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Hollywood in den 30er Jahren

Robert Nippoldt, Daniel Kothenschulte: Hollywood in den 30er Jahren. Hildesheim 2010. Gerstenberg, 160 Seiten. 39,90 Euro.

Disparate Einheit

Von Alexander Scholz Das Potential eines Buches, Disparates als Einheit zu präsentieren, entpuppt sich oft als ein allzu intrinsisches Versprechen. Bindet man das Buch in einen aufwendigen güldenen Einband, gelobt im Paratext, eine Dekade der Filmgeschichte in ihm zu bündeln und läßt das Werk von einem ausgezeichneten Meister seines Fachs in einem einmütigen Look illustrieren, bedarf es einiges an inhaltlichem Sachverstand, um dieser trügerischen Sinnverheißung des Buches, das nötige Maß an Differenzierung entgegenzusetzen. Daniel Kothenschulte gelingt dies mit einer erstaunlichen Eleganz. Die detailreichen Ausführungen des Filmkritikers zu den Künstlern und zeitgenössischen Ereignissen, die das Hollywoodkino der 1930er Jahre prägten, entbehren trotz der Fülle seiner Kenntnisse jedem enzyklopädischen Duktus. Referiert er beispielsweise die Arbeit von Busby Berkeley, dem wichtigsten Kino-Choreograph der Zeit, gehört zu Kothenschultes treffender Beschreibung Berkeleys Schaffens auch die Auskunft darüber, wie dieser die große wirtschaftliche Depression der Zeit in seine Kunst einfließen läßt und daß seine strategischen Erfolge im Ersten Weltkrieg sich auf das Inszenieren von Paraden beschränkten. In dieser unprätentiösen Souveränität steht der Illustrator Robert Nippoldt dem Kritiker in nichts nach. Von Diagrammen zur variierenden Position von Jean Harlows aufgemaltem Muttermal über Portraits der Protagonisten jener Zeit im Stile der charakteristischen Plakatkunst bis zu einer doppelseitigen Kartographie des Illusionslandes Kalifornien: Die Gestaltung dieses Bandes vermittelt ein Gefühl des Glamours der 1930er und steht trotz seiner bezaubernden Leichtigkeit stets auch im Dienste der Didaktik. Denn der Kinobesuch, den das Lesen und Betrachten dieses Buches suggeriert – der Band beginnt mit einem Establishing Shot auf die Szenerie Hollywoods und den roten Teppich und endet mit den obligatorischen Credits – ist eben nicht nur Cinema of Attraction. Text und (stets gezeichnetes, niemals fotographiertes) Bild ergänzen sich zu einem lehrreichen Gesamteindruck. Schade ist mithin nur, daß das Schriftbild, die Typographie, der gelungenen Verbindung beider Sphären im Detail etwas im Wege steht. Aber wo die Textgestalt passend zur Illustration so gekonnt die alten Kinopaläste nachahmt und Joan Crawford sich lässig an ihre eigene Beschreibung lehnt, stören durchweg falsch gesetzte Initialen nur unwesentlich. 2011-04-15 10:10

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #61.

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