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Terrorkino

Marcus Stiglegger: Terrorkino.
Angst/Lust und Körperhorror. Berlin 2010. Bertz + Fischer, 108 Seiten. 9,90 Euro.

Kreatives Foltern. Ein Plädoyer für den Torture Porn

Von Jochen Werner Der Mythos vom »Folterporno«, jenem verfemten Subgenre des Horrorfilms, der sich in bloßer, zum sadistischen Vergnügen des Zuschauer ganz buchstäblich ausgeschlachteter Zurschaustellung von Qual, Leid und Tortur ergeht, bestimmte die kritischen Diskurse zur Medienwelt zwischen Killerspielen und Amokläufen in den letzten Jahren immer wieder wesentlich. Ob das alljährliche Saw-Sequel, die postmodern-satirischen Hostel-Filme von Eli Roth oder das transgressive neue Splatterkino aus Frankreich: Alles wurde umstandslos in einen Topf geworfen, kräftig umgerührt und am Ende stand die These von der Verrohung der Jugend, des als Zielgruppe eingeschätzten Prekariats und des Genrekinos obendrein, und das angeblich neue Genre »Torture Porn« war geboren.

Daß hinter diesem meist als populistischer Kampfbegriff verwendeten Schlagwort manch richtige Erkenntnis steckt, ist freilich kaum zu bestreiten. Die strukturelle Verwandtschaft zwischen Splatterfilm und Pornographie hatte die amerikanische Filmwissenschaftlerin Linda Williams bereits vor Dekaden anhand der ersten Welle des Splatterkinos in den 1970er Jahren festgestellt, und daß der Splatterfilm und das Horrorgenre zwar Schnittmengen aufweisen, jedoch keinesfalls identisch funktionieren und nur anhand einer quantitativen Blut-und-Gedärme-Skala voneinander zu trennen wären, ist auch nicht unbedingt eine ganz neue Erkenntnis. Stattdessen könnte der Splatterfilm, wenn man so will, eher als eine Art Post-Horrorkino verstanden werden, indem er den Schrecken ins Bild zu setzen sucht, welcher sich einer Zähmung durch Erzählbarmachung widersetzt.

Marcus Stiglegger stellt in seinem Band »Terrorkino. Angst/Lust und Körperhorror«, mit dem die neue Reihe »Kultur & Kritik« im Bertz + Fischer Verlag eröffnet wird, folgerichtig fest, daß es sich bei dem Gros der Filme des neuen Splatterkinos nicht eigentlich um ein Horrorphänomen handelt: »Somit sind viele der momentan oberflächlich als Horror eingestuften Filme strenggenommen Thriller, denn sie zeigen ein Grauen menschlicher Herkunft. Dieses Grauen aber nimmt in seiner monströsen Dimension horrible, traumatische und terroristische Züge an. Das Angstbild der Gegenwart scheint eben der Mensch selbst zu sein.« Stiglegger verortet die untersuchten Filme einerseits in einer filmhistorischen Entwicklungslinie und betrachtet sie, ebenso wie die Filme von Romero, Craven oder Hooper in den 1970er Jahren, als wütende politische Ausdrucksgesten. Darüber hinaus jedoch gibt er dem Diskurs über das Terrorkino einen philosophischen Überbau, wenn er sich mit Bataille und de Sade auf die Suche nach einer verlorenen Körpererfahrung macht, welche in den Grenzerfahrungen, die das extreme Splatterkino darstellt und in einem gewissen Sinne auch für den Zuschauer erfahrbar macht, ausagiert werden können.

Indem er in seiner ausführlichen Analyse von Pascal Laugiers Martyrs kulminierenden Filmauswahl Erfolgsreihen des Mainstreamkinos wie die Saw- und Hostel-Filme mit Autorenfilmen wie jüngst Lars von Triers Antichrist oder neuesten, noch zu entdeckenden Werken wie The Life and Death of a Porno Gang vom Serben Mladen Djordjevic zusammendenkt, gelingt Stiglegger auf vergleichsweise schmalem Raum ein beeindruckend vollständig anmutender Überblick über – vielleicht – eine der bedeutenden künstlerischen Tendenzen des Gegenwartskinos. Sein Buch ist flammendes Plädoyer für eine dringend notwendige Neubewertung wie auch kenntnisreiche Kontextualisierung eines unterschätzten Genres und als Einführung für noch nicht mit der Materie vertraute Leser ebenso wertvoll wie als Fundgrube für fortgeschrittene Genreconaisseure. 2010-06-25 11:54

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