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Drama und Regie

Georg Tiefenbach: Drama und Regie. Lars von Triers Breaking the Waves, Dancer in the Dark, Dogville. Würzburg 2009. Königshausen & Neumann, 252 Seiten. 29,80 Euro.
Von Cornelis Hähnel Der Lars von Trier sei ein Frauenhasser, das hört man immer wieder. Und er sei ein Choleriker; ein Tyrann; ein Unhold allgemein. All diese menschlichen Defizite könne man eindeutig aus seinen Filmen herauslesen, man müsse nur hinschauen. Der Lars von Trier ist ein Genie, ein Teufelskerl, vielleicht irre, aber dennoch Meister der großen Kinomomente, munkelt man auf der anderen Seite. Doch beide Positionen treffen sich an dem Punkt, daß sie den Filmen des »Enfant dänible« eine starke Wirkung auf die Emotionen der Zuschauer zusprechen. In seinem Buch »Drama und Regie« hat sich Georg Tiefenbach mit selbigem auseinandergesetzt und konzentriert sich auf Dramatisierung und Realisierung im Werk von Triers. Breaking the Waves, Dancer in the Dark und Dogville liegen auf dem Seziertisch des Dramaturgen und Drehbuchautoren, die er detailliert und minutiös in ihren Funktionsweisen analysiert.

Der Chronologie folgend beginnt das Buch mit Breaking the Waves, dem ersten Teil der Guld-Hjerte-Trilogie (Goldherz-Trilogie) und einigen grundlegenden Definitionen von Einflüssen und Inspirationsquellen. Eine der wesentlichsten Maximen, »Quäle die Heldin!«, hat von Trier demnach von Alexandre Dumas fils abgeschaut, der damit die Anteilnahme durch das Publikum als gesichert ansah. Der anspruchsvolle Versuch, emotionale Reaktionen durch akademische Analysen zu erklären, verläßt nach einigen Seiten die Ebene der Fleißarbeit und funktioniert: Durch die Aufschlüsselung einzelner Sequenzen, deren Einbindung in filmische Konventionen und im Abgleich mit den Original-Drehbüchern, gelingt hier das Wechselspiel von Interpretation und Fakten. Was im ersten Kapitel aufgrund der Präzision, streckenweise etwas langatmig wirkt, überzeugt ab dem Kapitel 2, »Dancer in the Dark« umso mehr. Besonders die zusätzlich geführten Interviews mit an den Produktionen beteiligten Personen wie beispielsweise der Editorin Molly Malene Stensgaard oder der Kostümbildnerin Manon Rasmussen geben nicht nur einen Einblick in Blendungsstrategien des Kinos, sondern unterstreichen zusätzlich die Relevanz des Miteinanders sämtlicher Gewerke. Tiefenbach macht sich die Mühe, das komplexe Zusammenspiel in fundierten Einzelanalysen zu untersuchen und legt so die sich gegenseitig potenzierenden Inszenierungsstrategien in einer beachtlichen Genauigkeit dar. Zwar ist ein gutes Drehbuch ein wichtiger Faktor für das Gelingen eines Films, die emotionale Manipulation des Zuschauers ist aber Teamarbeit. 2010-12-17 09:23

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #60.

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