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Maßlose Unterhaltung

Joseph Garncarz: Maßlose Unterhaltung. Zur Etablierung des Films in Deutschland 1896-1914. Frankfurt 2010. Stroemfeld Verlag, 250 Seiten. 29,00 Euro.
Von Michael Wedel Wo wurden eigentlich Filme gezeigt, bevor es überhaupt Kinos gab? Und wie sahen die ersten Kinos aus, als es sie dann schließlich gab? Es sind einfach anmutende Fragen, die der Kölner Filmhistoriker Joseph Garncarz an den Ausgangspunkt seiner Studie zu den Anfängen der Filmvorführung in Deutschland stellt. Die Ergebnisse, zu denen er gelangt, sind ohne Übertreibung als bahnbrechend zu bezeichnen, weil sie nicht nur erstmals erschöpfend und systematisch Auskunft darüber geben, wo und wie der Film sich in den Jahren 1896-1914 als Unterhaltungsmedium etabliert hat. Darüber hinaus lassen die verschiedenen Formen und Foren der Filmvorführung auch Rückschlüsse zu auf die geographische Reichweite der einzelnen Unternehmung, die Zusammensetzung ihres Publikums, die Einbettung in das jeweilige Umfeld an alternativen Unterhaltungsangeboten sowie nicht zuletzt die bevorzugten Genres und Themen der gezeigten Filme selbst.

Damit bietet das Buch weit mehr als nur eine Typologie der Aufführungskontexte des frühen Films, die an sich schon einen nicht hoch genug zu veranschlagenden Verdienst darstellt. Garncarz identifiziert und unterscheidet insgesamt sieben Aufführungsformen, die für die Entwicklung des Films im Untersuchungszeitraum prägend waren: Die frühesten waren das internationale Varieté, das lokale Varieté, das Jahrmarktkino und das »Saalkino«, worunter Garncarz Filmvorstellungen faßt, die in Räumlichkeiten durchgeführt wurden, die weder exklusiv für Filmvorführungen noch für Varietévorstellungen eingerichtet waren, etwa kirchliche Gebäude oder Gastronomiebetriebe. Ab 1905 kamen dann ortsfeste und exklusiv dem Film vorbehaltene Spielstätten wie das eher anspruchslose Ladenkino, das eigentliche Kinotheater und der prunkvoll ausgestattete Kinopalast hinzu, die bis zum Ende des Untersuchungszeitraums die ambulanten und mobilen Formen der Filmvorführung zumindest im städtischen Unterhaltungssektor weitgehend verdrängt hatten.

Auf die Frage, wie die Geschichte einer Epoche des deutschen Films zu schreiben sei, deren Filme selbst nahezu vollständig als verloren gelten müssen, liefert Garncarz mit seiner Untersuchung eine konsequente Antwort, die eben dadurch so überzeugend ausfällt, daß sich viele inhaltliche und stilistische Merkmale der gezeigten Filme und Filmprogramme aus den Funktionen ableiten lassen, die sie unter unterschiedlichen Rahmenbedingungen zu erfüllen hatten. Das liebevoll illustrierte und anschaulich geschriebene Buch mag auf den ersten Blick in seinen Ansprüchen bescheiden sein. In letzter Konsequenz gelingt ihm nicht weniger als die Vermessung eines ganzen, lange verloren geglaubten Kontinents der deutschen Filmgeschichte. 2010-12-31 09:24

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #60.
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