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Sprachversionsfilme aus Babelsberg

Chris Wahl: Sprachversionsfilme aus Babelsberg. Die internationale Strategie der Ufa 1929-1939. München 2009. Edition Text + Kritik, 458 Seiten. 38,- Euro.

Filmen in fremden Zungen

Von Thomas Warnecke Chris Wahls Buch hat mit seiner CO2-Bilanz hinsichtlich der mutmaßlich hin zu den verschiedenen Archiven zurückgelegten Flugkilometer etwas Altertümliches, wenn dieses Wort in Zeiten des die politische Agenda mindestens dominierenden Klimageschwurbels nicht als zynisch empfunden wird. Weil es doch eigentlich Internet gibt und so. Anders gesagt, diesmal wirklich polemisch gemeint: In seinem Buch steckt viel Arbeit.

Das paßt, da Film hier vor allem als Ware verhandelt wird. Es geht um eines der in mehrfacher Hinsicht spannendsten Kapitel der deutschen Filmgeschichte, nämlich einerseits um die Zeit von 1929 bis 1939, andererseits und gleichzeitig um die anstelle etwa von Synchronfassungen hergestellten Sprachversionsfilme – nicht nur für den europäischen Markt: »Im Dezember 1931 beispielsweise«, weiß das Buch z.B. auf Seite 168, »erwarb die Société Cinématographique Ostfilm (!) die alleinigen Aufführungsrechte an der deutschen, französischen oder englischen Version von Der Kongreß tanzt und Bomben auf Monte Carlo für das Gebiet des Königreichs Persien sowie für Bagdad.« Und in Luxemburg konnte der geneigte Kinogänger oft gleich beide Versionen – die deutsche und französische – eines Films sehen, während Londoner Kinos deutsche und französische Versionen neben der englischen als »Bonbon für ausländische Einwohner und Studenten« zeigten. Alles auf Seite 168! Und so informationsdicht geht’s das ganze Buch hindurch weiter; Film-, Personen-, Firmen- und sogar Kinoregister sind da wirklich hilfreich und vorhanden. Außerdem kann sich der Leser dank beigefügter DVD mit Filmbeispielen ein wenig wie die Luxemburger und Londoner jener Jahre fühlen.

Das sprechende als das unterhaltsame(re gegenüber dem der 20er Jahre) Kino, das ist die sowohl ästhetische wie politische Geschichte, die dieses Buch schildert. Detailliert bis ins Anekdotische wird nachgezeichnet, was Goebbels durchgehen ließ und was nicht, wobei die ohnehin allenfalls subtilen Anspielungen in der fremdsprachigen Version quasi von selbst verschwanden. Chris Wahl hat sich schon mit seiner Dissertation »Das Sprechen des Spielfilms« dem von ihm als solchen apostrophierten Medienwechsel vom stummen zum Tonfilm zugewandt und damit einem in der eher aufs Visuelle (als dem vermeintlich »Filmischen«) sich kaprizierenden deutschsprachigen Filmwissenschaft vernachlässigten Thema. Für das hier vorliegende Werk schöpft er ganz faktisch und praktisch aus den bereits erwähnten Archiven und vielen, hauptsächlich außerdeutschen Publikationen. Doch fehlen theoretische Überlegungen und Spekulationen, etwa zur Beeinflussung Bollywoods durch Ufa-Filmoperetten, durchaus nicht, wie überhaupt viele Bezüge zum nachfolgenden bis heutigen Kino hergestellt werden. Eine Fundgrube. 2010-01-27 12:41

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #57.

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