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Alfred Hitchcock

Friederike Klingholz: Alfred Hitchcock oder: Wie ich lernte, die Bombe zu fürchten. Die Suspendierung des Wissenvorsprungs: Suspense als visuelle Konzeption. Würzburg 2010. Königshausen & Neumann, 196 Seiten. 28,00 Euro.

Suspense-Beobachtungen

Von Michael Wedel Wenn es etwas gibt, das jeder cinephile Mensch im Schlaf hersagen könnte, egal zu welcher Uhrzeit man ihn weckte und danach fragte, ist das die Definition von Suspense bei Hitchcock: Na klar, Suspense entsteht, wenn der Zuschauer gegenüber den Figuren einen Wissensvorsprung genießt und das drohende Unheil kommen sieht, bevor es geschieht bzw. im letzten Moment abgewendet werden kann. Es gehört also ein gewisses Maß an Verwegenheit dazu, ein weiteres Buch zum Thema vorzulegen. Umso mehr, wenn es die sprichwörtliche Bombe unter dem Tisch, an deren Beispiel Hitchcock im berühmtesten Filmbuch aller Zeiten dem jüngeren Kollegen Truffaut das Phänomen theoretisch auseinandergesetzt hat, bereits im Titel trägt. Es sei denn, die Autorin weiß genau, was der zum Allgemeinwissen geronnenen Definition fehlt und wo eine Neuauslegung anzusetzen hätte, um den filmspezifischen Feinheiten der Konstruktion von Suspense bei Hitchcock auf umfassendere Weise Gerechtigkeit widerfahren zu lassen als es eine Reduktion auf das rein erzähltechnische Manöver der Spannungserzeugung gestattet.

Bei Friederike Klingholz und ihrem Ansatz an die Suspense als »visueller Konzeption« ist dies der Fall, weshalb sich bei der Lektüre die anfängliche Skepsis gegenüber dem Vorhaben ebenso schnell abbaut wie latent vorhandene Widerstände gegen die vermutete Neubesichtigung allzu bekannter Analyseansätze und überstrapazierter Werkbeispiele. Über das gängige Verständnis von Suspense als Erzählverfahren der gestaffelten Informationsvergabe hinaus wird der Begriff hier zur Beschreibung einer emotionalen Befindlichkeit der Ungewissheit und des Schwebezustands eingesetzt, in den der Zuschauer bei Hitchcock unter Aufbietung aller filmischer Mittel (inklusive Musik und Tongestaltung) versetzt wird. Wie Klingholz in detaillierten Analysen von Notorious (1946) und Vertigo (1958) zeigen kann, ist die Instrumentierung, durch die Hitchcock sein Spiel mit den Sinnen, Nerven und Gefühlen des Publikums im Zeichen der Suspense treibt, historisch, motivisch und stilistisch durchaus variabel. Es bezieht seine unverwechselbare Sogwirkung aber stets aus einem sorgfältig orchestrierten Ineinandergreifen der verschiedenen Inszenierungselemente: Bildet in Notorious die implizite Gewalt des Kamera- und Figurenblicks auf die zirkulierenden Objekte das Gravitationszentrum der filmischen Suggestion, so wirken in Vertigo vor allem die mise en scène, Montage, Kameraarbeit und Farbästhetik zusammen, um jene Prozesse der Subjektivierung und Fetischisierung in Gang zu setzen, durch die Scotties Trauma wie seine Wunschfantasien mit der Zuschauerwahrnehmung enggeführt werden.

In seinen analytischen Schwerpunktsetzungen bewegt sich das Buch damit zwar weiterhin auf einem Terrain, auf das Hitchcock seine Interpreten seit jeher so erfolgreich gelockt hat. Auch fragt man sich zuweilen, ob der Begriff der Suspense nicht stellenweise etwas überdehnt wird – etwa wenn bei Vertigo von »erotischer Suspense« die Rede ist – und so nicht Gefahr läuft, als Synonym für wirkungsästhetische Effekte jeglicher Art herhalten zu müssen. Jedoch sollten die durchaus bestechenden Einzelbeobachtungen etwa zur Rhythmisierung und graphischen Angleichung der Bilder in Notorious oder zur Vertikalität des Bildaufbaus, zur Funktion der Schauplätze oder zur Ästhetik der Überblendung in Vertigo für jeden Hitchcock-Liebhaber Grund genug sein, dieses mit Filmstills entsprechend gesättigte Buch nicht achtlos zu übergehen. 2011-04-08 10:18

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