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AugenBlick 45: Images of »True Nature«

Heinz B. Heller, Angela Krewani, Karl Prümm, Günter Giesenfeld: AugenBlick 45: Images of »True Nature«. Marburg 2010. Schüren Verlag. 120 Seiten. 9,90 Euro.

Alles was ich konnt’ erschauen

Von Ines Schneider »Images of ›True Nature‹« ist eine Sammlung von zunächst verwirrend ungleichen Themen und Formen. Aber gerade die Fülle an verschiedenen Texten, die direkt oder auch nur am Rande den Begriff »Natur« berühren, veranschaulicht, wie vielfältig und paradox unser Verständnis von »Natürlichkeit« ist, einem Zustand, der schon dadurch zerstört wird, daß wir ihn als solchen erkennen und benennen. Denn genügt nicht schon die Tatsache, daß wir anwesend sind und unsere Augen auf ein Gebiet richten, um den Naturzustand zu stören und beginnen wir nicht automatisch, zu registrieren, zu vergleichen und zu ordnen, so daß der »Urzustand« zu einem Bild, einer Landschaft, einer Szenerie verformt wird?

Institutionen wie Google Earth mögen unser Raumgefühl nachhaltig verändert haben, doch in der Vergangenheit haben uns bereits Forscher, Unternehmer und Philosophen auf diese Veränderung vorbereitet. Astrid E. Schwarz zeichnet die Versuche der Gesellschaft Illuft nach, die in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts mit Hilfe von Segelflugzeugen und Luftschiffen große Wasserflächen fotographierte, um daraus wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen. Schwarz bringt in ihrem Beitrag eine ganze Reihe von Aspekten zur Sprache, von denen die Gründung und der spätere Misserfolg der Illuft abhingen. Sie verdeutlicht an diesem Beispiel, von wie vielen Kräften unser Blick auf die Welt gelenkt wird. Schon die Möglichkeit, die Vogelperspektive einnehmen zu können, ist eine unschätzbare Bereicherung unserer Wahrnehmung. In der Landkarte schon vorweggenommen, ermöglicht die Aufsicht, den sonst eher kleinen Wirkungsraum des Menschen buchstäblich zu überblicken und führt zu dem Anspruch, ihn noch zu erweitern. Das auf der Karte abgebildete »Feld«, das mit Hilfe von Feldforschungen und -messungen das eigene Gesichtsfeld ausdehnen kann, kann auch zum Schlachtfeld werden, wenn aus dem bloßen Schauen auf die Erde auch der Wunsch nach Herrschaft wird. Den Gründern der Illuft genügte es, Luftbilder von Flächen anzufertigen, deren Form und Beschaffenheit sonst nur schwer zu erkennen waren. Doch trotz eindrucksvoller Darstellungen, beispielsweise von schwimmenden Eisflächen, gelang es ihnen nicht, Geldgeber dauerhaft für das Projekt zu begeistern. Die Perspektive, die heute unsere Gesellschaft umfassend wandelt, wurde 1930 entweder als wissenschaftlich wenig ergiebig betrachtet, oder lediglich als Mittel der Kriegsspionage in Erwägung gezogen. Die Illuft mußte ihre Arbeit einstellen, erstaunlich, da das Projekt wie eine Vorwegnahme der folgenden Entwicklungen wirkt. Die moderne Satellitentechnik hat ihre Ursprünge im Kalten Krieg. Die daraus hervorgegangenen Aufnahmen wurden später der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht und gaben zunächst jedem Menschen das Gefühl, der Planet sei überschaubar und der nächste Kontinent ganz nah. Heute wird diese Technologie jedoch wieder zunehmend als Überwachungsapparat empfunden.

Eine für den Diskurs ergiebige Zahl von Widersprüchen läßt sich auch in einem Bericht von Chez Liley finden. Sie beschreibt, wie unter dem Motto »No Child left inside« im US-Staat Connecticut ein neuer Spielplatz entsteht, ein Areal, in dem Kinder so stark wie möglich dazu ermuntert werden sollen, sich mit Stoffen wie Wasser, Erde und Holz auseinanderzusetzen, ein »NatureScape«, das dem in den USA offenbar häufig diagnostizierten »Nature Deficit Disorder« vorbeugen soll. Damit Kinder sich wieder stärker in der freien Natur aufhalten, wird bei einem Landschaftsplaner eine Anlage in Auftrag gegeben, die ihr als natürlich erachtetes Interesse an ihrer Umgebung verstärken soll.

Hier treffen mehrere gegensätzliche Tendenzen zusammen. Die Kinder sollen das Gefühl der Freiheit kennen und schätzen lernen, in einem Bereich, der vollständig durchkonstruiert ist und der der Sicherheit wegen von Erwachsenen leicht überwacht werden kann. Um die Merkmale eines naturbelassenen Landstrichs zu demonstrieren, werden mit viel Aufwand fremde Baumarten herantransportiert und Pflanzenbeete angelegt. Dann wiederum verwildern einige Bereiche mehrere Wochen später erneut, da sie nicht in dem Maße gepflegt werden können, wie es nötig gewesen wäre, um die Gartenplanung aufrecht zu erhalten. Die Idee von »Natur« wird wieder von wucherndem Gestrüpp und dessen Verfall und vom Eigensinn von Kindern und Teenagern überlagert.

Der Autorin und den Mitarbeitern an »NatureScape« scheint die Unvereinbarkeit der Konzepte bewußt zu sein, das kann aus Wortschöpfungen wie »Landscape Architecture« geschlossen werden, das zwei Ansätze zu einem neuen Prinzip vereint. Ein anderer Slogan des Projekts ist noch besser geeignet, eine Verbindung zwischen »Natur« und der sorgfältig gestalteten Spiellandschaft herzustellen: »Where Art meets Nature«. Geht man davon aus, dass sich das englische Wort »Art« von »artificial« herleiten läßt, ähnlich wie die »Kunst« von »künstlich«, ist es nachvollziehbar, daß sich der mit Theorien und Hoffnungen verbundene Bau an der Natur orientiert und sie nachahmt. Auf einem begrenzten Stück Land wird etwas erschaffen, daß das, was die Organisatoren mit »Natur« verbinden, verkörpert. Was ursprünglich auf dem brachliegenden Grundstück vorgefunden wurde, erfüllt diesen Anspruch nicht.
Liley bezeichnet am Ende ihrer Darlegung das Vorhaben als lebendigen Prozeß, der mit dem Bau, der Akzeptanz durch die Kinder und der wieder einsetzenden Zersetzung keineswegs abgeschlossen ist. Die Pläne der Pädagogen und Gärtner, die Bedürfnisse der Menschen und die Gegebenheiten in einem Waldstück wirken dabei aufeinander ein und im günstigsten Fall auf fruchtbare Weise zusammen.

Allein diese beiden Beispiele lassen erahnen, wie viele Positionen der schmale Band der Marburger Serie »Augenblick« vereint. Viele der stark differenzierten Beiträge setzen einen ähnlich spezifisch interessierten Leser voraus, was die Lektüre der dazu noch auf Englisch veröffentlichten Texte nicht gerade leicht macht. Doch in »True Nature« findet eine faszinierende Auseinandersetzung mit unserem Natur-Verständnis statt. »Natur« ist etwas, was nur in unserer Vorstellung existiert und erst unter unseren Blicken entsteht. Unser eigenes Selbstbild wiederum entsteht in Relation zu unserer Umgebung, deswegen ist dieser Natur-Begriff so aufschlußreich. Dies sind bestimmt keine neuen Erkenntnisse, doch da auch unsere Gedankenwelt von äußeren Tendenzen beeinflußt und geformt wird, ist es immer lohnend, sich diese Einflüsse bewußt zu machen und in Folge vielleicht noch weitere, ähnliche Denkmuster zu entdecken. Und da zudem eine Vorstellung für andere nie ganz erfahrbar ist, kann man »True Nature« als Einladung verstehen, sich »der Natur« auf einer Vielzahl von Wegen zu nähern. 2010-04-15 12:08

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