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George A. Romero und seine Filme

Georg Seeßlen: George A. Romero und seine Filme. Bellheim 2010. kuk, 368 Seiten. 23 Euro.

Birthday of the Dead

Von Martin Holtz George A. Romero hat im Februar seinen 70. Geburtstag gefeiert und selten war der Horrorgroßmeister so produktiv wie heute, kommt doch in diesem Jahr sein dritter Zombiefilm innerhalb von fünf Jahren in die Kinos. Zugleich ist die deutsche Filmkritik schon seit einiger Zeit bemüht, seine langgeschmähten Splatterklassiker neu zu bewerten und kanonisch zu verorten. Aus all diesen Anlässen hat sich jetzt Kritikerinstitution Georg Seeßlen mit dem Regisseur auseinandergesetzt.

In seinem üblichen essayistischen Stil verfolgt Seeßlen Leben und vor allem Werk des Jubilars. Innerhalb einer Kulturgeschichte des Grauens nehme Romero den Platz als Wegbereiter des »new horror« ein, der sich auszeichne durch eine distanzlose Konfrontation des Zuschauers mit den Abgründen von Gesellschaft und menschlicher Natur. Die kulturelle Relevanz von Romeros Themen lasse sich vor allem an der maßgeblich von ihm geformten Horrorikone des Zombies ableiten. Je nach zeitgenössischem Kontext symbolisiere der lebende Tote verschiedene gesellschaftliche Krankheiten als »unbarmherziger Verstärker des alltäglichen Horrors«: Langeweile und Leere, ideologische Gleichschaltung, Konsummanie, Konkurrenzdenken, Militarismus oder Terrorismus. Gleichzeitig sei er aber auch Projektionsfläche für das kollektiv Unterdrückte: der Revolutionär, die Arbeiterklasse, die Minderheiten. Und die Art und Weise, wie die panische Gesellschaft mit den Zombies umgeht, um ihre Menschlichkeit zu bewahren, zeuge gleichwohl von ihrer Unmenschlichkeit. Es ist diese Vieldeutigkeit der radikalen metaphorischen Bildsprache, die den Reiz von Romeros Werk ausmache.

In solchen Momenten ist das Buch am interessantesten, gleichzeitig auch am streitbarsten, wenn Seeßlen aus den Filmen Aussagen ableitet, deren kulturelle Implikationen prägnant und provokativ weitergesponnen werden. Am schwächsten ist das Buch, wenn relativ ermüdend Inhaltsangaben aneinandergereiht werden, nicht nur von Romeros Filmen, sondern auch von den unzähligen Nachahmern im Zombie-Subgenre. Das Fehlen jeglicher Bilder ist besonders für ein Filmbuch bedauerlich. Deshalb bekommt man den Eindruck, daß es sich bei dem Buch eher um einen Schnellschuß handelt, eine nett gemeinte Würdigung zum 70ten. Vielleicht sind Geburtstage ja einfach der falsche Anlaß, um den Meister der lebenden Toten zu ehren. 2010-05-07 10:51

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #58.

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