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Dramaturgie im Autorenfilm

Michèle Wannaz: Dramaturgie im Autorenfilm. Erzählmuster des sozialrealistischen Arthouse-Kinos. Marburg 2010. Schüren, 288 Seiten, 24,90 Euro.
Von Thomas Warnecke Die Beschäftigung mit dem Drehbuch erfährt in der Filmwissenschaft wie auch im Hinblick auf Ratgeber und Lehrgänge an Filmhochschulen in den letzten Jahren einen spürbaren Aufschwung (interessant wäre eine Untersuchung darüber, wie stark dieser Aufschwung dem immensen Bedarf an Szenaristen für Daily Soaps u. a. Fernsehserien geschuldet ist). Insofern, und weil es gründlich erarbeitet und lesbar geschrieben ist, sollte Michèle Wannaz' »Dramaturgie im Autorenfilm« Käufer und Leser finden. Die Autorin widmet sich einer, wenn nicht der bedeutendsten (gemessen an Festivalpreisen), Strömung des europäischen Films: dem sozialrealistischen Kino, das um die Mitte der 1990er Jahre einsetzt, »ein Kino, das die soziale Realität von Arbeitslosigkeit, Armut, Migration und Gewalt nicht ausspart, sondern ihr direkt ins Auge sieht.« In dessen Mittelpunkt wiederum Frankreich; Kern der Arbeit ist eine ausführliche Analyse der Erzählstruktur von La vie revée des anges (Liebe das Leben, 1998) von Eric Zonca, ergänzt um weitere Vertreter des »jeune cinéma français« sowie Beispiele des britischen Kinos (Loach), des Kinos der Dardenne-Brüder und der Berliner Schule (die hier »Neue« heißt). Statt bei Bazin oder Kracauer wird hier von den Neoformalisten um David Bordwell, vor allem aber von Adam und Eva – will sagen: Aristoteles und seiner Poetik – ausgegangen. Die Wirksamkeit der wahlweise universellen oder konventionellen Erzählstruktur des Dramas wie des Kinos weist Wannaz in allen untersuchten Filmen nach und zeigt sehr überzeugend, wie diese Filme mit den hypostasierten Drehbuchregeln spielen. Es fehlt dem ohne jede polemische Absicht geschriebenen Buch eine eingehendere Untersuchung darüber, ob und inwieweit sich die Begriffe »Autorenfilm« und »Arthousekino« zur Deckung bringen lassen; der zweite paßt schon deshalb besser, weil sich darin (zu sehen in den Festivalpreisen und dem nicht unbeträchtlichen Publikumszuspruch) eine gewisse Marktgängigkeit bzw. Warenförmigkeit dieser Filmströmung andeutet. Genau die wird ja auch durch die Offenlegung der dramaturgischen, also den Zuschauer manipulierenden Verfahrensweisen der Filme nachgewiesen. Eine zweite Frage (die mit dem Problem Autorenfilm zusammenhängt) ist die nach dem Drehbuch, das in dieser Untersuchung die verschriftlichte Fassung des fertigen Films und nicht sein Ausgangspunkt ist, womit wiederum die Untersuchung so wirkt wie manche kunsthistorische Arbeit, die bei einem Gemälde nur die Zeichnung (vulgo Komposition) untersucht und der die Farbe nur verzierendes Akzidens ist. Aber hängenbleiben sollte bitteschön der zweite Satz dieser Kritik. 2010-12-24 09:24

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #60.

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