— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Stanley Kubrick

Susanne Kaul, Jean-Pierre Palmier: Stanley Kubrick. Einführung in seine Filme und Filmästhetik. Paderborn 2010.
Wilhelm Fink, 146 Seiten. 16,90 Euro.

Für die schnelle Einsicht zwischendurch

Von Michael Wedel Stanley Kubrick ist in der Geschichte des modernen Films zweifellos eine singuläre Erscheinung: Wohl kein anderer Regisseur hat die kreative Spanne zwischen kommerziellem Genrekino und subjektiver Autorenhandschrift bis in ihre Extreme derart schmerzlich ausgemessen, kein anderer mit seinen Themen und Visionen derart insistierend immer wieder die Abgründe der menschlichen Psyche ausgelotet und zugleich neuralgische Punkte des westlichen Fortschrittsglaubens berührt. Sein Werk hat bis heute nichts von seiner Faszinationskraft eingebüßt, der Autodidakt Kubrick selbst im Pantheon der Filmgroßmeister fast schon mythische Ausmaße angenommen.

Kubricks unbestrittener Rang ist das Resultat der paradoxen Fügung, die sein filmisches Oeuvre angenommen hat: thematisch und formal ist jeder einzelne seiner Filme ein Unikat und doch tragen sie unverkennbare Züge einer gemeinsamen Weltsicht und Ästhetik, die sich keineswegs nur in einer Fülle von Selbstzitaten und wechselseitigen Anspielungen erschöpfen.

Aus diesem Umstand erklärt sich das doppelte Vorhaben des Bandes, mit dem der Wilhelm Fink Verlag seine »directed by«-Reihe von einführenden Werkmonographien eröffnet (ein zweiter Band ist Pier Paolo Pasolini gewidmet). Susanne Kaul und Jean-Pierre Palmier wollen sowohl eine Einführung in die Filmästhetik Kubricks als auch in jeden seiner wichtigten Filme geben. Als »wichtig« gelten dabei die Filme ab 2001: A Space Odyssey (1968), bei denen der Regisseur über absolute künstlerische Kontrolle verfügte und denen insofern zu unterstellen ist, daß sie die Merkmale seiner Filmästhetik am prägnantesten aufweisen. Eingeschworene Verehrer des Regisseurs werden bedauern, daß sich die früheren Filme einschließlich Lolita (1962), denen von Seiten der Kubrick-Forschung in jüngster Zeit besondere Aufmerksamkeit zuteil wurde, eher stiefmütterlich in einem einzigen Kapitel abgefertigt finden. Entschädigt werden sie von Kaul und Palmier jedoch mit einer konzisen Darstellung der – trotz jahrelanger Vorbereitung – unrealisiert gebliebenen Filmprojekte Napoleon und Aryan Papers, denen zusammen mit dem schließlich von Steven Spielberg umgesetzten A.I.-Projekt ein eigenes Kapitel gewidmet ist.

Mit dem Anspruch auf eine systematische, jedoch bei weitem nicht erschöpfende Analyse werden die Hauptwerke 2001: A Space Odyssey, A Clockwork Orange (1971), Barry Lyndon (1975), The Shining (1980), Full Metal Jacket (1987) und Eyes Wide Shut (1999) bearbeitet. Der Aufbau jedes Kapitels ist hier gleich: Zunächst werden die Handlung und der Prozeß der Stoffentwicklung aus der literarischen Vorlage zusammengefaßt, anschließend Produktion und Rezeption des jeweiligen Films skizziert, bevor er einer inhaltlichen und audiovisuellen Analyse unterzogen wird, die abschließend auf die Betrachtung einer ausgewählten Szene oder Sequenz hin zugespitzt wird. Das klingt akademisch, hat aber unter anderem den Vorteil, daß chronologische und ästhetische Verschiebungen und Variationen auf allen dargestellten Ebenen quer durch die einzelnen Kapitel verfolgt werden können.

Das größte Kunststück vollbringt jedoch das allen anderen vorausgehende Übersichtskapitel zur Filmästhetik Kubricks. Keine sechs Druckseiten benötigen die beiden Autoren, um die sprichwörtliche »Kälte« von Kubricks ästhetischem Ansatz auf die Aspekte der (moralisch/psychologisch) indifferenten Figurendarstellung, der artifiziellen Audiovisualität (tableauhafte Bilder, funktionale Musik) und der (durch Symmetrie und Wiederholung) schematisierten Handlungskonstruktion herunterzubrechen und am Ende alles in eine überschaubare Grafik zu gießen.

Damit haben sie nicht nur ihren eigenen Filmanalysen ein handhabbares Fundament geschaffen. Dutzende von Seminararbeiten zu Kubricks (gerne auch wieder einmal: frühen) Filmen dürften in Zukunft von hier ihren Ausgang nehmen (ganz zu schweigen von den Proseminaren, aus denen sie hervorgehen). Sinn und Zweck einer handlichen, dabei intelligenten und äußerst lesbaren Einführung wird das Buch damit zweifellos erfüllen können, was angesichts der Komplexität seines Gegenstands kein geringes Verdienst ist. Wer tiefer schürfen möchte, wird weiterhin zu Kay Kirchmanns zumindest im deutschsprachigen Bereich noch immer konkurrenzloser Werkmonographie »Stanley Kubrick. Das Schweigen der Bilder« (3. Aufl. 2001) greifen. Wen Kubrick eher biographisch und als Anlaß zum Schwelgen in Bildern und eigenen Filmerinnerungen interessiert, sollte sich zu einem der kommenden Weihnachtsfeste endlich den mehrere Kilo schweren und entsprechend hochpreisigen Dokumentationsband »The Kubrick Archives« des Taschen Verlags wünschen. Bequem und doch gut bedient ist man auf dem DVD-Fernsehsofa (ohne Beistelltisch) oder im Kino (kurz bevor das Licht ausgeht) von jetzt ab aber auch mit dem schmalen Band von Kaul und Palmier – für die schnelle Einsicht zwischendurch. 2010-12-10 09:18

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap