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Die Inszenierung des Realen

Anja-Magali Bitter: Die Inszenierung des Realen. Entwicklung und Perzeption des neueren französischen Dokumentarfilms. Stuttgart 2010. ibidem, 146 Seiten. 24,90 Euro.

Wahrheit oder Wirklichkeit?

Von Jochen Werner Der Boom des dokumentarischen Kinos ist seit einigen Jahren unübersehbar. Dokumentarfilme füllen Kinosäle, stellen Besucherrekorde auf und haben längst auch Einzug in die Wettbewerbe der großen Filmfestivals gehalten. Namen wie Michael Moore und seine Epigonen, Errol Morris oder Nicolas Philibert werden zu Recht zu den relevanten Cineasten unserer Zeit gezählt. Woran aber liegt es, daß dieser kommerzielle und künstlerische Höhenflug des Dokumentarfilms sich gerade jetzt ereignet? Hat sich lediglich der Fokus der medialen und öffentlichen Wahrnehmung verschoben, oder hat sich nicht das dokumentarische Kino selbst entscheidend verändert, so daß es sich nahtloser in die Vorstellung des Publikums einfügt, was ein Film ist und wie er zu funktionieren hat – nämlich narrativ?

Solchen und ähnlichen Fragen geht die Romanistin und Filmwissenschaftlerin Anja-Magali Bitter in ihrer Studie »Die Inszenierung des Realen. Entwicklung und Perzeption des neueren französischen Dokumentarfilms« nach. Die eigentliche Stärke ihres Buches, das seinen akademischen Ursprung niemals so ganz vergessen machen kann und sich weitestgehend liest wie eine Magisterarbeit, liegt dabei in ihrer sehr dichten Aufarbeitung relevanter Studien zum dokumentarischen Kino, vom frühen Film bis in die Gegenwart hinein. Dabei verwirft sie die allzu schlichte Trennung zwischen Fiktion und Realität des Dargestellten hin zu einem von Dirk Eitzen vorgeschlagenen Verständnis des Dokumentarischen als eines Sprachmodus, der nicht die Frage nach Wahrheit oder Lüge stellt, sondern die Frage »Könnte das gelogen sein?« überhaupt erst sinnvoll macht.

Folgerichtig geht es in den ihre Studie beschließenden Filmanalysen (von Agnès Vardas Les Glaneurs et la glaneuse, Nicolas Philiberts Être et avoir und Claire Simons La Vie de Mimi) auch weniger um den Inhalt der Filme als um ihre Inszenierungsstrategien. Die Autorin stellt dabei fest, daß alle untersuchten Filme Merkmale von Fiktionalisierung aufweisen, die sie dem narrativen, fiktionalen Spielfilm annähern. An diesem Punkt könnte dann auch durchaus eine grundsätzlichere Betrachtung andocken, welche die Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Wahrheit im Dokumentarfilm erneut diskutieren müßte. Der Rahmen dieser zwar hilfreichen, aber stilistisch leider durchweg im akademisch-umständlichen Duktus gehaltenen Arbeit – die, am Rande angemerkt, ausführliche Textpassagen in französischer Sprache zitiert und somit solide Kenntnisse der Sprache unbedingt erfordert – würde dadurch freilich bei weitem gesprengt, und so stehen am Ende leider nur die drei mäßig aufschlußreichen Einzelanalysen und der Eindruck, daß hier ein höchst interessantes, aber auch sehr komplexes Thema lediglich angerissen wurde. 2010-06-18 14:31

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