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Screen Nightmares

Karen A. Ritzenhoff: Screen Nightmares. Video, Fernsehen und Gewalt im Film. Marburg 2010. Schüren Verlag, 192 Seiten. 24,90 Euro.

Medientheorie meets Dada

Von Matthias Wannhoff Im Jahr 1996, als in den USA gerade der berüchtigte »Wissenschaftskrieg« zwischen Naturwissenschaftlern und postmodernen Theoretikern durch die Fakultäten tobte, erlaubte sich der New Yorker Physiker Alan Sokal einen Scherz. Angestachelt von der französisch inspirierten Marotte mancher Geisteswissenschafter, die sogenannte »Realität« als immer schon sozial konstruiert abzukanzeln, sandte Sokal einen Essay an die linke Fachzeitschrift »Social Text«. In diesem behauptete er, daß die Theorie der Quantengravitation, wie sie von Physikern etwa bei der Diskussion schwarzer Löcher herangezogen wird, massive politische Implikationen in sich birge. Wie der Autor später erklärte, wollte er herausfinden, ob die Herausgeber der Zeitschrift haarsträubenden Unsinn als solchen erkennen, wenn er a) schön formuliert ist und sich b) mit ihrer ideologischen Grundauffassung deckt. Aus dem Scherz wurde bitterer Ernst: Das Magazin druckte Sokals Aufsatz.

Allzu oft wünscht man sich bei der Lektüre von »Screen Nightmares«, einem ganz ähnlichen Fall von gezielter Academia-Groteske aufzusitzen – und muß erkennen, daß die Lage ungleich ernster ist. Denn auch wenn Karen A. Ritzenhoffs Studie weder a) schön formuliert ist noch b) irgendeinen bestimmten Theorieansatz erkennen läßt, zeigt sie doch in aller Deutlichkeit, was im zeitgenössischen, nicht bloß akademischen Sprechen über Medien alles schiefläuft.

Was genau Ritzenhoff in ihrem Buch überhaupt untersuchen will, ist derweil gar nicht so leicht zu sagen. Die Autorin bündelt eine Reihe von Filmen, deren Stoffe, wie man so schön sagt, »irgendwas mit Medien« und Gewalt zu tun haben, wobei die in der Einleitung behauptete Akzentsetzung durchaus neugierig macht: »Die Auslegung des Videobildes steht im Mittelpunkt dieses Bandes; Video ist das zentrale Thema.« Statt nun aber aus der Filmlektüre etwa eine handfeste Diagnose zum Übergang vom analogen ins digitale Zeitalter zu gewinnen, nutzt Ritzenhoff das Analysematerial bloß dazu, sich gegenseitig widersprechende Gemeinplätze der Medienforschung in einem kaum lesbaren, parenthetischen Stil aneinanderzureihen: Mal wirken mediale Gewaltbilder verrohend, mal sind sie bloß Antwort auf eine brutale, weil kriegerische Realität. Auf der einen Seite werden in einem Nebensatz Michael Hanekes Filme – freilich ohne Begründung – als generell frauenfeindlich deklassiert; auf der anderen Seite halten manche Abhandlungen selbst derart altbackene Dichotomien konservativer Gesellschaftstheorie hoch, daß man mit der dreifachen Dekonstruktions-Keule auf sie einhauen möchte: Während etwa Angela, die Hauptfigur in Alejandro Amenábars Tesis, »friedlicher, gut bürgerlicher Musik lauscht«, sei ihr Kommilitone, der Videogewalt-Freak Chema, »als ein besonderer Charakter gekennzeichnet«, da er Hardrock höre. Der Stammtisch-Soziologe applaudiert.

Dabei ist es nicht so, daß die Autorin den Leser nicht gewarnt hätte. Die Prophezeiung im Vorwort, daß Sozialwissenschaftler die »Interpretationen […] nicht wissenschaftlich genug« finden und »die erarbeiteten Erkenntnisse als subjektive Spekulationen ohne wirkliche wissenschaftliche Legitimität verwerfen« könnten, verrät bereits viel über Ritzenhoffs Hermeneutikbegriff. Dieser scheint nämlich Interpretation mit einem Freibrief für blinde Sinnsuche an sinnfreien Orten zu verwechseln, was bereits in der Struktur des Buches deutlich wird: Eine Unterteilung der Kapitel nach Regisseur und Werk kann im Falle von Autorenfilmern wie Michael Haneke oder David Cronenberg durchaus Sinn machen; absurd wird es jedoch, wenn die Autorin darüber spekuliert, warum Gore Verbinski den Spuk in The Ring ausgerechnet einer analogen Speichertechnik entlockt. Erstens stammt das Drehbuch nicht von Verbinski; zweitens ist der Film bekanntlich das Remake eines japanischen Films; und drittens geht dieser wiederum auf eine Romanvorlage zurück. Eine Antwort auf die Frage schließlich, warum der Geist in Verbinskis Film anstelle eines Videobandes nicht auch genauso gut auf einer DVD schlummern könnte, bleibt Ritzenhoff schuldig.

Und genau hier wird aus dem vermeintlichen Scherz bitterer Ernst, denn Wissenschaftlichkeit ist eben nur bedingt eine Frage der Methode. Am Beispiel von Ritzenhoffs Buch ließe sich glatt ein neuer »Wissenschaftskrieg« lostreten; führt es doch vor, mit welcher Frequenz auch »weiche« Wissenschaften »harte« Fehler machen können. So schreibt die Autorin zur vieldiskutierten Rückspul-Sequenz am Ende von Hanekes Filmen Funny Games sowie Funny Games U.S.: »Während die deutsche [!] Fassung offensichtlich die vibrierenden Linien eines Videorekorders zeigt, der wie eine analoge Videokassette zurückgespult wird, ist die Technologie in 2007 digital.« Diese scheinbare Beobachtung löst sich von selbst in heiße Luft auf, wenn man sich besagte Szene im 1997er Original ansieht: Die vibrierenden Linien, von denen die Rede ist, existieren schlicht und ergreifend nicht. Auch darüber hinaus wimmelt der Text vor Fehlern: Munter verwechselt die Autorin Medium und Inhalt, Akteur und Figur, schließlich gar Österreich und ihre deutsche Heimat. Wenn zwei Dekaden Lehrerfahrung in den USA solche Schnitzer zeitigen, wirkt die vielbeschworene Internationalisierung des Hochschulraums wie eine Horrorvision.

Vielleicht ist es doch ratsam, diesen Schrift gewordenen Alptraum mit Humor zu nehmen. Etwas anderes bleibt einem auch kaum übrig, wenn man auf einmal auf Sätze wie diesen stößt, an denen Kurt Schwitters vermutlich große Freude gehabt hätte: »Das Thema des Auges ist zentral, wenn es um das Sehen geht.« Richtig abenteurlich wird es, wenn die Autorin den Videothekenmarkt als »Vorstufe zum DVD-Markt, der das Downloaden von Filmen auf den Computer und der Verbreitung von Kameratechnologie für Amateure via YouTube erschwinglich macht« bezeichnet. Für solch technikhistorischen Nonsens dürften Jungakademiker mancherorts – völlig zu Recht – kaum heil durchs erste Semester kommen. Medientheorie meets Dada.

Letzten Endes ist mit »Screen Nightmares« auch ein Projekt gescheitert, das in der Medienwissenschaft noch immer ein Desiderat darstellt: die Zusammenführung eines technikzentrierten und eines sozialwissenschaftlichen Ansatzes. Während sich der eine vor allem für die Materialität von Medien, nicht aber für deren gesellschaftlichen Gebrauch interessiert, überspringt der andere die Eigenlogik von Apparaten zugunsten einer Erforschung ihrer Oberflächen. Ritzenhoffs Studie hätte – freilich ohne dies auch nur ansatzweise selbst reflektiert zu haben – an diesem blinden Fleck ansetzen können. Wenn dessen Ausleuchtung jedoch Resultate zeitigt wie »Screen Nightmares«, dann darf er gerne für immer im Dunkeln bleiben. 2010-06-04 10:52

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