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Fritz Lang

Christoph Bareither, Urs Büttner (Hg.): Fritz Lang: M – Eine Stadt sucht einen Mörder. Texte und Kontexte. Würzburg 2010. Königshausen & Neumann, 224 Seiten. 29,80 Euro

Das Dunkel spricht

Von Michael Wedel Während der Arbeiten an seinem ersten Tonfilm M – Eine Stadt sucht einen Mörder (1931) vermerkt Fritz Lang in sein Notizbuch: »Szenen: Aus dem dunkel eines Raumes / eines Hauses tönt die Stimme: / »Halt! –« das Dunkel spricht!« Obwohl die Szene so, wie sie hier skizziert ist, keinen Eingang in den späteren Film gefunden hat, vermittelt die Notiz doch in zweierlei Hinsicht einen prägnanten atmosphärischen Eindruck: sowohl der von Lang in M mit tonfilmgerechten Mitteln angestrebten Spannungsästhetik (die eher eine »Bedrückungsästhetik« ist) als auch der auf das Dunkel des Unbewußten zielenden gesellschaftspsychologischen Stoßrichtung seines Vorhabens.

Nachzulesen ist der Eintrag aus Langs Notizbuch neben anderen Selbstzeugnissen des Regisseurs und seiner damaligen Frau und Co-Autorin Thea von Harbou nun erstmals in einem Buch, das Aufsätze und Materialien zu seinem frühem Tonfilm-Klassiker versammelt. Die Herausgeber wollen es als Einführung in die Auseinandersetzung mit einem Film verstanden wissen, der 1995 in einer Umfrage unter Kritikern und Filmschaffenden zur bedeutendsten deutschen Hervorbringung aus 100 Jahren Filmgeschichte gekürt worden ist. Vor allem der letzte Teil des Bandes, in dem neben den erwähnten Selbstaussagen die wichtigsten zeitgenössischen Besprechungen (u.a. von Rudolf Arnheim und Siegfried Kracauer) sowie Zensurentscheide dokumentiert sind und den weitere nützliche Quellen- und Literaturhinweise beschließen, wird dieser Zielsetzung gerecht. Das Hauptgewicht liegt allerdings auf insgesamt 13 Aufsätzen, die M aus verschiedenen Perspektiven in den Blick nehmen. Das Spektrum reicht von der Untersuchung der rhetorischen und musikalischen Struktur des Films, einer Betrachtung seiner technischen Voraussetzungen über psychoanalytisch, hermeneutisch, ethisch, soziologisch bzw. sozialtheoretisch inspirierte Lektüren bis hin zur kulturhistorischen Einbettung in zeitgenössische Diskussionen und Debatten über das Justizsystem der Weimarer Republik, die Rolle der Massenmedien und das Aufkommen einer modernen Unterhaltungsgesellschaft.

Die Beiträge sind sämtlich informativ und lesenswert, auch wenn zuweilen der betriebene theoretische Aufwand den eigentlichen Ertrag für ein besseres Verständnis der konkreten thematischen und formalen Eigenschaften des Films zu überwölben droht. Auch vermißt man bei einem Buch, das Anspruch auf den Charakter einer Einführung erhebt, die Einordnung von M in nationale und internationale filmhistorische Zusammenhänge, ganz zu schweigen vom Fehlen eines entsprechenden Beitrags, der den Film vor dem Hintergrund der Werkentwicklung Langs diskutiert. Dennoch wird, wer sich in Zukunft mit M beschäftigt, an dem insgesamt sehr zu empfehlenden Sammelband nicht vorbeikommen. 2011-04-29 12:25

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