— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Doing City

Silke Roesler: Doing City. New York im Spannungsfeld medialer Praktiken. Marburg 2010. Schüren Verlag, 220 Seiten. 29,90 Euro.

»Ich war noch niemals in New York«

Von Michael Leuffen Wie würde New York wohl aussehen, wenn es von jemandem beschrieben werden müßte, der den Big Apple nur aus dem Kino kennt? Würde er aus den Motiven von Filmen wie Gangs of New York, Taxi Driver, Downtown 81 oder Serien wie The Sopranos oder Sex and the City ein historisch und architektonisch einigermaßen lineares Bild der »Five Boroughs« zeichnen können? Oder sind es einfach nur lose Versatzstücke, die New York mannigfaltig in das Gedächtnis der Medien eingeschrieben haben und die Metropole deshalb beim Betrachter zu einer imaginären Stadt der Chiffren macht? Fragen, auf welche die Regensburger Medienwissenschaftlerin Silke Roesler in ihrem Buch »Doing City. New York im Spannungsfeld medialer Praktiken« verschiedene Antworten gibt, in dem sie sehr umfangreich und wissenschaftlich fundiert überprüft, wie mediale Praktiken das Phänomen Stadt kreieren und formen. Zunächst nähert sie sich dafür dem Begriff Stadt und dem Begriff Medien aus der Perspektive unterschiedlicher geisteswissenschaftlicher Disziplinen, um aus der daraus gewonnen Essenz ihrer Untersuchung ein wissenschaftliches, in den Cultural Studies beheimatetes Fundament zu geben. Anschließend verhandelt sie Stadtentstehungsprozesse unter den jeweiligen methodischen Ansätzen und analysiert diese an Fallbeispielen wie Spider-Man, 25 Stunden und Sex and the City. Genau an dieser Stelle beginnt ihr Buch für diejenigen interessant zu werden, die sich nicht im Dickicht der universitären Diskurse auskennen. Denn so interessant die Fragestellung, Perspektiven, Thesen und Antworten auch sind: Der etwas verkrampfte Ton bzw. Schreibstil der Publikation ist nicht für ein breites Publikum bestimmt, sondern für eine Leserschaft, die sich in den jeweiligen Diskursen an der Schnittstelle von Kulturgeographie und Medienwissenschaft befindet. Trotz des etwas zähen Stils gelingt es der Autorin am Beispiel von New York zu zeigen, wie Raum medial konstruiert und vermittelt wird. Dabei macht sie am Beispiel von Karten, Stadtplänen, Filmen, Musikvideos und TV-Serien deutlich, wie mediale Stadtvisionen als immaterielle Architektur die Realität virtualisieren und sie zu einem neuen artifiziellen Raum zusammensetzen, der auf soziologischer, ethnologischer und philosophischer Ebene diverse Lesarten anbietet. Auch der Frage, was passiert, wenn ein Bauwerk, das bisher ein Stadtbild prägte, verschwindet, geht sie unter der Berücksichtigung der Ereignisse vom 11. September 2001 nach. Das wirklich Erstaunliche an ihrem Buch ist allerdings nicht das aus der Lektüre gewonnene Bild von New York und seiner medialen Vermittlung. Vielmehr schärft »Doing City« den Blick auf mediale Raumkonstrukte im Allgemeinen und läßt den Leser durch diverse neue Blickwinkel über seinen eigenen Medienkonsum und dessen Generierung von Raum durch mediale Hilfsinstrumente wie Beispielsweise ein Navigationssystem nachdenken. 2010-08-20 14:25

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #59.

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap