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Im Netz der Gefühle: Veit Harlans Melodramen

Nicola Valeska Weber: Im Netz der Gefühle: Veit Harlans Melodramen. Beiträge zur Medienästhetik und Mediengeschichte. Bd. 28. Münster 2011. LIT Verlag, 136 Seiten. 19,90 Euro

Im Netz der Deutungen

Von Michael Wedel Veit Harlan, Regisseur u.a. des antisemitischen Propagandafilms Jud Süß (1940) und der einzige, der sich für sein Filmschaffen der NS-Zeit nach 1945 vor Gericht zu verantworten hatte, ist seit einiger Zeit wieder verstärkt in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Dafür haben nicht nur Oskar Roehlers umstrittener Spielfilm Jud Süß – Film ohne Gewissen (2010) und Felix Moellers Doku-Portrait der Familie Harlan – im Schatten von »Jud Süß« (2008) gesorgt. Auch die apologetische Grundtendenz der beiden maßgeblichen Biographien, die dem Bild Harlans als »Des Teufels Regisseur« (Frank Noack, 2000) bzw. als »Goebbels’ Starregisseur« (Ingrid Buchloh, 2010) eher die Züge eines Opfers machtpolitischer Zwangslagen denn die eines willigen Vollstreckers von NS-Ideologie und -Propaganda verliehen, hat zu teils heftigen Gegenreaktionen geführt. Angefacht wurde die Auseinandersetzung über einen angemessenen Umgang mit Person und Werk schließlich immer wieder von den Büchern des Schriftstellers Thomas Harlan, in denen der älteste Sohn aus der Ehe mit der Schauspielerin Hilde Körber sich mit seinem Vater auseinandergesetzt hat. Nach dem Interview-Band »Das Gesicht deines Feindes« (2005), 2011 unter dem Titel »Hitler war meine Mitgift« neu aufgelegt, liegt seit kurzem mit »Veit« (2011) ein postum veröffentlichter Band sehr persönlicher Erinnerungen vor. In ihm findet sich ein Satz, der den Kern der Diskussion auf den Punkt bringt: »Ein kleiner Regisseur hätte nur seine Schuldigkeit getan, hätte keine Schuld auf sich geladen.«

Ziel von Nicola Valeska Webers kurzer Studie ist es, die vermeintlichen zwei Seiten Harlans, den Propagandisten und den Melodramatiker, einander anzunähern. Harlans vor allem in seinen Melodramen vor 1945, aber eben auch in Jud Süß zweifellos vorhandene formale Kunstfertigkeit in der Inszenierung affektiv besetzter Figuren und Konflikte wird hier einmal nicht als künstlerische Autorenhandschrift eines besonders talentierten Regisseur gegen dessen Instrumentalisierung zu menschenverachtenden politischen Zwecken ins Feld geführt. Vielmehr lasse sich Harlans Anteil am »faschistischen Erlebnisangebot« erst im gleichzeitigen Blick auf beide Facetten seines Schaffens, im Schnittpunkt von melodramatischer Ästhetik und ästhetisierender Inszenierung von NS-Ideologie, mit der nötigen Schärfe in den Blick nehmen. So führen die aus exemplarischen Analysen der drei Melodramen Die Reise nach Tilsit (1939), Opfergang (1944) und Hanna Amon (1951) unter Seitenblicken auf Jud Süß gewonnenen Einschätzungen das klug argumentierende und bemerkenswert umsichtig wertende Buch zu dem Schluß, daß »die Vorstellung von den Propagandafilmen als Preis, den Harlan gezwungenermaßen zahlte, um seine Melodramen in einem diffusen, angeblich unpolitischen Freiraum drehen zu können« ebenso wenig aufrecht erhalten werden kann wie diejenige vom »ideologiefreien und unpolitischen Melodrama«. Die Faszinationskraft, welche das »affektive Überwältigungskino« Harlans für Machthaber und Publikum gleichermaßen bereithielt, liegt für Nicola Valeska Weber daher gerade in seinem historisch unhintergehbar gegebenen Erscheinungsbild als widersprüchliches und letztlich unauflösbares Konglomerat von filmischer Genreästhetik und ideologischem Funktionszusammenhang begründet. Damit wäre die Debatte nicht beendet, vielleicht aber auf eine sinnvolle Ausgangsbasis zurückgeführt. 2011-05-13 12:27

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