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Film-Konzepte 17

Thomas Koebner, Fabienne Liptay (Hg.): Film-Konzepte 17. Eric Rohmer: Filmkunst zwischen Liebe und Lüge. München 2010. edition text + kritik, 117 Seiten. 19 Euro.

Wer das Kino liebt, liebt Rohmer

Von Thomas Warnecke Dieser Tage wäre Eric Rohmer 90 Jahre alt geworden, am 11. Januar des Jahres ist er gestorben. Bis auf den vorgeschobenen Nachruf von Film-Konzepte-Herausgeber Thomas Koebner hat sein Tod das vorliegende Buch nicht mehr verändert, ist es doch so, daß Rohmer auch weitere hundert Jahre seine Art des Filmemachens nicht geändert hätte. Und man muß weder Hellseher sein noch übermäßig viel von Film verstehen, um zu wissen, daß das fürs Kino besser gewesen wäre.

Denn, und darum bemühen sich die hier versammelten Aufsätze, Rohmer hat ja eben nie weitergemacht wie bisher, oder jedenfalls nur zu einem gewissen Teil. Was seinen Filmen gemein ist, listet der Nachruf schnell auf: Schauplätze, Konflikte, Charaktere, Schauspielkunst (oder -stil), Sprache und blickfangende Dinge. Nichts stimmt weniger als das Klischee von den endlosen Dialogen oder die sich darob beim nur oberflächlich Rohmervertrauten einstellende Assoziation »talking heads«; Uta Felten kommt im Gegenteil anhand ihrer Analyse der Stadtnomadin Louise aus Vollmondnächte zum überzeugenden Schluß einer »reinen Bewegung« (Barthes), der Artefaktcharakter dieses Parismythos' wird aufgehoben in einem Raum freien Zirkulierens. Der Autorin kommt dabei sehr zupaß, daß sie als Romanistin wie Rohmers Heldinnen (Wiedergängerinnen Emma Bovarys) »literaturgeschädgt« ist. Doch zeichnet sie mit der ganz speziellen Flanerie die Paris-Topographie Rohmers noch einmal nach, welch neuer, moderner Blick mit Rohmer und der Nouvelle Vague gewonnen wurde – an dessen Stelle mittlerweile wieder regressive Inszenierungen (z.B. Cédric Klapischs So ist Paris, 2008) treten. Welche stilistische Vielfalt etwa Rohmers Frühwerk dabei aufweist, führt Beate Ochsner anhand der »Moralischen Erzählungen« aus. An denen macht Wolfgang Bongers die Täuschungslust des scheinbar so transparent inszenierenden Eric Rohmer aus und deutlich; mit Die Lady und der Herzog widmet sich Volker Roloff einem der letzten und technisch-stilistisch noch einmal Neuland betretenden Filme Rohmers; der Theaterfilm dient hier zum Paragone zwischen Literatur und Film (Sieger: der Film!). Gerade, weil die Aufsätze der 17. Film-Konzepte nicht nur für den Anschluß an philosophische Diskurse, sondern auch für reichlich Material oder Munition zu einer Kritik des Gegenwartskinos liefern, ist das Buch ein schöner Nachruf zum Draufaufbauen geworden. Es schwingt in allen Texten mit, was in den tatsächlichen Nachrufen deutlich zur Sprache kam und hier nochmals mit durchaus normativer Absicht festgehalten sei: Wer das Kino liebt, liebt Rohmer. 2010-05-21 11:25

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #58.

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