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Green Porno

Isabella Rossellini: Green Porno. München 2009. Schirmer/Mosel, 176 Seiten. 29,80 Euro.

Ökologischer Beischlaf

Von Kyra Scheurer Es gibt wohl wenige Dinge, die weiter auseinanderliegen als Umweltschutz und Porno. Um diese Pole zu verbinden, braucht es schon eine gehörige Portion Humor – und genau die hat Isabella Rossellini. Zuletzt machte die umtriebige Tochter von Ingrid Bergman und Roberto Rossellini mit ausgewiesenem Sinn für abseitige Filmkunst vor allem durch ihre kreative Kollaboration mit Guy Maddin von sich reden – mit »Green Porno« macht sie sich nun völlig unabhängig und präsentiert ein ureigenes Projekt: 18 meist einminütige Kurzfilme, in denen sie wild kostümiert kuriosen Phänomenen des Sexuallebens von Insekten und Meeresgetier nachgeht.

Die Rossellini als Wal mit Zwei-Meter-Erektion, die Rossellini als angriffslustiges Seeteufelmännchen oder als schüchterne weibliche Garnele nach der Häutung, als gemeine Stubenfliege, Napfschnecke oder auch grausame Spinnenfrau – mit diebischer Freude klärt sie inmitten farbenprächtiger Pappmachészenarien in ebenso kunstvollen wie variantenreichen Tieroutfits auf. Rossellini tut das, was sie wahrscheinlich am liebsten mag: Geschichten erzählen. Und neben allem poetisierenden Augenzwinkern in der Darstellung – sie bleibt knallhart im Rahmen der wissenschaftlichen Korrektheit und erreicht so durch die Hintertür, daß man am Ende tatsächlich nicht nur mehr über einzelne Arten und ihre wunderlichen Paaarungswege weiß, sondern sich generell mehr für das manchmal mikroskopisch kleine Leben interessiert – so sehr, daß man sicherlich sofort jeden Aufruf zur Rettung bedrohter Tierarten unterzeichnen würde.

Und weil man durch die spielerische Leichtigkeit der ersten Miniaturen rundum freundlich gestimmter Gutmensch wurde, übersieht man gerne, daß der Kurzbeitrag gegen die Sardellen auf Pizza arg didaktisch und die unvermittelte Einbeziehung eines Meeresbiologen in den letzten Filmen mehr als überflüssig und inkonsequent ist. Denn schließlich möchte man nach Ansicht der DVD viel lieber noch im aufwendig und liebevoll gestalteten Buch blättern und hat auf einmal selbst eine kleine, diebische Lust darauf, diese Lach- und Sachgeschichten in die Welt zu tragen. Denn wie immer, wenn es um die Sache mit dem Sex geht, stellt sich auch bei Floßlern und Achtbeinern die Frage: »Wie sag’ ich’s meinem Kinde?« Eine Frage, auf die Isabella Rossellini 18 meist mehr, mal weniger zauberhafte Antworten gefunden hat. 2010-02-03 09:14

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #57.

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