Whitaker in Der letzte König von Schottland

Kein Platz mehr für Idi Amin

Von Thomas Abeltshauser Thomas Abeltshauser sprach mit dem Schauspieler Forest Whitaker über seine Oscar-prämierte Rolle als Idi Amin in Der letzte König von Schottland.


Herzlichen Glückwunsch zum Oscar als Bester Hauptdarsteller. Sie gingen als Favorit ins Rennen. Haben Sie selbst damit gerechnet zu gewinnen?

Ich wußte ehrlich nicht, was passieren wird. Ich habe schon so viele Oscarverleihungen gesehen, in denen ich mir sicher war, wer gewinnt, und dann kam es ganz anders. Aber wenn man so hart an einer Rolle gearbeitet hat wie ich, ist es toll, dafür Anerkennung zu bekommen. Ich bin jetzt seit 20 Jahren im Geschäft, und ich habe gelernt, die Momente auszukosten, in denen man gefeiert wird. Denn das passiert nicht allzu oft.

War Ihnen von Anfang an klar, daß die Rolle des ugandischen Diktators Idi Amin in Der letzte König von Schottland sehr erfolgreich und entscheidend für Sie sein könnte?

Ganz ehrlich, ich ahnte, wenn ich das gut hinkriege, könnte ich dadurch zum Star werden. Einfach, weil die Rolle so gut geschrieben war. Ich spiele oft Rollen, die recht eindimensional sind, und ich muß versuchen, sie durch meine Darstellung zu etwas Besonderem zu machen. Andere Rollen, wie der Jazzmusiker Charlie Parker in »Bird« oder die Titelfigur in Jim Jarmuschs Ghost Dog, waren so einzigartig charakterisiert, daß ich keine Schwierigkeiten hatte, sie mit Leben zu füllen. Ebenso bei Idi Amin: Ich wußte, das wird ein starker Auftritt – wenn ich es richtig spiele. Aber ich habe natürlich nicht damit gerechnet, daß es so gut aufgenommen wird. Ich kannte die meisten der Kritikerverbände und Vereinigungen noch nicht mal, von denen ich in den letzten Wochen Preise bekam. Es wurden immer mehr. Mit diesem Preisregen habe ich nicht gerechnet.

Sie wirken auf der Leinwand als Despot sehr furchteinflößend. Bekommen Sie es selbst mit der Angst zu tun, wenn Sie sich so sehen?

Als ich mich zum ersten Mal in der Rolle sah, war es schon recht heftig. Aber ich nehme das natürlich anders wahr als normale Zuschauer. Ein Satz weckt bei mir bestimmte Emotionen, und ich bin mir nicht sicher, ob ich auf die Figur und den Film reagiere oder ob ich mich daran erinnere, wie ich es damals gespielt habe und was in diesem Moment in mir vorging.

Was ging denn konkret in Ihnen vor, als Sie Idi Amin darstellten?

Es ist vor allem eine ganz bestimmte Energie. Ich war vor kurzem in die Comedyshow »Saturday Night Live« eingeladen und sollte für einen Sketch noch mal Idi Amin spielen. Und wissen Sie was? Es fiel mir unglaublich schwer, so zu sprechen und mich so zu verhalten, ohne auch gleich die damit verbundenen Emotionen zu spüren. Auf eine Art fühle ich mich in solchen Momenten wie Idi Amin. Ich vibriere dann förmlich, das kann sehr heftig werden. Meine Sketchkollegen fanden es jedenfalls ziemlich unheimlich.

Wie weit haben Sie sich auf Idi Amins Persönlichkeit eingelassen?

So weit wie irgendwie möglich. Ich habe mich 24 Stunden täglich mit ihm auseinandergesetzt. Sogar in meinen Träumen.

Sie hatten Alpträume seinetwegen?

Keine Alpträume. Nur Träume. Einfach so Details, die mir durch den Kopf spukten. Ich habe tagsüber am Dialekt gearbeitet, den er spricht. Kisuaheli gelernt. Jedes Mal, wenn ich Zeit hatte, wollte ich etwas Neues ausprobieren. Auf den Markt gehen oder irgendwo hinfahren. Das sind so Kleinigkeiten, die erstmal nicht wichtig erscheinen, aber als Ganzes dazu beitragen, daß man sich immer mehr auch als ein Teil Ugandas fühlt. Es hilft mir, mit einem Dutzend Leute in einer kleinen Hütte vor einem kleinen Fernseher zu sitzen und einen Film anzusehen oder mit dem Motorroller durch die Straßen zu fahren oder in eine kleine Moschee zu gehen. Ich war im Urwald, ich habe mich mit Schamanen und Priestern getroffen, mit Amins Ex-Ministern und seinen Geschwistern. All das braut sich in mir zusammen und läßt so den Charakter Idi Amins zum Leben erwecken.

Sehen Sie in Idi Amin das reine Böse?

Was ist schon das reine Böse? Der Teufel? Luzifer? Amins Massenmorde sind monströse Taten, durch die Hunderttausende ums Leben kamen, ganz klar. Ich selbst könnte dagegen noch nicht einmal einem einzigen Menschen Leid zufügen. Aber ich bin auch der Meinung, daß jeder Mensch bestimmte Motive hat, warum er etwas tut und auch die Wahl, es zu tun oder eben nicht. Und ich glaube, in jeder Persönlichkeit glüht ein kleines Licht, wie verschüttet es auch sein mag durch Erziehung, bittere und schmerzliche Erfahrungen. Am Ende ist er doch ein Mensch.

Wie präsent ist Idi Amin heute in Uganda?

Ich habe mit allen geredet: seinen Ministern und Generälen, seiner Familie, seinen Geliebten, Parlamentariern, Soldaten, Taxifahrern. Dabei ist mir schnell aufgefallen, daß die Leute in Uganda einen anderen Blick auf Amin haben als wir im Westen. Ein Großteil der Bevölkerung hat ein sehr ambivalentes Verhältnis zu ihrem Ex-Diktator. Sie leugnen nicht, daß Hunderttausende auf seinen Befehl sterben mußten. Aber dann gibt es Leute wie den Theaterbesitzer, der sagt: »Ohne Amin hätte ich kein Theater, es gäbe überhaupt kein ugandisches Theater ohne ihn.« Vorher gab es nur Bühnen für Auswanderer. Die hat Amin alle rausgeschmissen und damit Platz für das ugandische Theater geschaffen. Er hat zum Beispiel die ostasiatische Minderheit vertrieben, die zum Teil seit drei Generationen dort lebte und für 80 bis 90 Prozent des nationalen Umsatzes sorgten. Er schmiß sie raus, und plötzlich gab es ugandische Geschäftsleute. Wenn man also heute mit Geschäftsleuten redet, sagen sie: »Ich wäre heute nicht in dieser Position, wenn Amin nicht gewesen wäre.« Aber ihnen ist auch klar, daß er unzählige Menschen getötet hat. Wenn man vor Ort ist, erscheint die Situation viel komplexer und komplizierter als von außen betrachtet. Wenn man zu den Unterschlupfen fährt, wo die Folterungen stattfanden und mit Opfern und Familienangehörigen spricht, spürt man den Schmerz und das Trauma, die dieses Regime verursacht haben. Die Menschen erzählen dir ihre Geschichte, und eine Minute später fangen sie an zu lachen, wenn einer sagt: »Erinnerst du dich, wie Idi vorbeikam und die Straße gefegt hat, weil sie ihm zu schmutzig war?«

Trotz aller Monstrosität: Haben Sie etwas von Idi Amin gelernt?

Ich persönlich? Durch den Aufenthalt in Afrika und den Kontakt zu den Leuten und ihrer Geschichte, habe ich viel über meine eigenen Wurzeln und meine Vorfahren gelernt. Ich würde sagen, es hat meine Vorstellung von der Schönheit Afrikas gestärkt, weil ich durch den Film die Möglichkeit hatte, längere Zeit in Uganda zu verbringen und das Land wirklich kennenzulernen. Erstaunlicherweise war ich als Afroamerikaner zuvor noch niemals in Afrika. Und auch wenn es nur meine Aufgabe war, Idi Amin darzustellen, mußte ich doch verstehen, was es heißt, ein Afrikaner zu sein. Die Gebräuche, die Gesten, das Verhalten, die Politik, das Essen, das Verhältnis zur Welt – all das wollte ich assimilieren. Und daß ich diese Möglichkeit hatte, habe ich als großes Geschenk betrachtet. Ich wollte alles in- und auswendig kennen. Natürlich lernt man von jeder Rolle, alleine schon wenn man deswegen eine bestimmte Zeit in einem anderen Land verbringt. Für mich ist das oft wie eine Wiedergeburt.

Wie können wir uns das denn vorstellen?

Wenn ich an einer Autowerkstatt vorbeikomme, könnte es passieren, daß ich Anweisungen gebe: »Zieh das hier fester, da mußt du den Zünder wechseln.« Das kommt so quasi aus dem Nichts, ist dann aber aus einem Film, den ich vielleicht vor elf oder 15 Jahren gedreht habe, wo ich einen Automechaniker gespielt habe. An diese Vorleben erinnere ich mich nicht dauernd, aber ich erwische mich immer wieder dabei, mit dem Brustton vollster Überzeugung von Dingen wie Chirurgie zu sprechen. Ich habe halt schon etliche Ärzte gespielt. Einmal mußte ich für einen Film Interviews mit Geistlichen über theologische Themen führen, auf die ich mich sehr intensiv vorbereitet hatte. Und irgendwann später unterhielt ich mich mit einem Prediger und warf mit Bibelzitaten um mich und versuchte ihn zu widerlegen. Ich wurde richtig wütend und sagte zu ihm: »Sie irren sich. Das ist nicht, was die Schrift sagt. Dort steht wortwörtlich dieses und jenes, und es hat folgende Bedeutung…« Und er starrte mich nur an und meint: »Wie bitte?« Am nächsten Tag kam er auf mich zu und sagte: »Okay, wir haben beide Recht.« Wie Sie sehen, holen mich meine alten Leben doch immer mal wieder ein.

Trotz des ernsten Themas gibt es auch komische Momente in dem Film, etwa wenn dem Diktator ein Furz entweicht. War das Ihre Idee?

Nein! Aber ich hatte sogar einen Soundspezialisten dafür. Auf diese Szene bin ich sehr stolz, weil sie so komplex ist. Zu Beginn ist Amin völlig paranoid, dann furzt und lacht er und wird völlig überdreht. Und dann wandelt es sich plötzlich in Angst. Zuerst war ich mir überhaupt nicht sicher, ob das funktioniert. Und jetzt ist sie eine Schlüsselszene des Films. Nebenbei bemerkt, war Amin auch ein ziemlich lustiger Typ. Wenn man sich Dokumentarmaterial ansieht, erzählt er dauernd Witze. Ein Grund für seinen Aufstieg und seine Macht ist wahrscheinlich, daß er Leute zum Lachen bringen konnte. Und sie dabei buchstäblich zum Narren hielt, damit sie nicht hinsahen, was wirklich an Gräueltaten um sie herum stattfand.

Wie wird man so einen Charakter wieder los? Verfolgt Sie Amin?

Ich denke nur an ihn, wenn ich mich wie jetzt mit Ihnen darüber unterhalte. Nach dem Ende der Dreharbeiten habe ich bereits vier weitere Filme gemacht und mußte in ganz unterschiedliche Rollen schlüpfen. Ich war seitdem unter anderem ein einsamer Banker und ein Cartoonmonster im neuen Spike Jonze-Film »Wo die wilden Kerle wohnen«, nach dem Kinderbuch von Maurice Sendak. Die Rolle wurde ich eigentlich gleich los, als ich nach Amerika zurückkam und einen querschnittgelähmten Philosophieprofessor spielte. Ich las eine Menge Philosophiebücher und gewöhnte mich an den Rollstuhl. Da war kein Platz mehr für Idi Amin. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap