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Walter Hill

Ivo Ritzer: Walter Hill. Welt in Flammen. Berlin 2009. Bertz + Fischer, 288 Seiten. 25,- Euro.

Gegen den Kanon

Von Nils Bothmann Nimmt die filmwissenschaftliche Literatur bestimmte Hollywoodregisseure in den Fokus, dann wird meist ein kleiner Kanon intellektuell akzeptierter Größen wie David Lynch, Quentin Tarantino oder David Cronenberg mit einer Masse von Veröffentlichungen zu Tode diskutiert, gelegentliche Schlaglichter beleuchten das Schaffen von Personen wie James Cameron, Tim Burton oder Steven Spielberg, aber dies auch nur zu seltenen Gelegenheiten. Der große Rest der Filmschaffenden wird mißachtet, eine unterschwellige Angst scheinbar triviales Populärkino zu untersuchen ist spürbar. Schon allein deshalb muß man Ivo Ritzer dankbar dafür sein, in seiner nun in Buchform veröffentlichten Dissertation Walter Hill. Welt in Flammen gegen den Kanon zu schreiben und einen der unzähligen unterschlagenen Regisseure Hollywoods zu beleuchten.

Doch nicht nur die Intention, auch das Werk ist ein überaus gelungener Beitrag zur deutschen Filmwissenschaft, welches einer überaus klaren Struktur folgt. Im ersten der fünf Kapitel stellt Ritzer den Filmemacher Walter Hill vor, sein Schaffen als Drehbuchautor, Produzent und Regisseur. Das folgende Kapitel liefert einen umfassenden, aktuellen Forschungsstand zum Thema Autorentheorie oder treffender: der »politique des auteurs«, wie es die »Cahiers du Cinema« einst und Ivo Ritzer heute formulieren. Ritzer gibt nicht nur einen weitreichenden Überblick über das theoretische Feld, sondern zeigt ebenfalls auf, wie man das oft als altmodisch verschriene Konstrukt auch heute noch nutzbar machen kann.

Die tatsächliche Analyse des Hill-Kinos, die sich auf seine Regiearbeiten beschränkt, wird auf sinnvolle Weise in zwei Kapitel gegliedert. Zuerst stellt Ritzer allgemeine Betrachtungen zum Schaffen Hills an, macht sich also auf die Suche nach der vieldiskutierten »Handschrift des Autors« und zeigt auf, welche Stilmittel und Inhalte charakteristisch für das Kino von Walter Hill sind. Noch interessanter ist allerdings das Folgekapitel, welches die in Deutschland leider kaum genutzte, in der angloamerikanischen Filmwissenschaft dafür verbreitete Praxis des »close reading« anwendet, um für jeden Hill-Film eigene Betrachtungen anzustellen. Anstatt das facettenreiche Schaffen Hills strikt auf eine Gesamtthese herunterzubrechen, eröffnet Ritzer an dieser Stelle das Feld für weitergehende Überlegungen, liest jeden Film als Film für sich und doch im Kontext des Gesamtwerks. Argumentativ setzt sich der Autor in diesem Kapitel mit Themen wie dem Mythos Jesse James in Long Riders auseinander, liest Red Heat im Kontext der kulturellen Annäherung zwischen Ost und West und charakterisiert The Warriors als moderne Neuschreibung von Homers Odyssee, um dabei aufzuzeigen, daß das Populärkino Hills eben doch weitaus mehr als bloß auf Unterhaltung gebürstetes Spektakel ist. Da Hill weiterhin Filme dreht und seine Werke teilweise von anderen Regisseuren fortgesetzt werden, heißt das fünfte und letzte Kapitel folgerichtig: »Eine Bilanz, keine Coda« – der Gegenstand der Untersuchung dreht weiter, Ritzer wird ihm folgen, doch Walter Hill. Welt in Flammen liefert den vorläufigen Zwischenstand.

Kritik an dieser ausgesprochen durchdachten Analyse kann man nur wenig üben, allenfalls die durchaus vorhandene Fanboy-Haltung Ritzers ist dem Buch anzumerken, daß selbst in einem vergessenswerten B-Movie wie Undisputed noch wichtige Inhalte sieht. Doch Ritzers Begeisterung ist erfrischend ehrlich, ebenso seine aufrichtige Empörung über das, was Produzenten und Studio aus Hills Projekt Supernova durch unzählige Verschlimmbesserungen machten. Darüber hinaus muß man anmerken, daß Walter Hill. Welt in Flammen als Doktorarbeit nicht für jeden Leser einfach zu rezipieren ist, die Zielgruppe sind geisteswissenschaftlich gebildete Filmfans und cinephile Geisteswissenschaftler – diesen jedoch eröffnet Ritzers Dissertation vielschichtige Perspektiven auf das Kino Walter Hills. Es bleibt zu hoffen, daß man in Zukunft häufiger derartige Bücher lesen kann, die gegen den Kanon anschreiben – der amerikanische Film hat eben doch mehr zu bieten als lediglich Tarantino, Cronenberg und Lynch. 2010-03-10 12:48

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