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Zwischen uns die Mauer

Jürgen Haase (Hg.): Zwischen uns die Mauer – DEFA-Filme auf der Berlinale. Berlin 2010. be.bra, 192 Seiten. 19,95 Euro.

Stein um Stein

Von Susan Noll Im Jahr nach den großen Jubiläen ist es nicht etwa so, daß die Lust an der Aufarbeitung der deutsch-deutschen Vergangenheit nachläßt, im Gegenteil, sie erfreut sich nach wie vor einer blühenden Autoren- und Leserschaft, was die Produktion von Sammelbänden und Monographien zu diesem Thema betrifft. Kinematographische Betrachtungen der DDR-Kunst gibt es viele, und der Band von Jürgen Haase reiht sich dort ganz gut ein. Doch er macht einen Schritt über die Mauer hinweg und widmet sich dem DEFA-Film im Westen, genauer: auf der Berlinale, dem wichtigsten internationalen Filmfestival in Deutschland. Der Ansatz beleuchtet die Berlinale einmal nicht unter dem Licht ihres weltweiten Renommees, sondern widmet sich dem innerdeutschen Konflikt, den die Beteiligung von DDR-Filmen auf dem westdeutschen Festival darbot.

Auffällig ist die Vielfältigkeit der Perspektiven, mit denen das Thema angegangen wird. Anstatt sich auf eine Seite zu schlagen, läßt Haase eine Vielzahl von Beteiligten unterschiedlichster Couleur zu Wort kommen und ihre Sicht der Dinge darstellen. Darunter befinden sich Schauspieler wie Katrin Sass, Matthias Freihof und Renate Krößner, die Regisseure Frank Beyer und Rainer Simon und der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase. Sie stellen die Gruppe der künstlerisch direkt Beteiligten dar, die unter dem Eindruck der politischen und diplomatischen Konflikte vielleicht die interessantesten Schilderungen in diesem Band liefern. Hinzu kommt eine zweite Gruppe von Autoren: Festivalbetreiber, Produzenten, Dramaturgen und Journalisten, wie Erika und Ulrich Gregor oder Georg Seeßlen, die wiederum ihren Erfahrungen in Texten über die Stimmung und Atmosphäre zwischen DEFA und Berlinale Ausdruck verleihen. Und nicht zu vergessen sind die Beiträge von Politikern und Funktionären, die in ihrer Betrachtung der Mühlen der deutschen-deutschen Beziehungen, in denen so viele Künstler und Filme mehr oder weniger stark zerrieben wurden, durchaus Interessantes zu sagen haben.

Der Facettenreichtum des Bandes findet aber nicht nur auf der Autorenebene Niederschlag, sondern zeigt sich auch in den vielen verschiedenen Formen der Texte, die hier vertreten sind. Persönliche Essays, Interviews und Gespräche, theoretisch-historische Abhandlungen und Thementexte sind in der Lage, das Sujet des Bandes interessant und abwechslungsreich zu erschließen und Eintönigkeit in der Betrachtung zu vermeiden. Es geht um Filmpolitik und Zeitgeschichte, genauso wie um Stile und Kunst. Dem wird auch mit der Vorstellung einiger besonders wichtiger Filme in Form kleiner Porträts Rechnung getragen. So ergibt sich nach und nach ein vielfältiges, multiperspektivisches Bild der DEFA-Filme auf der Berlinale. Das Mosaik funktioniert, vermeidet eine eindimensionale Aussage und bietet Raum, in dem der Leser sich seine eigene Sicht bilden kann. 2010-03-31 11:29

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