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Mensch – Maschinen – Auge

Olga Moskatova: Mensch – Maschinen – Auge. Das filmische Motiv vom künstlichen Sehen. Marburg 2009. Tectum Verlag, 153 Seiten. 24,90 Euro.

Der Blick als der Blickende

Von Alexander Scholz Was bleibt, ist der Eindruck. Etwas hat sich eingeprägt und will nun nicht mehr fort. Das französische »regarder« bezeichnet diesen Vorgang ziemlich genau, steht es doch für das Betrachten und bedeutet wörtlich übersetzt »zurückbehalten«. Die Frage ist nun, wer hier wen beeindruckt und was die Mittel desjenigen sind. Daß der Autor eines Films den Zuschauer berauscht und so selbst ins Zentrum der film-publizistischen Untersuchungen rückt, ist eine überholte, aber deswegen nicht weniger verbreitete Auffassung. Wenn man den Autor umbringt und den lautstarken Grabgesang der Kritiker ignoriert, kann es passieren, daß das Medium plötzlich im Mittelpunkt steht und ihm vor lauter Eifer gar die Botschaft des künstlerischen Gegenstands zugeschrieben wird.

Olga Moskatova hat ein filmwissenschaftliches Buch verfaßt, das sich keiner dieser Herangehensweisen einseitig verschreibt. Die Autorin untersucht vielmehr den Blick als den Blickenden – freilich nicht ohne anschauliche Rückschlüsse auf Letzteren zu präsentieren. Was bedeutet es, wenn das privilegierte Sinnesorgan technisiert ist? Plötzlich wird dem filmischen Auge eine Fähigkeit zur Erkenntnis zugebilligt, die gegenüber der schnöden Sicht aus dem Augapfel zunächst recht verläßlich daherkommt. Diesen künstlichen Blick, der im Film durch den fiktionalen Raum geworfen wird, analysiert Moskatova geschickt im Schuß-Gegenschuß-Verfahren: Zuerst legt sie den Fokus auf den Menschen, der durch einen optischen Apparat hindurchschaut und sich davon materiell wie mental ein Mehr an Einsicht verspricht – wie der wankelmütige Voyeur in Hitchcocks Rear Window. Anschließend eine hellsichtige Einstellung darauf, wie sich eben jener vorgefertigte Blick auf die Wahrnehmungskompetenzen der Figuren auswirkt – wie beim Protagonisten aus Hanekes Benny's Video, bei dem die Indifferenz der konsumierbaren Bilder zu einem gleichgültigen Charakter geführt hat.

Was als Eindruck bleibt, ist also entweder die Einsicht in die Grenzen der menschlichen Rezeptionsfähigkeit oder in die manipulative Potenz des apparativen Sehens. Die Gliederung von »Mensch – Machinen – Auge« impliziert dabei glücklicherweise nicht, daß die beiden Teile isoliert voneinander betrachtet werden könnten. Die Stärke des Buchs liegt vielmehr darin, eben nicht die verschiedensten Quellen zwanghaft unter einem Thema zu subsumieren. Vielmehr funktionalisiert die Autorin ihr Wissen, um das komplexe Thema unprätentiös und trotzdem fesselnd darzustellen. Dabei bleibt vieles zum zurückbehalten. 2010-04-23 11:04

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #58.
© 2012, Schnitt Online

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