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Filmästhetik des Fluiden

Franziska Heller: Filmästhetik des Fluiden. Strömungen des Erzählens von Vigo bis Tarkowskij, von Huston bis Cameron. Paderborn 2010. Wilhelm Fink, 360 Seiten. 49,90 Euro.

Fluide Wahrnehmung

Von Thomas Waitz Franziska Hellers phänomenologische Untersuchung »Filmästhetik des Fluiden« stellt nichts weniger als den Versuch dar, eine medienspezifische Erzähltheorie des Films zu entwickeln. Dieses Vorhaben erscheint umso mutiger, als tatsächlich zahlreiche Ansätze solcher Theoriebildungen vorliegen. Dennoch ist Hellers Studie höchst bemerkenswert – und zwar vor allem deshalb, weil sie ein innovatives und originelles Konzept in den Mittelpunkt stellt, nämlich Fluidität.

Den Ansatzpunkt des Buches bildet dabei eine Phänomenologie des Bewegungsbildes, in deren Folge konventionelle Beschreibungsparameter der filmischen Erzählung (wie Kausalität und Chronologie) brüchig und fragwürdig werden. Damit verbunden ist die Frage nach den Möglichkeitsbedingungen jeglicher filmischen Narratologie – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der dominanten neoformalistischen, respektive kognitivistischen Filmtheorie, welche die sinnstiftenden Leistungen durch den Rezipienten betont. Mit dem Wasser als Motiv schreibt sich, so Heller, eine Selbstreferenz des Mediums Film in den konkreten Text ein: Es erscheint als wahrnehmungstheoretisches Modell narrativer Erfahrung filmischer Bilder. Um diesen Ansatz zu entwickeln, greift Heller Überlegungen von Gaston Bachelard und Henri Bergson auf, die Raum- und Zeiterleben als fluide Prozesse fassen, und wendet sie auf den Film an.

So entwickelt Heller ihre Konzeption filmischer Narrations- und Wahrnehmungsweisen anhand sinnfälliger Beispiele, in denen das Wasser ein wesentliches, handlungs-, wahrnehmungs- und narrationsleitendes Motiv konkreter Filme darstellt. Zum anderen – und damit die Ebene gegenständlicher Veranschaulichung überschreitend – begreift sie Fluidität als wirkungsästhetische Besonderheit jeglichen filmischen Erzählens. In dieser Verbindung einer gegenstandsbezogenen, motivischen Analyse und der daran gekoppelten, theoretischen Arbeit, die in den Nachweis eines narrativen Dispositivs mündet, das sich, wie Heller zeigt, auf ein fluides Wahrnehmungssystem filmischer Erfahrung gründet, liegt die Stärke der Untersuchung. In ihr geht es nicht – oder zumindest nicht nur – um »Wasser« als Motiv konkreter Filme, sondern, in einem übertragenen Sinne, um das Fluide als strukturbildendes und damit wahrnehmungsbestimmendes Prinzip. 2011-04-22 12:18

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #61.

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