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Das Leben ist (nicht immer) schön

Maren Flohr: Das Leben ist (nicht immer) schön. Die Filme von Frank Capra. Baden-Baden 2010. Nomos Verlagsgesellschaft / Edition Reinhard Fischer, 224 Seiten. 34,00 Euro.

Meet Frank Capra

Von Michael Wedel Unser Blick auf die Filme Frank Capras hat sich verändert. Lange galten seine Screwball-Comedies und melodramatischen Gesellschaftsparabeln, allen voran der ultimative Weihnachtsfilm It’s a Wonderful Life (Ist das Leben nicht schön?, 1947) als Inbegriffe des Hollywood-Märchens vom im Leben glückenden amerikanischen Traum. Keineswegs zufällig, so glaubte man lange zu wissen, deckt sich die Karriere Capras mit dem goldenen Zeitalter des klassischen Studiosystems: Von seinen ersten Schritten ins Filmgeschäft Anfang der 1920er Jahre, seinen frühen Achtungserfolgen zu Beginn der Tonfilmzeit und seinen Durchbruch mit It Happened One Night (Es geschah in einer Nacht, 1934), die Jahre im Zenit seines Schaffens, in denen er mit Filmen wie You Can’t Take It With You (Lebenskünstler, 1938), Mr. Deeds Goes to Town (Mr. Deeds geht in die Stadt, 1936), Mr. Smith Goes to Washington (Mr. Smith geht nach Washington, 1939), Meet John Doe (Hier ist John Doe, 1941) und Arsenic and Old Lace (Arsen und Spitzenhäubchen, 1941) Harry Cohns Columbia Pictures im Alleingang in die exklusive Riege der Hollywood-Majors führte, die kurzen Ausbruchsversuche in die Unabhängigkeit der Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg bis hin zum künstlerisch und kommerziell marginalisierten Spätwerk der 1950er Jahre verlief sein Werdegang im selber fast schon allegorisch anmutenden Gleichschritt mit der Gesamtentwicklung des klassischen Hollywood.

Im Gegensatz etwa zu Howard Hawks oder John Ford fand sich für Capra kein junger französischer Kritiker (und späterer Nouvelle-Vague-Regisseur), der eine unter dem Genremantel verborgene persönliche Handschrift in seinen Filmen aufspüren und ihn nachträglich in den Pantheon der Autorenregisseure erheben wollte (obwohl Truffaut Capras Filme durchaus zu schätzen wußte). Erst als mit der Veröffentlichung von Capras Autobiographie 1971 eine Innenansicht des Regisseurs möglich geworden war, begannen amerikanische Filmhistoriker Reibungsflächen zwischen Capra und dem Studiosystem auszumachen und Risse im vermeintlich so harmonisch-idealistischen Blick Capras auf die amerikanische Demokratie und Gesellschaft aufzudecken.

Die überarbeitete Mainzer Dissertation von Maren Flohr – die erste Werkmonographie im deutschen Sprachraum überhaupt – vollzieht diese Neueinschätzung von Capras Filmen nach. Ihr Werkdurchgang stellt die einzelnen Schaffensphasen in ihren zeithistorischen Kontext: Aufgezeigt werden dabei unmittelbare Wechselwirkungen zwischen Genrezugehörigkeit und Personal seiner Filme auf der einen, den Folgen der wirtschaftlichen Depression, der Politik des New Deal, dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg und der gesellschaftlichen Desillusionierung von Nachkriegszeit und Kaltem Krieg auf der anderen Seite. Ausführlich widmet sich die Autorin dem schwierigen Verhältnis zwischen Columbia-Chef Harry Cohn und seinem Starregisseur sowie dem Kampf Capras um kreative Freiräume, der ihrer Darstellung zufolge bereits zu dem Frühwerk des Regisseurs abzulesen ist. Vor allem aber zeichnet sie das Bild einer tendenziell immer schon vorhandenen kritischen Sichtweise der Filme auf die amerikanische Gesellschaft, verzeichnet die untergründige Verdüsterung eines filmischen Blicks, der sich in seiner idealistischen und patriotischen Grundierung nur noch verschärft.

Die Stärke des Buches liegt in der konsequenten gesellschafts- und filmhistorischen Verortung von Capras filmischem Universum. Nicht immer überzeugend gelingt Mohr am einzelnen Filmbeispiel die Balance zwischen einer rückhaltlosen Würdigung der handwerklichen Eleganz Capras und der schlüssigen Untermauerung ihrer These vom »kritischen Patrioten«, zuweilen stehen auch ungelenke Formulierungen der Lesbarkeit und dem Nachvollzug des mit der Analyse verbundenen Gedankengangs im Wege. Auch hätte der an einem seiner prominentesten Vertreter vorgeführte, letztlich aber auf einen inneren Widerspruch des klassischen Hollywoodkinos insgesamt hindeutende Befund, daß dessen Filme ideologisch unterschiedlich gelagerte Interpretationen ermöglichen, seinerseits einer kritischen Reflexion bedurft. Nimmt man diese Abstriche in Kauf, ist die solide recherchierte und informative Studie jedoch durchaus zu begrüßen. 2011-03-09 13:50

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