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Von Monstern und Menschen

Gunther Gebhard, Oliver Geisler, Steffen Schröter (Hg.): Von Monstern und Menschen. Begegnungen der anderen Art in kulturwissenschaftlicher Perspektive. Bielefeld 2009. Transcript. 260 Seiten, 26,80 Euro.

Am Rande der vertrauten Welt

Von Ines Schneider Unter dem Titel »Von Monstern und Menschen« versammeln die Herausgeber Gunter Gebhard, Oliver Geisler und Steffen Schröter die Ausführungen elf verschiedener Autoren über die abnormen und abstoßenden Figuren, die die Imagination und das kulturelle Schaffen der Menschen bevölkern. Die Attribute, die einem Monster zugeschrieben werden, mögen sich im Laufe der Zeit verändert haben, nicht verändert hat sich jedoch die Funktion, die sie in den Erzählungen und der Imagination haben.

Simone Schultz-Balluff untersucht systematisch die klassischen Drachentöter-Sagen, in denen das Untier bezwungen und Stärke, Macht und Ansehen, kurz »ein Schatz«, gewonnen wird. Der Beitrag von Leila Werthschulte und Šeila Selimovć bietet eine differenzierte Begriffserklärung, die von dem antiken »monstra«, »miss- und fehlgebildete Wesen«, »die am Erdrand siedeln« über den mitteldeutschen Begriff „ungehiure“ für eine Vielzahl an Fabelwesen bis zu den »Dämonen« und »Monsters of the Week« der Fernsehserie Buffy the Vampire Slayer reicht. Immer vereinen diese Wesen mehrere, oft gegensätzliche Eigenschaften auf sich, die die Protagonisten zwingen, das Menschliche im Monster und das Monströse in sich selbst zu erkennen. Eine ähnlich genaue Herangehensweise wie die von Schultz-Balluff, Werthschulte und Selimovć hätte man sich auch bei anderen Autoren gewünscht. Es wäre bestimmt nicht übertrieben pedantisch, zwischen Mary Shelleys Doktor Frankenstein und der von ihm geschaffenen Kreatur zu unterscheiden.

Daß schon eine im Grunde kleine Verschiebung in den gesellschaftlichen Rollenbildern als Monstrosität wahrgenommen werden kann, legt Maximilian Schochow am Beispiel der festgeschriebenen Rechte von zweigeschlechtlich geborenen Menschen dar. Anfang des 17. Jahrhunderts räumt ihnen die Rechtsprechung noch überraschend viel Freiraum zum selbstgewählten Handeln ein. Das ändert sich im ausgehenden 17. Jahrhundert mit den Fortschritten der medizinischen Forschung. Nun gilt ihre Eigenart als Fehler der Natur, der korrigiert werden kann. Von diesem Zeitpunkt an werden die Lebensentwürfe dieser Menschen für zwei Jahrhunderte zur medizinischen Frage erklärt und unterliegen dem Ermessen von Chirurgen. Aber auch die im Vergleich liberal wirkende Rechtslage früherer Zeiten hatte vor allem ein Ziel: Anpassung an die üblichen männlichen oder weiblichen Verhaltensweisen.

Lukas Germann spürt monströse Verhaltensweisen auf, die wir gerne als übliche Versatzstücke des Kinos betrachten. Er untersucht die Darstellungsformen von Gewalt, die in ihrer Drastik und Intensität immer weiter zunehmen. Germann beschreibt die verschiedenen Wirkungsweisen solcher Inszenierungen. Er bestreitet nicht, daß Filmemacher sie sehr bewusst und mit ganz verschiedenen Absichten einsetzen können. Dennoch vermittelt er dem Leser und Zuschauer, daß dieser mit der stummen Akzeptanz der allgegenwärtigen Szenen der Gewalt die eigene Deformierung vom mitfühlenden zum abgestumpften Wesen in Kauf nimmt.

Eine eigene Art der Irritation lösen die Kunstwerke von Patricia Piccinini aus, die von Heike Thienenkamp analysiert werden. Piccininis Skulpturen wirken durch die Nachbildung von Adern, Haaren und Hautfalten wie lebensfähige Wesen und gehören doch keiner bekannten Spezies an. Versehen mit den Merkmalen von Tieren (Schnauzen, Krallen, Schwänze) und der Ausdruckskraft von Menschen (die Gesichter spiegeln Emotionen wider) wirken sie lebensecht und dennoch völlig fremd. Piccinini selbst erklärt ihre Kunst als Reaktion auf die wachsenden Möglichkeiten der Gentechnik. Ihre Kreaturen können sowohl beunruhigend wirken als auch optimistisch als Vorboten einer neuen Zeit gedeutet werden, in der sich die besten Eigenschaften von Menschen und Tieren vereinen lassen.

Die Texte fallen recht disparat aus, was beim Lesen den Eindruck einer etwas willkürlichen Themenwahl hervorruft. Doch es ist die Stärke des Buches das so häufig gebrauchte Wort »Monster« anhand ganz verschiedener Ansätze zu untersuchen, zu reflektieren und mit neuem Sinn zu füllen. Leider finden eher spaßige Schöpfungen wie Jim Hensons »Muppets« oder Maurice Sendaks »Wilde Kerle« keine Erwähnung, aber es ist den Herausgebern gelungen, umfassend darzulegen, warum unsere Faszination für andersartige, unbenennbare Geschöpfe nie abnimmt. 2010-03-03 12:48

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