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Schnittstellen

Stefan Höltgen: Schnittstellen – Serienmord im Film. Marburg 2010. Schüren, 392 Seiten. 29,90 Euro.

Serielles Morden erzählen

Von Jana Toppe Ein Mensch tötet – entweder planlos oder eiskalt kalkuliert – in einem bestimmten zeitlichen Abstand mehrere Menschen. Er kann völlig unscheinbar sein; es könnte der eigene Nachbar sein, dem man öfter schon einmal Zucker geborgt hat. Ganz gleich wie verstörend und unerträglich man als Zuschauer Gewalt im Spielfilm findet und wie herb man versucht, sie zu verurteilen: So ziemlich jeder hat in seinem Leben mindestens einen Film gesehen, dessen Handlung sich mit den grausamen Taten eines Serienmörders befaßte. Realhistorisch gesehen sind Fälle von serienweisem Töten auch kein Novum, und die menschliche Faszination für die dunkle Seite der Seele ist weithin bekannt.


Tatsächlich, so erklärt uns Stefan Höltgen, ist das Serienmörder-Wissen der meisten Menschen auf medialen Produktionen begründet, die ein Konglomerat aus Fakten, »Mythen, Klischees und nicht zuletzt Fiktionen« (alle Zitate: Stefan Höltgen) vermitteln. Die »wahre« Geschichte eines realhistorischen Serienmörders ist teilweise nicht mehr von der fiktional aufgewerteten filmischen Darstellung zu unterscheiden. Stefan Höltgens gleichnamiges Buch beleuchtet eben diese »Schnittstellen«, den Moment des Zusammenpralls von Realität und Fiktion, Begrifflichkeiten, die, wie er erläutert, gar nicht so scharf voneinander zu trennen sind. Es handelt sich bei dieser Authentizität vielmehr um eine ästhetische Konstruktion des Realitätseindrucks als um eine Darstellung außermedialer Realität.


Das Schlagwort ist Authentizität. Wie stark ist die Wirklichkeitserzeugung durch den Film? Wie »reell« ist die filmische Darstellung, und kann sie negativen Einfluss auf den Rezipienten nehmen, sprich: Wie groß ist die »Macht der Medien«? Besonders vor dem Hintergrund der Darstellung von (Serien-)Morden wurde diese Frage in den letzten Jahrzehnten häufig diskutiert, oft unter Hinweis auf den Behaviorismus, welcher zwar als veraltet gilt, aber dennoch stets als Argument verwendet wird.


Höltgen bringt, dieser Hypothese widersprechend, ein interessantes und bemerkenswertes Argument an, wenn er konstatiert, daß die fiktionale Aufarbeitung von Verbrechen nicht ausschließlich negativ betrachtet werden sollte (bzw. nicht als abschreckend oder habitualisierend verurteilt werden sollte), da eben diese Fiktion dem Rezipienten eine Möglichkeit zur Bestandsaufnahme der eigenen Kultur, ihrer moralischen Befindlichkeit und ihrer Ängste geben kann. Die Distanz zwischen Zuschauer und Leinwand werde natürlich vorsätzlich verringert, doch müsse der dadurch entstehende Schockeffekt nicht zwangsläufig negative Auswirkungen haben. Unter den Produktionen der Horror- und Thrillergenres benennt Höltgen den Serienmörderfilm als den glaubwürdigsten, suggeriert dieser doch stets die tatsächliche Möglichkeit seiner Tatbestände bzw. verarbeitet er kriminalhistorische Begebenheiten. Hierdurch wird der Rezipient stärker affektiert, denn die Ereignisse könnten seinen Alltag ohne weiteres betreffen.



Kernpunkt der Arbeit sind die Analysen von 37 Filmen des Serienmördergenres, die eben nicht, wie so oft üblich, nach Thesen gegliedert, sondern als Einheiten für sich behandelt werden. Somit gelingt eine detailgenaue und praktische Untersuchung der einzelnen Beispiele. Hierbei liegt der Fokus auf Filmen, die mittels ihrer Ästhetik eine möglichst hohe Authentizität herstellen. Neben Filmen, die größere akademische Aufmerksamkeit bekommen haben, widmet sich das Buch auch einigen bis dato unbeachteten Produktionen wie The Sniper (Edward Dmytryk 1952), Supernatural (Victor Halperin, 1933) oder Doctor X (Michael Curtiz, 1932). Hoch interessant ist auch die Besprechung von Herschell Gordon Lewis‘ Blood Feast (1963), dessen schreckenerregende Darstellung mit dem realen Schrecken der Geschichte, wie der Kuba-Krise oder dem beginnenden Debakel in Vietnam, parallelisiert wird.

Das Buch beleuchtet nicht nur die wechselseitige Einflußnahme zwischen dem Film und der Gesellschaft, die ihn rezipiert, sondern hebt im Zusammenhang damit auch den Wandel der Erzählmotive und der die Authentizität steigernden Filmtechnologie im Laufe der Zeit (je progressiver die Mittel, desto authentischer die Darstellung) hervor. »Schnittstellen« ist ein intelligent geschriebenes, ausgezeichnet recherchiertes und informatives Werk auf akademischem Niveau – schließlich ist dies die Ausarbeitung von Stefan Höltgens Dissertation. Somit ist dieses Buch nicht ausschließlich den Horror- und Thrillerfans vorbehalten, sondern widmet sich den Lesern mit wissenschaftlichem Anspruch. 2010-03-18 10:14

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