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Fritz Langs Metropolis

Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen (Hg.): Fritz Langs Metropolis. Berlin 2010. Belleville, 400 Seiten. 49,80 Euro.

Langfilmdebüt

Von Alexander Scholz Durch die Rekonstruktion der Vollständigkeit soll die oberste Schicht, die nun neu entstanden ist, der Urfassung der Geschichte am nächsten kommen. Im Falle des betreffenden Films erscheint dieser folgerichtig anmutende Vorgang allerdings fremdartig, bezog Metropolis seine Anziehungskraft – vielleicht gar seinen Mythos – doch bisher auch aus seiner Unvollständigkeit. Daß Metropolis die Eigenschaften eines Palimpsets annehmen würde, das immer wieder um- und überschrieben wird, war jedoch nie die Intention seiner Schöpfer. Fritz Lang drehte seinerzeit zwar gewissenhaft für die verschiedenen Vertriebswege drei Versionen des Films, die ihrerseits wieder vermischt und verändert wurden, würdigte alle Abweichungen von der Uraufführungsfassung allerdings keines Blickes. Es sollte sich herausstellen, dass er dadurch ein ungeahntes Privileg genoss. Dieses soll er nun posthum doch noch mit vielen ungeduldigen Cinephilen teilen dürfen: Die Funde aus dem Museo del Cine Pablo Ducrós ermöglichten eine nahezu vollständige Rekonstruktion der Urfassung, die im Rahmen der Berlinale erstmals gezeigt wird.

Dem Urteil, Metropolis beziehe seine Anziehungskraft vor allem aus seiner bisherigen Fragmenthaftigkeit, können die Zuschauer dann vielleicht Argumente entgegensetzen, deren faktisches Fundament ein neuer Buchband liefert. »Fritz Langs Metropolis« heißt das Werk, das anläßlich der Ausstellung »The Complete METROPOLIS« und der Aufführung auf der Berlinale von der Deutschen Kinemathek herausgegeben wird. Verschiedene Autoren widmen sich darin der Entstehungsgeschichte des Werkes, dem spektakulären Fund im Sommer 2008, der Restauration des Films und deren ethischen Bedingungen. Die Informationen, die teilweise eher additiv als kohärent zusammengetragen werden, erzeugen eine ungeheure Vorfreude auf die neueste Fassung des Films. Der Schwerpunkt des Buches liegt aber nicht darauf, die Relevanz der wieder entdeckten Teile auszuloten. Vielmehr bietet der aufwendig gestaltete Band einen Kontext an, der keine hermeneutischen Aussagen bieten, sondern als deren empirische Basis funktionieren soll. Daß die gefundenen Szenen Charaktere wie den Schmalen oder Josephat viel genauer zeichnen und Langs narrative Herangehensweise schlüssiger erscheinen lassen könnten, steht hier nicht zur Debatte. Wichtiger ist die Rolle der Figuren als Bestandteil eines Werkes, bei dem immer jeder Arbeitsschritt zur Disposition stand: Angefangen Thea von Harbous Roman, über das Drehbuch zur ersten Filmfassung, zu den weiteren Fassungen, bis zu dem Versuch den Weg bis zur Urfassung des Films zurückzugehen.

Bei diesem Vorhaben spielte das umfangreiche Bild- und Archivmaterial, das der Band präsentiert, eine wichtige Rolle. Durch die Photographien, die am Set gemacht wurden, und das Drehbuch war eigentlich nie unklar, was in den fehlenden Szenen inhaltlich geschieht. Neuere Funde, die hier erstmals zu sehen sind, legten auch vorsichtige Mutmaßungen in Bezug auf die Inszenierung nahe. Obwohl der Bildteil in seiner Gliederung nicht der des Textteils folgt, können die Illustrationen diesen schlüssig ergänzen. Bernhard Eisenschitz mahnt im ersten Textbeitrag eine genauere Beschäftigung mit der Vorproduktion des Films an und verweist auf die unzuverlässigen Angaben der UFA. Weil im Bildteil zeichnerische Entwürfe den Kulissen im Film gegenüber gestellt werden, erscheint seine Argumentation umso schlüssiger.

Wenn Martin Koerber in seinem hervorragenden Artikel die restaurative Leistung an Metropolis auch in der Kontextualisierung von historischem Material mit der Diskursivität der Gegenwart erkennt, tangiert er einen entscheidenden Punkt. Die aktuelle Fassung von Metropolis steht nämlich zum einen nach wie vor zur Diskussion - gerade die partiellen Dissonanzen von Musik und Montage bieten Klärungsbedarf. Zum anderen kann man den Film kaum mehr ansehen ohne in seinem ständigen Oszillieren zwischen den zahlreichen Gegensätzen in der Stadt Metropolis auch die Rezeptions- und Restaurationsgeschichte des Films wiederzuerkennen. Man sieht Zwitterwesen sich durch die geistige Zwischenwelt von Mittelalter und Zukunftsutopie bewegen, während die Inszenierung zwischen Expressionismus und Neuer Sachlichkeit schwankt. Zwar ist die Vermutung, ein lückenloser Film könne eine geschlossene Betrachtung desselben bedingen, ein Irrglaube. Trotzdem erhoffte man sich aus der Vollständigkeit auch eine Einheitlichkeit, die dieser Film in jeder Szene bewußt verweigert. Gerade dies sollte Argument für seine Qualität sein und das Interesse an diesem monumentalen Werk garantieren. 2010-02-10 11:30

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