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Vlado Kristl

Christian Schulte: Vlado Kristl. Die Zerstörung der Systeme. Berlin 2010. Verbrecher Verlag, 128 Seiten. 11,00 Euro.

Nur die völlige Zerstörung befreit das Ich

Von Ines Schneider Der in Christian Schultes »Vlado Kristl – Die Zerstörung der Systeme« portraitierte Künstler verfolgt einen Ansatz, der es den Zuschauern, Kritikern und selbst den Freunden Kristls nicht leicht macht. Seine Kunst soll nichts ausdrücken, nicht erklärbar sein und setzt noch nicht einmal einen Rezipienten voraus. Sie soll keinen Mustern folgen, sondern im Gegenteil alle Strukturen und Traditionen hinter sich lassen, besser noch gleich ganz zertrümmern. Sie soll dem Betrachter nur Sprungbrett sein für seine eigenen Empfindungen und Assoziationen, für seine eigene Kunst. Nach diesem Grundsatz entstand eine große Zahl von Gedichten, Zeichnung und Filmen, deren erklärtes Ziel es ist, keiner Vorgabe zu folgen, keine Erwartung zu bedienen, keine Deutung zuzulassen. Nun hat sich der Berliner Verbrecher Verlag, dessen Lektoren ein großes Herz für Außenseiter oder übersehene Themen haben, darauf eingelassen, ein Buch über den fast vergessenen Autor und Filmemacher herauszubringen.

Kristls Schaffen ist vor allem Ausdruck eines immerwährenden Kampfes gegen jede Einschränkung der Individualität. Nach Kriegserfahrungen stemmt er sich zunächst gegen das verbreitete Kunstverständnis, dann unterwandert er die Zensur in seinem Heimatland Jugoslawien. Nach seiner Umsiedlung in den Westen sträubt er sich gegen die Regeln des Kunstmarktes, immer wieder lehnt er es ab, den Vorstellungen von Kunst und Kultur zu entsprechen. Der einzige Wert, den er anerkennt, ist der Eigensinn.

Aus so einer Haltung ergeben sich Widersprüche. Auch Kristl, der am liebsten ganz auf ein Publikum verzichtet hätte, braucht zur Realisierung seiner Projekte Produzenten, einen Vorführungsraum und Zuschauer, möglichst zahlende. Vor allem ein Langspielfilm, Der Damm von 1964, steht für einen Mißerfolg, den er kaum relativieren kann, obwohl er es versucht: »Alle haben gesagt, ich hätte sie alle kaputtgemacht. Ich habe gesagt: okay, ich bin nämlich auch kaputtgemacht.« Kristl ist durchaus eine Größe im Neuen Deutschen Film und die Grundsätze des Oberhausener Manifests prägen auch seine Arbeiten. In diesem Umkreis ermöglicht ihm sein enger Freund Detten Schleiermacher die Verwirklichung eines experimentellen Films. Beide gehen davon aus, daß die Kinobesucher offen für Kristls Ausdrucksformen seien. Doch Der Damm ist dermaßen frei von jeder verbindenden Logik, bemüht sich so wenig um einen sinnstiftenden Kontext, daß kaum eine Karte verkauft wird. Leider, so kann man diese Episode in Schultes Buch verstehen, beeinflußt dieser Flop auch die weitere deutsche Kinogeschichte. L'art pour l'art kann man sich damals wie heute in der Filmbranche nicht leisten. Radikale Individualisten können nicht auf Unterstützung hoffen und selten auf Ruhm. Vlado Kristl befreite den Kunstbetrieb von einigen starren Konventionen und er zerstörte damit auch den Boden, auf dem er stand. Das mag in seiner Absicht gelegen haben. Vielleicht hat er es aber auch schlicht in Kauf genommen, und das wäre eine Konsequenz, der man nur selten begegnet. 2010-07-30 12:47

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