Detektion im Überblick
Von Nils Bothmann
Filmkritiker und -wissenschaftler Georg Seeßlen gehört zu den produktivsten Schreibern Deutschlands, hat zu fast jedem Genre mindestens ein Buch veröffentlicht und aktualisiert diese Werke auch im Abstand von mehreren Jahren. So handelt es sich bei »Filmwissen: Detektive« um eine überarbeitete und ergänzte Version jenes Buches, das früher bereits als »Mord im Kino« und »Detektive. Mord im Kino« erschien. Aufgrund der chronologischen Einteilung des filmhistorisch vorgehenden Werkes fügen sich die neuen Kapitel homogen in das Gesamtwerk ein, während die Neuauflage nun auch sehr aktuelle Produktionen wie Guy Ritchies
Sherlock Holmes, Russell Mulcahys B-Hommage an den Film Noir
Give ’em Hell, Malone und das
Mord mit kleinen Fehlern-Remake
1 Mord für 2 berücksichtigen kann.
Die Einordnung in die Reihe »Grundlagen des populären Films« (in der zeitgleich eine Aktualisierung von Seeßlens Buch zum Western erscheint) macht klar, daß es sich hierbei um ein Überblickswerk handelt und kein primär wissenschaftliches Buch wie z.B. Philippa Gates’ »Detecting Men«, welches eine Geschichte des Detektivfilms mit Blick auf die dort dargestellten Männlichkeitsbilder wiedergibt. Was nicht bedeutet, daß Seeßlens Buch nicht auch von Theoriewissen durchzogen ist. Gerade die einleitenden Kapitel, welche sich mit der Detektivliteratur beschäftigen, die wiederum erst den Detektivfilm ermöglichte, schreiben eine Mediengeschichte, welche die Popularität der Detektivliteratur nicht nur auf ihre Inhalte, sondern auch auf ihre Verbreitungsform in Zeitungen, Unterhaltungszeitschriften oder Pulpmagazinen zurückführt.
Die restlichen Kapitel folgen der Genese des Filmgenres über die Jahre hinweg, sind dabei aber thematisch geordnet: Einzelne Kapitel behandeln die Filminkarnationen berühmter Detektivfiguren wie Sherlock Holmes, Miss Marple oder Charlie Chan, andere nehmen bestimmte Strömungen wie Detektive im Film Noir, weibliche Ermittlerinnen oder Genreparodien unter die Lupe. Bei der Betrachtung der einzelnen Filme reicht die Palette der Texte dann von simplen Inhaltsangaben über Kurzkritiken bis hin zu interessanten theoretischen Gedanken wie z.B. dem, daß die Ermittlerfigur in
Kiss Kiss, Bang Bang wie ein spielendes, neugieriges und später enttäuschtes Kind erscheint – und der Film eine generelle Aussage über das Detektivgenre trifft. Leider werden auch solche Analysen von ausgiebigen Handlungswiedergaben begleitet, die für den Kenner des Films nur bedingt interessant sind, dem Nichtkenner leider oft schon wichtige Pointen und Plotelemente verraten – Werke wie
Zeugin der Anklage und
Chinatown sind Klassiker, aber trotzdem mag sie noch nicht jeder Leser kennen.
Ebenfalls unschön sind einige formale und inhaltliche Fehler: Gelegentlich fehlen einleitende Anführungszeichen bei Zitaten, nicht alle Filmtitel tauchen im Register am Ende des Buches auf. Außerdem ist nicht jede Inhaltswiedergabe richtig: Daß die Kinder Joe Hallenback zu Beginn von
Last Boy Scout ein totes Eichhörnchen und keine tote Ratte in den Wagen werfen, ist ein nur Kennern auffallendes Detail; daß Hallenbecks späterer Partner Jimmy Dix zu Beginn des Films weder Hallenbecks Freund ist noch ihn zum Schutz seiner großen Liebe Cory anheuert, wie Seeßlen schreibt, ist schon ein wesentliches Plotelement von Tony Scotts Buddy Movie.
Doch trotz dieser Schwächen ist »Filmwissen: Detektive« eine Empfehlung für Genreinteressierte wert: Die Gedanken zur Einteilung der Geschichte des Detektivfilms strukturieren die enorme Menge aufgezählter Werke sinnvoll, die vorkommenden Analysen und Hintergrundinformationen liefern Denkansätze und neue Perspektiven auf Einzelfilme und bestimmte Strömungen innerhalb des Genres. Und nicht zuletzt weisen die Besprechungen immer wieder auf Geheimtips und weniger bekannte Vertreter des Detektivfilms hin: Der Rezensent jedenfalls war nach der Lektüre in dem Vorhaben bestärkt sich endlich mal
Fade to Black und
Der Schmalspurschnüffler anzusehen.
2011-07-29 12:35