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Spuren

Thomas Heise: Spuren. Eine Archäologie der realen Existenz. Berlin 2010. Vorwerk 8, 496 Seiten. 24,00 Euro.

Fruchtbarer Material-Steinbruch

Von Kyra Scheurer »Man kann sich die Geschichte länglich denken. Sie ist aber ein Haufen«. Im vergangenen Jahr hat Thomas Heise mit Material einen vielschichtigen Film, eine unglaubliche Videoinstallation zum »deutsch-deutschen Herbst« 1989 veröffentlicht – nun tauchen diese Sätze in einem Buch auf und auch das ist ein Haufen. Ein Haufen Buchstaben, vor allem aber ein fruchtbarer Material-Steinbruch, eine facettenreiche Collage aus Filmtranskripten, Fotostrecken, Interviews, Notizen, abgeschriebenen Tonbandmonologen, Briefwechseln, Akteneinträgen und Dokumenten. Fundstücke aller Arten, gesammelt seit den 1970er Jahren. Fragmente von Biographien. Oftmals ganz ungefilterte Geschichten und damit Geschichte bevor der »große Fleischwolf der Geschichte« und die Medien ihre Sichtweise imprägnieren konnten. Nonlinear kann man in diesem Buch spazieren gehen, alte Bekannte noch einmal aufsuchen, Neues entdecken, auf Bildern verweilen, Textpassagen wieder und wieder lesen, anderes überspringen. Die interessantesten »Spuren« sind Momentaufnahmen: Das Lamento eines alten Mannes, angefangen bei der 1893 geborenen Mutter über Trebe und Stütze in drei Systemen bis zur im Sterben liegenden Ex-Frau eröffnet den rund 500 Seiten starken Band. Diese vitale Suada der Trostlosigkeit wird gefolgt vom Gegenpol gleicher Klangfarbe, dem Bericht eines Jugendlichen über seine Odyssee durch DDR-Heime. Es sind vor allem diese kleinen Perlen, die im »Haufen« glänzen – besonders, wenn der Filmemacher sich auch einmal selbst zeigt wie in »Brüder«. Ganz erstaunlich aber angesichts der Filmskripte: Heise-Filme funktionieren auch ohne Bilder. Natürlich ist es wunderbar, wenn man beim Lesen des Transkripts die dazugehörigen Bilder im Gedächtnis mitschwingen lassen kann. Aber auch ohne deren Kenntnis bleibt der Text – wie Heises Werk insgesamt – eindrücklich, nachdrücklich und ausdrucksstark. Und auch unter den Filmskripten gibt es neue Entdeckungen wie z. B. den 1987 gedrehten und erst 2004 uraufgeführten Heiner Müller-Film Der Ausländer. Zum Bild im Kopf entsteht da auch der Sound, die unverwechselbare Stimme des Theatergranden gibt dem Leser den Takt. Heises Spuren erweisen sich nicht nur als Lehrstücke in Sachen »Volksgeschichten«, sie setzen auch Fantasien frei, wecken Assoziationen und stellen Fragen. Ein Buch also, das vieles kann, was gute Filme können und das man doch mit ins Grüne nehmen kann. Oder in die U-Bahn. Oder in eine Bar. Für Poolurlaub oder Wellness-Tempel allerdings sind die »Spuren« kein adäquater Begleiter, denn »Risiken und Nebenwirkungen« sind zum Glück nicht auszuschließen. 2011-05-06 12:31

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #61.

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