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Designing Film

Toni Lüdi: Designing Film. Szenenbilder / Production Designs. Berlin 2010. Bertz + Fischer, 216 Seiten. 29,90 Euro.

Mach mir ein Bild!

Von Ines Schneider Im Vorwort zu »Designing Film« äußert der Herausgeber Toni Lüdi seine Unzufriedenheit über den Großteil der deutschen Filme. Zu viel werde bei der Einrichtung einer Szene dem Zufall überlassen. Hier fahre ein gänzlich überflüssiges Feuerwehrauto durchs Bild, dort bilde eine völlig unpassende Schaufensterdekoration den Hintergrund für eine Straßenszene usw. Und zu allem Übel werde diese Schlamperei auch noch als große Kunst betrachtet, als ein Zeichen von Authentizität und eine Absage an allzu große Künstlichkeit. Mit dieser Einschätzung muß er nicht unbedingt richtig liegen, über den Schluß, den er daraus zieht, läßt sich allerdings kaum streiten. Die folgenden Kapitel vermitteln, daß es gerade die Künstlichkeit ist, die das Filmteam stets im Blick behalten sollte. Eine sorgfältig ausgestattete Szene ist über alle Maßen künstlich und kann doch so alltäglich wirken wie jeder Hinterhof. Mit jeder sichtbaren Farbe, jedem Schatten und jedem Gegenstand im Bild wird eine Aussage getroffen. Nur derjenige, dem diese Aussage bewußt ist und der sie gezielt einzusetzen versteht, kann auch umsetzen, was das Drehbuch verlangt. Es ist für Verständlichkeit und Spannung der Geschichte immens wichtig, daß der Zuschauer mit wenigen Blicken erfassen kann, wo die einzelnen Szenen stattfinden. Es kommt dabei nicht nur auf einen Punkt innerhalb der fiktiven Geographie an, sondern auch auf die Bedingungen, die an diesem Punkt herrschen. Im günstigsten Fall gibt das Szenenbild sogar Hinweise auf die Eigenschaften und den Seelenzustand der Figur.

»Designing Film« zeigt, wie die Studenten des Studiengangs Film- und Fernsehszenenbild der HFF München unter der Anleitung von Sir Ken Adam, Peter Lamont und Uli Hanisch die ersten visuellen Entwürfe für die spätere Umsetzung eines Filmes erstellen. Ausgehend von den im Drehbuch gegebenen Informationen legen sie Stil und Stimmung der geplanten Szenen fest.

Werkzeuge wie Mood- oder Storyboards entstehen, um dem, was bisher nur in Worten ausgedrückt wurde, Raum, Farbe, Licht und Substanz zu geben. Um diese Vorgänge nachvollziehbar zu machen, hat der Herausgeber ein ideales Verhältnis von Text und Bild gefunden. Einige kurze Absätze geben den Inhalt des Drehbuchs wieder und verdeutlichen die gestalterischen Herausforderungen, die sich daraus ergeben. Ein historischer Film macht die intensive Recherche zu Mode und Handwerk der jeweiligen Epoche nötig. Bei einem Märchen muß klar sein, welche Elemente des Bildes den märchenhaften Charakter einer Erzählung vermitteln und den Zuschauer bestimmte Wendungen als die Gesetze eines Märchens akzeptieren lassen. Die Ausstattung eines Science-Fiction-Films muß das Kunststück vollbringen, eine nicht bekannte Realität als »die Zukunft« zu kennzeichnen. Folgt das Drehbuch einer Literaturvorlage, muß der bereits existierenden Geschichte nun ein Raum gegeben werden, der den Figuren tatsächlich Lebensraum statt bloßer Hintergrund ist.
Die kurzen Beschreibungen ergänzen sinnvoll die zahlreichen Abbildungen, die aus dem gesammelten Bildmaterial der Studenten stammen. So wie eine kleine Skizze einen Sachverhalt manchmal deutlicher machen kann, als eine lange Beschreibung, sagen die Kollagen, Zeichnungen und Fotographien, die in »Designing Film« in angenehmen Layout und guter Qualität abgedruckt wurden, mehr über die Vorgehensweise der Filmschaffenden aus als lange Textpassagen. Die Worte und Illustrationen haben in Lüdis Zusammenstellung also eine doppelte Funktion: Sie geben den vorgestellten Filmprojekten eine erste Form und erläutern auf diese Weise die Aufgaben des Szenenbildners.

Der Band verdeutlicht, aus wie vielen Arbeitsschritten die Produktion eines Filmes besteht. Da auch die ambitioniertesten Filmfestivals und -magazine die Aufmerksamkeit in erster Linie auf Regisseure und Schauspieler richten, ist es außerordentlich wichtig, daß dem Nachwuchs die zahlreichen Betätigungsfelder rund um die eigentlichen Dreharbeiten nahe gebracht werden. Und auch Leser, die sich schon etwas eingehender mit diesen Abläufen beschäftigt haben, packt erneut die Begeisterung darüber, was für ein lebendiger Vorgang das Filmen ist, was für eine große Zahl von Talenten und Erfahrungen sich dabei bündeln und was für ein vielschichtiges Werk aus einigen schlichten Sätzen erwachsen kann.

Ob ein Studiengang ins Leben gerufen und am Leben erhalten wird, ist von den verschiedensten Faktoren abhängig, die Einrichtung kann deswegen nie genug Fürsprecher haben. Toni Lüdi kämpft darum, daß der vorgestellte Lehrgang der HFF München in der deutschen Filmlandschaft als Ausbildungsplatz für versierte, professionell arbeitende Szenenbildner wahrgenommen wird. Einige Seiten des Buchs sind deshalb mit den Grußworten von Vertretern von Produktionsfirmen und Fördereinrichtungen gefüllt. Die Texte sind nicht gerade wichtig für die Grundlagen der Bildgestaltung, doch daß sie eingefügt wurden ist verständlich und vermittelt auch eine Ahnung von der Vernetzung und der Funktionsweise der vergleichsweise überschaubaren deutschen Filmbranche. 2010-07-23 09:38

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