Kann nicht mal einer nicht an die Kinder denken?
Von Nils Bothmann
Animierte Filme, egal ob gezeichnet oder am Computer erstellt, werden auch heute noch gern als Kinderunterhaltung abgetan – egal ob Pixar in
Wall·E lange Zeit auf jedweden Dialog verzichtet oder mit einer brillant-emotionalen Montage zu Beginn von
Oben Kinderlosigkeit und Tod thematisiert, auch auf die Gefahr hin die kleinen Zuschauer zu verstören. Florian Schwebel unternimmt nun den Versuch eine Geschichte des Animationsfilms für Erwachsene nachzuzeichnen, wobei er sowohl explizit an Erwachsene gerichtete Produktionen wie
Fritz the Cat untersucht als auch jene Produkte, die sich mit einer Doppelcodierung sowohl an ein voll- und minderjährige Zuschauer richten, wie
Falsches Spiel mit Roger Rabbit.
Dabei vertritt Schwebel durchaus gegen die Massenmeinung gerichtete Thesen, die jedoch meist auf glaubwürdige Weise argumentativ untermauert werden. So nimmt er bei der Rezeption der Slacker-Kultserie
Die Simpsons einen Gesinnungswandel wahr, von der anfänglichen »Wir gegen die«-Haltung zum resignierten »Wir sind die«, wobei er besagten Wandel um die neunte Staffel herum ansiedelt. So löblich der Mut ist, auch Kultobjekte mit kritischem Blick zu prüfen, so sehr versteigt sich das Buch an mancher Stelle zu einer Tirade des überkritischen Pessimismus, der fast jedem Animationsfilm neueren Datums Innovationspotential sowie Esprit abspricht und mit dem unangenehm muffigen Hauch der Ewiggestrigkeit frühere Werke als deutlich sehenswertere Vorbilder anpreist.
Dabei ist der historische Ansatz Schwebels eine lobenswerte Sache, da er aufzeigt, daß moderne Film- und Medientrends nicht im luftleeren Raum entstehen, sondern in einer Tradition von Entwicklungen stehen. Gerade mit dem verschobenen Bild des angeblichen Kiddie-Konzerns Disney räumt Schwebel auf, zeigt bereits in dessen frühen Werken das Potential zur Erwachsenenunterhaltung – während er dennoch, ebenfalls vollkommen richtig, betont, daß Zeichner wie Tex Avery dann immer noch mehr Mut zum Experiment besaßen als die Angestellten des Disneykonzerns. Mit ähnlichem Weitblick zieht Schwebel ebenfalls den Fokus seines Buches weit auf, nimmt nicht nur westlichen Zeichentrick unter die Lupe, sondern beschäftigt sich auch mit der japanischen Anime-Kultur und Realfilm/Zeichentrick-Mischformen wie
Sin City oder
Falsches Spiel mit Roger Rabbit.
Genau hierin liegt jedoch das große Problem von
Von Fritz the Cat zu Waltz With Bashir: Das Thema ist viel zu umfangreich für die rund 170 Seiten des Buches. Immer wieder bleibt es bei kurz angerissenen Ansätzen und Eilbesprechungen, immer wieder vermißt der thematisch interessierte Leser den einen oder anderen Film, der für das Genre relevant gewesen sein könnte. Darüber hinaus ergeht der Autor sich in kryptischen Sätzen wie „Jahrelang umgarnte er [Walt Disney] die Autorin von Marry Poppins, nur um sie dann in seinem Reich in Los Angeles als weltfremde Künstlerin vorzuführen und zu demütigen.“ Weiter wird diese Geschichte nie ausgeführt, der Leser kann sich allenfalls im Internet schlau machen, welcher Vorfall dahinter steckt. Das Buch zum Selbergooglen? Nein danke. Es scheint fast so, als habe Schwebel ein wesentlich umfangreicheres Werk im Sinn gehabt und wollte oder durfte es dann nicht schreiben, was schade ist: Die Oscar-Nominierung für
Waltz with Bashir und der Siegeszug der 3D-Technik mit James Camerons
Avatar zeigen die Bedeutung dieses Genres in der modernen Filmlandschaft, wie auch Schwebel erwähnt. Sein Buch ist allerdings eher für einen Überblick zum Einstieg geeignet – vielleicht schreibt er ja irgendwann eine ausgiebige, weiter in die Tiefe gehende Ausführung zu dem Thema.
2010-02-24 12:47