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Produktionsmanagement für Film und Fernsehen

Cornelia Schmidt-Matthiesen, Bastian Clevé: Produktionsmanagement für Film und Fernsehen. Konstanz 2010. UVK, 292 Seiten. 24,90 Euro.

Es lebe die Hierarchie!

Von Patrick Hilpisch Es ist der feuchte Traum eines jeden Möchtegern-Produzenten: Man kauft ein Buch über die Grundsätze, Regeln, Fallstricke und No-Gos im Produktionsmanagement-Bereich. Man liest es und verinnerlicht die Tips, Ratschläge und Anweisungen der (hoffentlich) praxiserfahrenen Autoren. Man überträgt sie auf das geplante Projekt, wendet sie an, und schon ist man der nächste Jerry Bruckheimer – oder Jim Stark, wenn man sich eher abseits des Mainstreams austoben will.

Daß das Ganze dann aber doch nicht ganz so einfach geht, versteht sich von selbst. Denn gerade in einem kreativen und stark finanzabhängigen Sektor wie der Film- und Fernsehproduktion, in dem der künstlerische und planerische Input von einer Vielzahl unterschiedlicher Individuen und Charaktere zusammenkommt, ist die Theorie zwar Gold wert, doch die persönliche praktische Erfahrung kann sie nicht ersetzen. Da muß individuell konzipiert, agiert und reagiert werden, müssen kurzfristig Zugeständnisse und Kompromisse gemacht oder erhitzte Gemüter beruhigt werden – alles im Namen und für das Wohl der Produktion.

Mit »Produktionsmanagement für Film und Fernsehen« wollen Cornelia Schmidt-Matthiesen und Bastian Clevé für eben diese Komplexität, die der Herstellung eines (TV-)Films innewohnt, sensibilisieren. Dabei suggeriert die Gliederung des Buches zwar den berühmten Rundumschlag, der die Herzen aller First-Time-Producer höher schlagen lässt, doch die Autoren erliegen dabei nicht der Versuchung, ihrer Veröffentlichung das Antlitz einer Bibel für Filmschaffende zu verleihen. Stringent gegliedert und in sachlicher Sprache widmen sie sich den unterschiedlichen Facetten des Produktionszweiges, ohne sich in Fachchinesisch zu verlieren, allzu dogmatisch zu argumentieren oder emphatisch darauf zu bestehen, den Stein der Produktionsmanagement-Weisen gefunden zu haben.

Die Kapitel handeln die einzelnen Stadien der Projektrealisierung ab – von der Stoff-Findung für das jeweilige Format und den verschiedenen Möglichkeiten der Filmförderung über Pre-Production, Drehphase und Post-Production bis hin zu einem kurzen Exkurs in Sachen Filmverwertung. Dabei werden die jeweils beteiligten Abteilungen, die hierarchischen Mechanismen und – darin inbegriffen – die monetären Verantwortlichkeiten beleuchtet. Denn, das macht die Veröffentlichung unmißverständlich klar, nur mit ausreichender Finanzierung und einer erfolgreichen Verwaltung der Finanzen ist ein Filmprojekt realisierbar.

Durch die Einbindung von Beispielfällen, Diagrammen, Vordrucken und Auszügen aus Richtlinien schaffen Clevé/Schmidt-Matthiesen eine fundierte Informationsgrundlage und Anreize, das Buch im produktionsbezogenen Ernstfall durchaus erneut in die Hand zu nehmen. Das liest sich zwar stellenweise ein wenig trocken, doch letztendlich steht es dem Buch ganz gut zu Gesicht. Bastian Clevés Routine als alter Hase in Sachen Filmfinanzierung und -realisierung macht sich da bezahlt.

Zwar betonen die Autoren immer wieder die Reibefläche und das zwangsläufige Zusammenspiel zwischen Film/Kunst auf der einen und Wirtschaftlichkeit auf der anderen Seite, doch der Schwerpunkt liegt aus der Produktionsperspektive verständlicherweise auf den Finanzen und der diesbezüglichen Vermeidung folgenreicher Fehler in den unterschiedlichen Abteilungen des Filmproduktionsstabes. Denn Fehler kosten Geld. Und das ist fast immer knapp. Die künstlerische Verwirklichung der Beteiligten wird dabei zwar mitreflektiert, aber letztendlich doch hintangestellt und einem Plädoyer für die dem Business innewohnenden Hierarchien untergeordnet.

Die Veröffentlichung von Band 44 der Schriftenreihe »Praxis Film« kann also keine illusorischen Jungproduzenten-Träume wahr werden lassen. Und ambitionierte Regievisionäre werden sich an ihrer stark finanzgesteuerten Herangehensweise stören. Sie beschert jedoch traumhaft informative und kompakte Ein- und Ansichten in und über die komplexe Welt der Filmproduktion – und das nicht nur für Branchen-Insider. Da solche Publikationen rar sind, vor allem im deutschen Sprachraum, bleibt zu hoffen, daß dem Buch noch weitere Auflagen vergönnt sind. Dann aber bitte nach erneutem, dem Inhalt qualitativ ebenbürdigem Korrektorat. 2010-04-30 17:08

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