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Der gewöhnliche Faschismus

Wolfgang Beilenhoff, Sabine Hänsgen (Hg.): Der gewöhnliche Faschismus. Ein Werkbuch zum Film von Michail Romm. Berlin 2009. Verlag Vorwerk 8, 335 Seiten. 24,- Euro.

Sammeln, ordnen, neu verorten

Von Thomas Waitz Der Kompilationsfilm gehört allein deshalb zu den interessantesten filmischen Genres, weil er im besten Fall auch eine Selbstreflexion filmischer Bilderproduktion leistet. In diesem Sinne stellt er sich einer doppelten Herausforderung: Indem er Wirkungsweisen und Verfahren des vorgefundenen filmischen Materials dekontextualisiert, dieses aber zugleich innerhalb seiner eigenen sinnbezogenen Narration neu verortet und mittels je spezifischer Montagekonventionen anordnet, stellt er seiner Form nach ein einzigartiges Lektüreverfahren historischer Bilder dar, das mit genuin filmischen Mitteln operiert.

Ein solcher Kompilationsfilm ist Michail Romms Der gewöhnliche Faschismus (Obyknowenny faschism, SU 1965). In der nachstalinistischen Sowjetunion stellt er den ersten umfassenden Versuch einer filmischen Reflexion über den Faschismus und indirekt auch über die eigene totalitäre Vergangenheit dar. Er ist Gegenstand eines höchst bemerkenswerten, von dem Filmwissenschaftler Wolfgang Beilenhoff sowie der Slavistin Sabine Hänsgen editierten »Werkbuchs zum Film«. Bemerkenswert ist es deshalb, weil es, anstatt eine allein theoretische Auseinandersetzung zu suchen, selbst wiederum eine Form der Relektüre darstellt. Den größten Teil des Bandes nimmt die Reproduktion des Originallayouts eines von Regisseur Michail Romm entworfenen, zu seinen Lebzeiten jedoch von der Zensur verbotenen Foto-Text-Buches ein. Fotographische Vergrößerungen der Filmkader, welche als Sequenz die Einstellungsfolge des Films wiedergeben, stehen hier neben dem schriftlichen Kommentar Romms – mit dem Effekt eines ganz eigenen Text-Bild-Verhältnisses. Dieser Transkription anheimgestellt wurde eine Reihe von Essays, welche aus gegenwärtiger Perspektive den Film analysieren und einordnen, etwa im Hinblick auf die Geschichte des Reichsfilmarchivs, Verfahren der Montage, der Bild-/Ton- und Schriftverhältnisse, aber auch unter Bezug auf die signifikant unterschiedlichen deutsch-deutschen Fassungen des Films sowie der autoritativen Funktion des Voice-Over-Kommentars.

Der graphisch aufwendig gestaltete Band verhandelt damit nicht nur ein Fallbeispiel, sondern stellt eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten filmischer Relektüren und dem Umgang mit faschistischen und totalitären Bildern dar. Wie umstritten diese Umgangsweisen sind, zeigt ein Blick in die zeitgenössischen Rezensionen, mit denen der Band schließt – in ihnen wird die wechselhafte politische Inanspruchnahme offenkundig. 2010-01-20 10:55

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #57.

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