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Playtime

Lorenz Engell: Playtime. Münchener Film-Vorlesungen. Konstanz 2010. UVK, 296 Seiten. 29 Euro.

Das Denken im Kino

Von Elena Meilicke Lorenz Engell bietet mit »Playtime. Münchener Film-Vorlesungen« eine angenehm leichtfüßige Einführung in das, was er »Film-Philosophie« nennt. Der Klappentext formuliert emphatisch, worum es dabei geht: »Der Film war unser Objekt. Jetzt aber soll es darum gehen, das Wissen freizulegen, das der Film selbst erzeugt und verkörpert. Die thematischen Vorlesungen skizzieren, was der Film weiß: über Welt und Mensch, über Geschichte, Glück und Gedanken – und in all dem über sich selbst.« Es geht also um ein Wissen des Films, um ein »Denken im Film und durch den Film«. Für Engell gilt: Filme reflektieren, diskutieren, argumentieren, kurz, sie denken – aber eben nicht sprachlich-begrifflich, »sondern in der Form des Films und durch den Film und mit seinen Mitteln«.

Engells Verständnis vom Kino als philosophischer Apparatur bezieht sich in erster Linie auf Gilles Deleuze – Engell ist Professor für Medienphilosophie an der Bauhaus-Universität Weimar, einer »der wenigen Partisanen-Zellen des Deleuzianismus in Deutschland« (so zu lesen im Booklet des kürzlich bei Absolut Medien erschienenen »Abécédaire – Gilles Deleuze von A bis Z«). Engell beschreibt Deleuze' Kinobücher als den Versuch, »Film als gleichberechtigte Äußerung in das Denkgebäude der Philosophie einzurücken, das Kino als Körper des Denkens und seine visuellen und lautlichen, seine temporalen und räumlichen Gesten als Bewegungen eines physischen – statt immer nur metaphysischen – Denkens zu sehen.« Der Film führt eine Art des Denkens vor, in der Anschaulichkeit und Gedanklichkeit keine Gegensätze sind, eine Art des Denkens, in der Intelligibles, Sagbares und Sichtbares in eins fallen: »Das Denken im Kino ist […] eines der raumzeitlichen Präsenz und der dinglichen Konkretion. Es ist eines, in dem die Anordnung der Dinge und Handlungen im szenischen Raum das Artikulationsmedium des Gedankens ist; Gedanke und Handlung; abstrakter Begriff und konkretes Ding gehen eine unauflösliche Verbindung ein.«

Das Bestechende an »Playtime. Münchener Film-Vorlesungen« ist, daß Engell seine filmphilosophischen Überlegungen nicht im luftleeren Raum theoretischer Abhandlungen entwickelt, sondern in der direkten Auseinandersetzung mit konkreten Filmen – dies vielleicht auch, weil die Adressaten seiner Vorlesungen nicht Geisteswissenschaftler, sondern Filmstudenten der Hochschule für Film und Fernsehen München sind. Da geht es beispielsweise um die Verquickung von Rassismus und der Begründung einer filmischen Erzählgrammatik in D.W. Griffiths Birth of a Nation (1915), weitere Analysen behandeln Filme von Renoir, Fellini, Tati und Kubrick.

Die letzte Vorlesung widmet sich mit Michael Gondrys Spielfilm Eternal Sunshine of the Spotless Mind (2004) dem Genre des »Mind Game Movie« und hier, ganz am Ende des Buches, geht es noch einmal um die Frage, was für eine Art Film-Philosophie Engell vorschwebt. Film-Philosophie bedeutet für Engell eben nicht, daß Filme sich überkommener philosophischer Fragestellungen annehmen, diese illustrieren oder widerspiegeln. Engell verweist auf die beiden amerikanischen Film-Philosophen Christopher Grau und Thomas Wartenberg, die Eternal Sunshine of the Spotless Mind als philosophische Auseinandersetzung mit der Frage nach den Grenzen technischer Machbarkeit lesen. Die Tatsache, daß diese Auseinandersetzung im Medium Film stattfindet, ist für Grau und Wartenberg dabei völlig irrelevant. Genau an diesem Punkt grenzt sich Engell ab: »Eine kinematographische Philosophie aber wäre erst eine, die solche Fragen behandelt, wie sie nur diese überhaupt aufwerfen oder wie sie zumindest aspektieren kann. Oder die Antworten findet, wie sie nur kinematographisch gegeben werden können.« Es kann also nicht darum gehen, zu fragen, wie diese oder jene philosophische Fragestellung in einem Film abgehandelt wird, sondern es geht um die Frage, inwiefern Film philosophische Fragestellungen entwirft, die nur im Film gestellt werden können. In diesem Sinne zeichnet Engell nach, wie Eternal Sunshine of the Spotless Mind eine eigene, eine filmische oder vom Film herkommende Gedächtnis- und Bewußtseinstheorie entfaltet, die das Gedächtnis als gesteuert und gemacht darstellt, als »verteilte Situation« und verteilte Intelligenz, an der technisches Gerät, Aufschreibe- und Aufzeichnungssysteme partizipieren. Spätestens hier wird klar, daß eine kinematographische Philosophie, so Engell, weg von den Philosophien des Geistes und hin zu einer Medien-Philosophie führt. 2010-06-11 14:06
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